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Hohe Corona-Zahlen "Wir brauchen 2G und 3G am Arbeitsplatz"

Stand: 09.11.2021 22:23 Uhr

Weniger als 70 Prozent der Bevölkerung sind vollständig geimpft, die Intensivstationen füllen sich. Experten sind besorgt: Intensivmediziner Karagiannidis fordert in den tagesthemen kurzfristiges Gegensteuern.

Angesichts anhaltend hoher Corona-Zahlen plädieren Experten dafür, kurzfristig zusätzliche Maßnahmen zur Eindämmung des Virus zu ergreifen. "Wir haben einfach insgesamt noch zu viele Ungeimpfte", sagte der wissenschaftliche Leiter des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Christian Karagiannidis, im tagesthemen-Interview. Man sei noch ein gutes Stück weit entfernt von der Herdenimmunität. Das trage sehr stark zur hohen Auslastung der Intensivstationen bei.

Je niedriger die Impfquote, desto voller die Kliniken

Mit Blick auf die Krankenhäuser sagte Karagiannidis: "Das einzige, was wir tun können, ist, den Regelbetrieb einschränken." Dort, wo die Impfquoten besonders niedrig seien, etwa in Bayern, Sachsen und Thüringen, werde man um eine Einschränkung des Regelbetriebs nicht herumkommen. Stand heute seien in Deutschland noch ungefähr zehn Prozent der Intensivbetten frei, das sei wenig. "Wenn wir regional unter fünf Prozent rutschen, sind wir nicht mehr wirklich handlungsfähig. Das wird uns in den nächsten Wochen und Monaten zumindest in den Hotspots Bayern, Sachsen und Thüringen relativ schnell ereilen", sagte Karagiannidis.

Zudem besteht laut dem Mediziner das große Problem, dass die Pflegekrise sich durch 18 Monate Pandemie deutlich zugespitzt hat. Alleine in den letzten 12 Monaten seien 3000 Beatmungsbetten verloren gegangen. Nicht wegen tatsächlich fehlender Betten oder Technik, sondern wegen "an allen Ecken und Enden" fehlenden Pflegepersonals.

"Wir können uns weder gut ausgebildete Pflegekräfte backen, noch können wir sie kurzfristig herzaubern", sagte Karagiannidis. Kurzfristig müsse man also in den Krankenhäusern "umschichten und raus aus dem Regelbetrieb", um alle Patienten versorgen zu können. Das bedeutet, nicht lebensnotwendige Operationen werden verschoben, damit medizinisches Personal für die Versorgung von Intensivpatienten zur Verfügung steht.

2G, 3G am Arbeitsplatz und Booster-Impfungen

Diese Anpassung reicht nach Ansicht von Karagiannidis aber nicht aus. "Was wir brauchen, ist 2G und auch 3G am Arbeitsplatz", so Karagiannidis. Man habe in Europa gesehen, dass dies einen Effekt auf die Erst-Impfquote habe. Als weitere Maßnahme nannte der Mediziner Auffrischungsimpfungen. Man sehe zunehmend Hochaltrige mit Imfdurchbrüchen. Deswegen müsse man mit großer Geschwindigkeit alte Menschen ein drittes Mal impfen, dann auch junge Menschen.

Aber auch mit diesen zusätzlichen Instrumenten sieht Karagiannidis noch kein Ende der vierten Welle: Der große Unterschied zum letzten Jahr sei, dass es für Geimpfte keine Kontaktbeschränkungen mehr geben werde. Bei den Maßnahmen, die man jetzt ergreife - 2G, 3G, Boostern - wisse man nicht genau, wie stark der dämpfende Effekt auf die Kurve sein wird, sagte Karagiannidis:

Ganz ehrlich - für mich ist es das, was mir am meisten Bauchschmerzen bereitet, weil wir ein Stück weit im Nebel navigieren, ohne dass wir eine richtige Orientierung haben, wann wir zum Stillstand kommen und ob wir überhaupt zum Stillstand kommen und wann die Kurve dann auch endlich wieder heruntergeht.

Drosten: 2G wird nicht reichen

Zu einer ähnlichen Einschätzung der Pandemielage kommt der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, im NDR-Podcast Coronavirus-Update. "Wir sind schlimmer dran als vor einem Jahr." Man befinde sich in einer "Notfallsitaution". "Wir müssen jetzt sofort etwas machen", sagte der Mediziner.

"Die aktuellen Maßnahmen wie kostenfreie Bürgertests oder ein breit eingesetztes 2G-Modell versprechen zum Durchbrechen der vierten Welle keinen ausreichend schnellen Erfolg." Mittel- und langfristig sei der Ausweg aus der Pandemie klar: "Wir müssen die Impflücken schließen." Das "ideelle Ziel" müsse "eine dreifach komplett durchgeimpfte Bevölkerung" sein. Darauf könne man angesichts sich füllender Intensivstationen aber nicht warten.

Kurzfristig müsse man wieder Maßnahmen diskutieren, "die wir eigentlich hofften, hinter uns zu haben", sagte Drosten. Zu erwägen seien aus wissenschaftlicher Sicht auch Kontaktbeschränkungen. Der Virologe erwartet einen sehr anstrengenden Winter "mit neuen, sagen wir ruhig: Shutdown-Maßnahmen".

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 09. November 2021 um 22:15 Uhr.