RKI-Präsident Lothar Wieler | Bildquelle: dpa

Coronavirus in Deutschland "Wir müssen Zeit gewinnen"

Stand: 27.02.2020 11:16 Uhr

RKI-Präsident Wieler spricht von einer schweren Krankheitsform, mahnt aber im Fall des Coronavirus zur Besonnenheit. Wichtig sei es, dass sich jeder an die Schutzmaßnahmen halte. Für "italienische Verhältnisse" sehe er keinen Anlass.

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat angesichts der neuen Lage in Deutschland mit weiteren Corona-Erkrankten zu besonnenem Handeln gemahnt. "Wir haben es mit einer schweren Krankheitsform zu tun", sagte RKI-Präsident Lothar Wieler bei einer Pressekonferenz. "Wir sind dem aber nicht schutzlos ausgeliefert", ergänzte er.

Alle Menschen könnten etwas tun, um sich vor Ansteckungen zu schützen, etwa durch regelmäßiges Händewaschen oder Desinfizieren der Hände, wenn kein Waschbecken verfügbar sei. Zudem sollte die sogenannte Husten-Nies-Etikette eingehalten werden - also Abstand halten, Einwegtaschentücher benutzen und in die Armbeuge niesen, wenn kein Taschentuch zur Hand ist.

Robert Koch-Institut spricht von "schwerer Krankheitsform"
tagesschau 12:00 Uhr, 27.02.2020, Jens Eberl, WDR

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Impfstoff lässt auf sich warten

Ziel sei es, Zeit zu gewinnen, also die Verbreitung der Krankheit zu verlangsamen. Da das Virus sehr leicht übertragen werde, müsse alles versucht werden, es einzudämmen. Problematisch sei, dass es bislang keine Medikamente gebe, die nachweisbar helfen. Auch die Entwicklung eines Impfstoffes werde noch Monate dauern. Rein zeitlich sei es angesichts der aufwändigen Verfahrens und sich anschließenden Tests kaum noch zu schaffen, noch in diesem Jahr ein Mittel auf den Markt zu bringen.

Wieler geht nicht davon aus, dass es in Deutschland Städte abgeriegelt werden müssen. Für "italienische Verhältnisse" gebe es keinen Anlass. Wie viele Menschen in Nordrhein-Westfalen unter häusliche Quarantäne gestellt werden, sei noch nicht abzusehen. In Bayern seien die Quarantänemaßnahmen sehr erfolgreich gewesen. Dort habe es 14 Infizierte gegeben, bis zu 240 Menschen aus deren Umfeld seien zeitweise zu Hause isoliert worden.

Krisenstab nimmt Arbeit auf

Die Bundesregierung will am Mittag über ihr weiteres Vorgehen informieren. Bundesinnenminister Horst Seehofer und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn haben einen gemeinsamen Krisenstab eingerichtet. Die Ministerien seien schon seit Wochen im engen Austausch, sagte Spahn in den tagesthemen. Der Krisenstab würden diesen Austausch nun institutionalisieren.

In Berlin erklärte der CDU-Politiker, die neuen Fälle, die seit Dienstag bekannt geworden seien, hätten eine neue Qualität. So sei die Infektionskette teilweise nicht nachvollziehbar, und die Kontakte der infizierten Personen ließen sich nicht zurückverfolgen.

Daniel Pokraka, ARD Berlin, mit Einschätzungen zur drohenden Epidemie
tagesschau 14:00 Uhr, 27.02.2020

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Warnung vor Panik

Außerdem kündigte Spahn verbesserte Informationskampagnen für die Bürger an, wie man sich gegen das Coronavirus schützen könne. Auch das medizinische Personal werde entsprechend vorbereitet.

Auch er warnte vor Panikreaktionen. Es sei immer auch eine Frage der Verhältnismäßigkeit einer Maßnahme. So sei beispielsweise nicht abzusehen gewesen, dass sich ein Betroffener auf einer Karnevalsveranstaltung aufgehalten habe. Man könne nicht "das gesamte öffentliche Leben in Deutschland, Europa und der Welt beenden", so der Minister, zumal die Lage in China und Italien zeige, dass es "das Infektionsgeschehen nicht beendet", wenn man ganze Orte abriegele.

Neue Fälle in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und NRW

Die Zahl der Infizierten in Baden-Württemberg stieg inzwischen auf vier. Während zwei der Neuerkrankten Kontakt zum "Patienten Null", einem 25-Jährigen aus Göppingen, haben, meldet die Stadt Rottweil nun einen weiteren Fall, der nicht damit in Verbindung steht. Es handelt sich um infizierten Mann, der sich mit seiner Familie im Risikogebiet in Italien aufgehalten habe.

Auch Rheinland-Pfalz meldet einen Corona-Fall. Wie die Bundeswehr mitteilte, wird ein Soldat im  Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz behandelt. Er soll auf einer Karnevalsveranstaltung Kontakt zu dem Erkrankten aus Nordrhein-Westfalen gehabt haben.

Am Abend meldete Nordrhein-Westfalen drei weitere Fälle: Im Zuge der Überprüfung von Kontaktpersonen des erkrankten Ehepaares hätten sich unter anderem zwei neue bestätigte Infektionen ergeben, teilte der Kreis Heinsberg mit. Dabei handele es sich um eine Mitarbeiterin des schwer erkrankten 47-Jährigen und deren Lebensgefährten.

NRW: Patient weiter in Lebensgefahr

Ein Corona-Patient in Nordrhein-Westfalen ist nach wie vor schwer erkrankt. Der Landrat des Kreises Heinsberg, Stephan Pusch, erklärte, der 47-jährige Patient habe unter einer Vorerkrankung gelitten und schwebe in Lebensgefahr. Die Ehefrau des Mannes werde ebenfalls stationär behandelt, ihr Zustand sei stabil.

Coronavirus, Sars-CoV-2 und Covid-19

Coronavirus ist die geläufigste Bezeichnung für das neuartige Virus aus China. Dessen offizieller Name, den die WHO festgelegt hat, lautet Sars-CoV-2. Die aus dem Virus resultierende Lungenkrankheit heißt Covid-19.

Problematisch sei die Tatsache, dass die beiden Betroffenen in den vergangenen zwei Wochen "am gesellschaftlichen Leben teilgenommen" hätten, erklärte Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Zahlreiche Kontaktpersonen befänden sich deshalb in häuslicher Quarantäne. Hauptziel sei es, die Infektionsketten zu unterbrechen. "Ob uns das gelingt oder nicht, werden wir sehen", so der CDU-Politiker.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 26. Februar 2020 um 22:15 Uhr.

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