Eine ambulante Pflegerin hilft einer alten Frau einen Stützstrumpf anzuziehen | Bildquelle: dpa

Coronavirus Wenn die Pflegekraft wieder nach Hause fährt

Stand: 22.04.2020 09:11 Uhr

Durch Corona ist es schwieriger geworden, osteuropäische Pflegekräfte für deutsche Senioren zu finden - auch weil viele Beschäftigte illegal in Deutschland waren. Bei den Agenturen steigt die Nachfrage.

Von David Zajonz, WDR

Ruth Reimann hat die polnische Pflegekraft ihres Vaters direkt ins Herz geschlossen. Schon als Justyna P. zum ersten Mal vor der Tür stand, habe sie gewusst: "Das ist die Richtige." Justyna sei unendlich angenehm, fröhlich und kooperativ, erzählt die Kölnerin.

Seit Anfang Februar wohnt die Polin bei dem 94-jährigen Werner Esser. Sie kocht für ihn, macht seine Wäsche und achtet darauf, dass er nicht stürzt. Für seine Tochter, die selbst voll berufstätig ist, ist das eine enorme Entlastung. Aber schon Ende des Monats wird Justyna P. die Familie verlassen. Sie fährt nach fast drei Monaten in Köln vorerst zurück nach Polen.

Corona macht Situation schwieriger

Für viele Familien ist es ein großes Problem, wenn die Pflegekraft die Angehörigen verlässt. Denn Corona macht die Suche nach einer Nachfolge schwieriger. Einige der osteuropäischen Betreuungskräfte sind selbst älter und fürchten sich vor einer Ansteckung. Außerdem ist die Anreise komplizierter geworden, weil viele Busunternehmen nicht mehr fahren.

Der Branchenverband VHBP hatte deshalb für die Zeit nach Ostern eine Versorgungslücke befürchtet, weil zu diesem Zeitpunkt besonders viele Pflegekräfte in die Heimat zurückfahren. Das scheint, zumindest im legalen Bereich der Betreuung, bislang nicht eingetroffen zu sein. "Hier können die Agenturen die Familien weiterhin stabil versorgen", erklärt Verbandsgeschäftsführer Frederic Seebohm.

Großteil arbeitet schwarz

Jedoch findet nach Schätzung des Verbandes 90 Prozent der häuslichen Pflege in Schwarzarbeit statt. Theoretisch dürfen die illegal beschäftigten Pflegekräfte in Corona-Zeiten überhaupt nicht mehr nach Deutschland einreisen. Nur wer einen triftigen Grund hat, also etwa eine legale Beschäftigung, darf kommen. Allerdings wird das offenbar nicht in allen Fällen kontrolliert.

Das Bundesinnenministerium teilt dazu mit: "An der Grenze zu Polen finden keine Grenzkontrollen statt; die Einhaltung der Einreiseregelungen wird durch verstärkte Kontrollmaßnahmen der Bundespolizei im Grenzbereich überprüft." Für schwarz arbeitende Pflegekräfte besteht also - zumindest teilweise - weiterhin die Möglichkeit, ins Land zu kommen.

Eine polnische Polizistin winkt vor dem Grenzübergang Garz in Swinoujscie (Swinemünde) in Polen auf der Insel Usedom an der polnisch-deutschen Grenze einen Reisebus zur Kontrolle raus. | Bildquelle: dpa
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Durch die Grenzkontrollen ist die Ein- und Ausreise nach Polen schwieriger geworden.

Fragiles System

Dennoch ist die Unsicherheit in vielen Familien groß, wie am Beispiel der Kölner Vermittlungsagentur von Ariane Fischer deutlich wird. Seit der Corona-Krise bekomme sie viel mehr Anrufe von Familien, die Pflegekräfte suchen: "Die Nachfrage ist jetzt gerade um das Dreifache gestiegen."

Fischers Vermutung: Viele der Familien, die vorher auf Schwarzarbeit gesetzt haben, wenden sich jetzt an die Agenturen. In den Gesprächen mit potenziellen Neukunden stelle sich oft heraus, dass diese bislang "selbstorgansierte" Pflegekräfte zu Hause hatten - gemeint ist eine irreguläre Beschäftigung.

Während eine illegal beschäftigte Pflegekraft etwa 1500 Euro im Monat kostet, werden bei der legalen Vermittlung rund 2500 Euro im Monat fällig. Nicht alle Familien wollen oder können sich das leisten. Die Corona-Krise legt offen, wie fragil das System der häuslichen Pflege ist.

"Treueprämie" für Pflegekräfte

In Bergisch Gladbach kämpft Dirk Mertens gegen die drohende Versorgungslücke. Seine Agentur SenVitaris versucht die häuslichen Pflegekräfte mit einer "Treueprämie" zum Bleiben zu bewegen. Wer für weitere zwei Monate in Deutschland bleibt, bekommt einen vierstelligen Betrag als Bonus. Einen Drittel dieser Mehrkosten müssen die Kunden tragen.

Die Treueprämien sind aber nur eine kurzfristige Lösung, sagt Agenturchef Mertens: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Ende Juni noch einmal verlängern können." Die Pflegekräfte werden mit ihren Kräften am Ende sein, auf viele von ihnen warten im Heimatland die eigenen Kinder und Eltern.

So ist es auch bei Justyna P.. Sie hat ihren Aufenthalt schon um zwei Wochen verlängert. Jetzt will sie nach mehreren Monaten in Deutschland endlich ihre beiden Söhne wiedersehen. Ihr Mann ist alleine mit den Kindern. In Polen sind die Schulen derzeit geschlossen, die Kinder sind tagsüber zuhause. Justyna P. wird auch dort gebraucht. Danach will sie aber wieder nach Köln zurückkommen - trotz Corona.

Kabinett plant höhere Mindestlöhne für Pflegekräfte
Angela Tesch, ARD Berlin
22.04.2020 08:20 Uhr

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