Fast menschenleer ist die Schillerstraße im Zentrum Weimars (Archivbild).  | dpa

Vierte Corona-Welle Forscher halten Lockdown für vermeidbar

Stand: 29.11.2021 12:01 Uhr

Die Corona-Inzidenz steigt täglich, die Kliniken sind teils überlastet. Trotzdem hält eine Gruppe von Forschern um die Physikerin Priesemann einen Lockdown für abwendbar - wenn bestimmte Maßnahmen schnell ergriffen werden.

In der aktuellen Corona-Welle lässt sich ein bundesweiter Lockdown nach Einschätzung renommierter Forscher noch abwenden. Voraussetzung dafür seien aber die konsequente und verstärkte Umsetzung von Schutzmaßnahmen und zügiges Impfen, heißt es in einem heute veröffentlichten Papier. Zu den Autorinnen und Autoren zählen unter anderem die Physikerin Viola Priesemann, die Epidemiologin Eva Grill und der medizinisch-wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters, Christian Karagiannidis.

Die Forscher stellen fest, dass das Gesundheitssystem regional bereits überlastet sei. "Die regionale Überlastung ist nicht mehr abzuwenden, aber sie kann abgemildert werden", so die Wissenschaftler. Der Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz und der Hospitalisierungsrate müssten dringend verlangsamt und gestoppt werden.

Rekordwert bei täglichen Impfungen benötigt

Als wichtigste Maßnahme hierfür erachten die Forscher "das Impfen und Boostern von zwei Prozent der Bevölkerung pro Tag". Das entspräche mehr als 1,6 Millionen Impfungen pro Tag - und damit deutlich mehr als je zuvor. Der bisherige Höchstwert wurde am 9. Juni 2021 mit 1,4 Millionen verabreichten Impfdosen erzielt.

Alle anderen Maßnahmen dienten der Überbrückung, bis eine ausreichende Immunität aufgebaut sei, so die Wissenschaftler. Hierzu zählten vor allem 3G- bis 2G-Plus-Regeln inklusive des Tragens eines medizinischen Mund-Nasen-Schutzes. In besonders betroffenen Bundesländern seien außerdem weiterreichende Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen notwendig.

Höhepunkt der vierten Welle noch im Dezember

Die Forscher rechnen damit, dass die vierte Corona-Welle ihren Höhepunkt bereits im Dezember erreicht - vorausgesetzt, es erhalten täglich ein bis zwei Prozent der Bevölkerung eine Auffrischungsimpfung. Die Sieben-Tage-Inzidenz werde dann in mehreren Bundesländern bei mehr als 1000 liegen. Folglich sei mit der stärksten Belastung der Intensivstationen zwischen Ende Dezember und Mitte Januar zu rechnen. Darauf müssten sich die Kliniken vorbereiten und von der Politik "maximale Unterstützung" erhalten.

Auch mit der neuen Virusvariante Omikron, die erstmals im südlichen Afrika gemeldet worden war und mittlerweile auch in Deutschland nachgewiesen ist, beschäftigen sich die Forscher. Sie betonen, die Eigenschaften dieser Virusvariante seien bislang noch unzureichend bekannt. Es gebe aber Hinweise auf eine höhere Übertragbarkeit im Vergleich zu bisherigen Varianten. Auch deshalb schlussfolgern sie: "Ein rasches und konsequentes Handeln, das zu einer deutlichen Eindämmung des Infektionsgeschehens führt, ist zu diesem Zeitpunkt essentiell."

Außerdem fordern die Wissenschaftler, die Politik müsse jetzt schnell einen sogenannten "Not-Schutzschalter" entwickeln. Um bei einer Verschärfung der Pandemie-Lage umgehend reagieren zu können, bedürfe es klarer Handlungspläne, die für alle Bundesländer gelten. Hierfür seien "schnellstmöglich" die juristischen Voraussetzungen zu schaffen. Noch vor drei Wochen hatten dieselben Forscher dafür plädiert, einen solchen "Not-Schutzschalter" sogar schon kurzfristig anzuwenden.

Auch Medizinerverbände warnen

Ähnliche Forderungen kommen von der Gesellschaft für Virologie (GfV) und der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI). In einem eindringlichen Appell warnen sie vor einem Zusammenbruch der Krankenhausversorgung in Deutschland. "Sollte es nicht gelingen, die Anzahl der Infektionen rigoros zu reduzieren, wird ein Kollabieren des stationären Gesundheitssystems nicht zu verhindern sein", heißt es in dem gemeinsamen Text.

Konkret fordern die Verbände neben weitgehenden Kontaktbeschränkungen "die Erhöhung der Impfquote gegebenenfalls durch Einführung einer Impfpflicht sowie eine konsequente Auffrischungsimpfung". Übergeordnetes Ziel müsse es sein, "die Zahl der Infektionen und damit die der Hospitalisierungen soweit zu reduzieren, dass in den Krankenhäusern eine regelhafte Krankenversorgung und Durchführung elektiver - also zeitlich verschiebbarer - Eingriffe uneingeschränkt möglich ist".

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. November 2021 um 12:00 Uhr.