Eine medizinische Maske liegt auf dem Pflaster, im HIntergrund ein geschlossener Weihnachtsmarkt in Frankfurt am Main. | dpa

Omikron-Variante "Sehe einen Lockdown auf uns zukommen"

Stand: 20.12.2021 08:54 Uhr

Angesichts der Omikron-Variante halten Experten und Politiker einen erneuten Lockdown in Deutschland für nötig. Krankenhäuser warnen vor einer Überlastung. Bund und Länder beraten Dienstag über neue Maßnahmen.

Die Omikron-Variante verbreitet sich bisher in Deutschland langsamer als in anderen Ländern wie Großbritannien. Das wird sich jedoch schnell ändern, glauben Experten wie der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl. Er rechnet damit, dass sich auch viele geimpfte Menschen mit Omikron anstecken könnten.

"Wir werden die bei Omikron hochschießenden Inzidenzen sehr stark runterbringen müssen und das wird uns nicht jetzt wie in dieser vierten Welle mit Booster-Impfungen gelingen, sondern dann nur wieder mit Abstand und Kontaktbeschränkungen", sagte Watzl der "Augsburger Allgemeinen". "Ich sehe leider einen Lockdown auf uns zukommen, der uns alle betreffen wird."

Corona-Expertenrat für baldige Beschränkungen

Auch der Corona-Expertenrat der Bundesregierung hatte am Sonntag die rasche Einführung neuer Kontaktbeschränkungen empfohlen. Handlungsbedarf besteht den Experten zufolge "bereits für die kommenden Tage".

Die Virologin Isabella Eckerle lobte die Stellungnahme des Expertenrats per Twitter. Diese lasse "nicht viel Interpretationsspielraum". Die Omikron-Welle werde "einer Naturkatastrophe ähneln". Maßnahmen sollten laut Eckerle am besten jetzt ergriffen werden, statt noch eine Woche zu warten. "Kommen werden die Einschränkungen sowieso, dann lieber, solange Omikron noch nicht dominant ist", so die Medizinerin.

Die Virologin Ulrike Protzer äußerte ähnliche Erwartungen. "Ich glaube, wir werden um den Jahreswechsel nicht drumherum kommen, noch einmal Kontaktbeschränkungen einzuführen", sagte sie im ARD-Morgenmagazin. Sie rechnet mit einer "heftigen Krankheitslast" durch die Omikron-Variante, besonders unter Ungeimpften.

Bund-Länder-Gipfel am Dienstag

Am Dienstag beraten Bund und Länder über weitere Einschränkungen. Diskutiert werden sollen weitere kontaktreduzierende Maßnahmen zum Schutz des Gesundheitssystems. Denkbar sei laut Medienberichten, dass die Obergrenze für Veranstaltungen in Innenräumen von 50 auf 20 bis 25 Teilnehmer gesenkt werde und die für Veranstaltungen unter freiem Himmel von 200 auf 100 Teilnehmer.

Keine Beschränkungen zu Weihnachten ....

Bundesjustizminister Marco Buschmann schloss Kontaktbeschränkungen im Bericht aus Berlin nicht aus. "Wenn wir jetzt Daten aus Großbritannien haben, dass Omikron sehr, sehr ansteckend ist, dass eine neue Welle möglicherweise auf die Intensivstationen zu rollt, wird man angemessene Maßnahmen ergreifen müssen."

Für die Weihnachtsfeiertage soll es diese jedoch offenbar noch nicht geben. Im Bericht aus Berlin hatte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach einen Corona-Lockdown vor Weihnachten ausgeschlossen. "Nein, einen Lockdown - so wie in den Niederlanden, vor Weihnachten - den werden wir hier nicht haben", sagte der SPD-Politiker. Auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst ließ aber zugleich erkennen, dass auch er Einschränkungen schon zum Weihnachtsfest nicht für notwendig hält.

... offenbar aber zum Jahreswechsel

Jedoch stellte er verschärfte Kontaktbeschränkungen rund um den Jahreswechsel in Aussicht. "Die große Silvestersause wird es nicht geben können", sagte der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz im ARD-Morgenmagazin.

Das sieht Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen ähnlich und brachte einen Lockdown nach den Feiertagen ins Spiel: "Angesichts der äußerst hohen Übertragbarkeit von Omikron werden wir um einen Lockdown nach Weihnachten vermutlich nicht herumkommen. Ein mögliches Szenario wäre ein gut geplanter Lockdown Anfang Januar", sagte er.

Sorge vor "weiterer Eskalation der Situation"

Vor allem die Lage in den Krankenhäusern könnte durch Omikron zu einem Problem werden. Darauf weist auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hin. "Diese fünfte Welle würde uns nach den Berechnungen der Wissenschaftler treffen, noch bevor die aktuell hohe Belegung auf den Intensivstationen deutlich gesunken ist. Wir sehen in Großbritannien und Dänemark, dass durch die hohen Infektionszahlen auch deutlich mehr Beschäftigte im Gesundheitswesen coronabedingt ausfallen. Noch mehr schwerkranke Patienten und zeitgleich massive Personalausfälle wäre eine weitere Eskalation der Situation, die über das bisherige hinausgeht", sagte der DKG-Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß der Zeitung "Rheinische Post".

Mit Blick auf die Lage in den Krankenhäusern sagte Immunologe Watzl, selbst, wenn die Impfung das Erkrankungsrisiko um 80 Prozent oder 90 Prozent reduziere, bleibe immer noch ein hohes Restrisiko, dass auch ein Teil der Geimpften im Krankenhaus lande. Deshalb werde mit einer drohenden schnell anwachsenden Omikron-Welle und einem starken Anstieg der Infizierten-Zahlen zwangsläufig auch die Krankenhausbelastung hochgehen. "Das gilt selbst dann, wenn die Omikron-Variante zu weniger schweren Verläufen führen sollte, denn wir werden einfach insgesamt viel mehr Fälle bekommen", so Watzl. Er sei allerdings skeptisch, dass Omikron wirklich harmloser sei, "darauf sollte man sich nicht verlassen".

RKI: Inzidenz steigt leicht

Laut Robert Koch-Institut ist die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz bei den Corona-Neuinfektionen heute wieder leicht gestiegen. Demnach liegt der Wert aktuell bei 316. Am Vortag hatte er noch bei 315,4 gelegen, vor einer Woche bei 402,9. Die Sieben-Tage-Inzidenz gibt die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche an. Von Anfang November an war der Wert rasant angestiegen. In der Folge wurden täglich neue Höchststände registriert. Anfang Dezember sank die Zahl dann wieder.

Wie das RKI unter Berufung auf Daten der Gesundheitsämter weiter mitteilte, wurden binnen 24 Stunden 16.086 Neuinfektionen verzeichnet. Die Gesamtzahl der Corona-Todesfälle in Deutschland stieg um 119 auf 108.352.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgrnmagazin am 20. Dezember 2021 um 05:30 Uhr.