Ein Kameramann filmt einen Wohnblock im Berliner Ortsteil Friedrichshain. Bei 44 Bewohnern des Gebäudekomplexes sind Corona-Infektionen nachgewiesen worden.  | dpa

Corona-Infektionsherde Neue Hotspots - Sorge vor zweiter Welle

Stand: 23.06.2020 18:23 Uhr

Eine größere Zahl von Corona-Neuinfektionen gibt es nicht nur bei Tönnies. Fälle werden auch aus einem Schlachthof in Niedersachsen und einem Berliner Wohnhaus gemeldet. Der Virologe Drosten befürchtet eine unbemerkte Ausbreitung des Virus.

Der Virologe Christian Drosten sieht derzeit in mehreren Orten eindeutige Anzeichen, dass das Coronavirus sich wieder stärker verbreitet. Im NDR-Podcast warnte er nach neuen Corona-Ausbrüchen vor einer unbemerkten Ausbreitung des Virus in die Bevölkerung. Die Verbreitung über die betroffene Gegend hinaus zu verhindern, sei jetzt das Entscheidende, so der Charité-Wissenschaftler. Schon jetzt ist aus Sicht des Virologen große Vorsicht geboten, dass sich keine zweite Welle entwickelt.

"Ich bin nicht optimistisch, dass wir in einem Monat noch so eine friedliche Situation haben wie jetzt, was die Epidemietätigkeit angeht" sagte Drosten. "In zwei Monaten, denke ich, werden wir ein Problem haben, wenn wir nicht jetzt wieder alle Alarmsensoren anschalten." Die Bevölkerung müsse einsehen, dass die Gesundheitsbehörden Unterstützung und Konsens bräuchten.

Strenge Maßnahmen in Gütersloh und Warendorf

Drosten bezog sich bei seinen Aussagen unter anderem auf die Fälle in Nordrhein-Westfalen. Dort hatte der Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies zu neuen Maßnahmen in den Kreisen Gütersloh und Warendorf geführt. Nach Angaben von Ministerpräsident Armin Laschet handele es sich um das bisher "größte Infektionsgeschehen" in Deutschland.

Von 7000 Mitarbeitern der Firma Tönnies in Rheda-Wiedenbrück wurden 1553 positiv getestet. Hinzu kämen laut Laschet einige Fälle aus dem familiären Umfeld der Betroffenen, deren Zahl aber noch nicht bekannt sei. Bei Nicht-Mitarbeitern von Tönnies im Kreis Gütersloh habe man nur 24 Infizierte, so Laschet.

Auch die Neuinfektionen in Berlin-Neukölln erwähnte Drosten. Dort stehen nach fast 100 nachgewiesenen Fällen rund 370 Haushalte an sieben Standorten unter Quarantäne.

Neue Fälle in Schlachthof bei Oldenburg

Inzwischen wurden neue Ausbrüche an verschiedenen weiteren Orten bekannt. Aus einem Schlachthof der PHW-Gruppe im niedersächsischen Wildeshausen bei Oldenburg wurden mehrere positiv getestete Mitarbeiter gemeldet. Bei 23 von 50 getesteten Beschäftigen sei das Coronavirus nachgewiesen worden, sagte ein Sprecher des Landkreises.

Der PHW-Gruppe zufolge sollen alle mehr als 1100 Mitarbeiter des Schlachthofes auf eine Corona-Infektion getestet werden. Zusammen mit dem Unternehmen sollen Maßnahmen ergriffen werden, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen und die Ursachen aufzuarbeiten, sagte Landrat Carsten Harings. Zur Unterstützung bei der weiteren Kontaktermittlung forderte die Kreisverwaltung beim Niedersächsischen Landesgesundheitsamt zusätzliche Containment-Scouts an.

37 Haushalte in Berlin-Friedrichshain unter Quarantäne

Ein weiterer Berliner Wohnkomplex wurde unter Quarantäne gestellt, nachdem bei 44 Bewohnern des Hauses im Stadtteil Friedrichshain Corona-Infektionen nachgewiesen worden waren. Wegen einiger Fälle habe das Gesundheitsamt in der vergangenen Woche umfangreiche Testungen bei Kontaktpersonen vorgenommen, sagte eine Sprecherin des Bezirks der Nachrichtenagentur dpa. Die betroffenen 37 Haushalte wurden demnach unter Quarantäne gestellt. Die Menschen hätten keine Symptome gehabt.

Unter den Infizierten seien auch Kinder, hieß es. "An den betroffenen Schulen und Kitas werden nun ebenfalls Testungen angeboten", erklärte die Sprecherin weiter. Die Menschen in Quarantäne würden vom Bezirksamt mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln versorgt.

Zu möglichen Hintergründen der Häufung von Fällen machte der Bezirk keine weiteren Angaben. Auch nicht dazu, ob ein Zusammenhang zu dem Ausbruch in Berlin-Neukölln besteht. Querverbindungen auch in andere Bezirke wurden vermutet.

Weitere Neuinfektionen gab es auch in Friedland bei Göttingen - dort in einer Flüchtlingsunterkunft. Derzeit seien 19 der insgesamt 190 Bewohner und eine Mitarbeiterin mit dem Virus infiziert, sagte eine Sprecherin der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen. Die Personen seien nun mit ihrer jeweiligen häuslichen Gemeinschaft isoliert untergebracht worden.

RKI-Chef Wieler: "Es liegt in unserer Hand"

Der Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hatte zuvor gesagt, er sei "sehr optimistisch" bei der Frage, ob eine zweite Infektionswelle verhindert werden kann. "Es liegt in unserer Hand, in unserer Verantwortung", war seine Antwort. Man werde das Virus kontinuierlich im Land haben, lokale Ausbrüche werde es wohl weiter geben. Man müsse weiter wachsam sein und Abstands- und Hygieneregeln einhalten. "Das wird die neue Normalität sein für die nächsten Wochen und Monate", sagte Wieler.

Die Zahl der Neuinfektionen liegt in Deutschland seit Wochen bei deutlich unter 1000 pro Tag. Den jüngsten Anstieg des sogenannten R-Werts begründete Wieler damit, dass vermutlich die großen Corona-Ausbrüche, wie etwa bei Tönnies, den R-Wert "massiv beeinflussen". Endgültig stehe dies aber noch nicht fest, es werde noch geprüft.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Juni 2020 um 18:00 Uhr.