Bundesgesundheitsminister Jens Spahn äußert sich Mitte Oktober 2020 zur Situation in Pflegeeinrichtungen während der Corona-Pandemie. | Bildquelle: MIKA SCHMIDT/POOL/EPA-EFE/Shutte

Corona-Impfstoff Spahn macht Druck auf EU

Stand: 10.11.2020 08:17 Uhr

Wenn es bald einen Corona-Impfstoff geben sollte, dann will die Bundesrepublik etwas davon abbekommen. Die EU müsse möglichst bald feste Verträge abschließen, fordert Minister Spahn. Wichtige Fragen zum Impfstoff sind noch ungeklärt.

Nach der Nachricht, dass es vielleicht bald einen Impfstoff gegen das Coronavirus geben könnte, will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn den Druck auf die EU erhöhen, damit schnell Verträge mit den Pharmafirmen abgeschlossen werden. Biontech und Pfizer hatten gestern bekanntgegeben, dass ihr Impfstoffkandidat vielversprechende Ergebnisse liefere und deswegen kurz vor der Zulassung stehe. Bisher gebe es mit den beiden Unternehmen nur einen Vorvertrag, sagte Spahn im ZDF.

Er wolle, dass die EU nun "in den nächsten Tagen" einen Abschluss mit Biontech und Pfizer erziele. "Ich könnte es als deutscher Gesundheitsminister jedenfalls schwer erklären, wenn in anderen Regionen der Welt ein in Deutschland produzierter Impfstoff schneller verimpft würde als in Deutschland selbst." EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schrieb auf Twitter, man werde bald einen Vertrag über bis zu 300 Millionen Impfdosen abschließen.

Mitteilung: 90 Prozent Wirksamkeit

Mit "großartig" und "Riesenerfolg" wurde gestern die Mitteilung der Mainzer Firma Biontech und ihres US-Partners Pfizer kommentiert. Der von ihnen entwickelte Impfstoff verhindere in mehr als 90 Prozent der Fälle eine Erkrankung an der durch das Coronavirus verursachten Krankheit Covid-19, hatten die Pharmaunternehmen zuvor verkündet. Dies sei in der laufenden klinischen Prüfung festgestellt worden. In der kommenden Woche soll bereits eine Zulassung bei der US-Arzneimittelbehörde FDA beantragt werden. Auch in Europa werde eine Zulassung angestrebt.

Damit rückt ein effektiver Corona-Impfstoff in Europa und den USA in greifbare Nähe. Spahn nannte die durch Biontech und Pfizer verkündeten Erfolge "ermutigend". "Wir werden so schnell einen Impfstoff haben bei einem neuen Virus wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte." Eine Wirksamkeit von 90 Prozent sei sehr hoch. Ein Grippe-Impfstoff habe im Vergleich nur 50 oder 60 Prozent Wirksamkeit, erklärte der Minister. Es mache ihn auch "ein Stück stolz", dass ein von der Bundesregierung unterstütztes Unternehmen in der Forschung an einem Corona-Impfstoff "jetzt so weit vorne mitspielt".

Spahn fordert Liefervertrag für Corona-Impfstoff
tagesschau 12:00 Uhr, 10.11.2020, Tom Schneider, ARD Berlin

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Möglichst rasch große Mengen produzieren

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek setzt auf eine Herstellung in großem Stil. "Es wird darauf ankommen, den Impfstoff nun möglichst rasch und in großen Mengen zu produzieren", sagte Karliczek der Nachrichtenagentur dpa. Die Nachricht von Biontech und Pfizer sei ein Grund zum Optimismus. Die beiden Pharmaunternehmen rechnen nach eigenen Angaben damit, dass noch in diesem Jahr bis zu 50 Millionen Impfstoff-Dosen bereitgestellt werden können. Im kommenden Jahr kalkulieren sie mit bis zu 1,3 Milliarden Dosen.

Trotz aller Freude noch Bedenken

Einige Mediziner und Forscher reagierten etwas verhaltener auf die Impfstoff-Nachricht. Der Tenor: Noch wisse man nicht genug über das Serum und die Pandemie werde sich damit nicht von einem Tag auf den anderen in Luft auflösen. Die Schweizer Virologin Isabella Eckerle sagte in der ARD-Sendung Hart aber fair: "Der Impfstoff wird uns helfen, aus der Pandemie rauszukommen." Es werde aber eine lange Übergangsphase geben, in der die Corona-Schutzmaßnahmen beibehalten werden müssten. "Man darf sich das nicht so vorstellen, dass der Impfstoff kommt und ab morgen können wir wieder in unser altes Leben zurück", sagte Eckerle.

Man wisse noch nicht, ob die Geimpften sich weiter mit dem Virus anstecken könnten oder auch für andere Menschen ansteckend sein könnten, sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in der Sendung. Bis ganz Deutschland bis zu einer "Herdenimmunität" durchgeimpft ist, vergeht nach Lauterbachs Einschätzung mindestens ein Jahr. Erst danach könne man darüber reden, auf Maske und Abstand zu verzichten.

"Es muss sich zeigen, wie lange der Impfschutz anhält"

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, sagte der "Passauer Neue Presse", die Nachricht von Biontech sei "mit Sicherheit ein großer Erfolg und ein wichtiger Schritt, aber noch kein Durchbruch". Die Studie sei nicht zu Ende ausgewertet. Auch zu den Nebenwirkungen lasse sich noch zu wenig sagen, gab der Virologe an der Berliner Charité, Leif-Erik Sander, zu bedenken. Der Beobachtungszeitraum sei noch zu kurz ist. Unklar sei auch, ob der Impfstoff in verschiedenen Gruppen - insbesondere Risikogruppen wie älteren Menschen - gleichermaßen effizient wirke, sagte Sander. Ebenso fehlten Angaben dazu, wie sehr die Impfung vor schweren Verläufen von Covid-19 schütze. "Zudem muss sich zeigen, wie lange der Impfschutz anhält."

Sollten sich die positiven Ergebnisse aber bestätigen, könnte es mit der Zulassung durchaus schnell gehen. Für Corona-Impfstoffe gilt wegen der besonderen Dringlichkeit ein beschleunigter Zulassungsprozess. Gesundheitsminister Spahn sagte, er gehe von einer parallelen Zulassung bei FDA und der europäischen Arzneimittelbehörde EMA aus. Er unterstrich gleichzeitig, dass die Anforderungen an den Impfstoff "nicht verändert oder runtergeschraubt" würden. Das Mittel müsse "gut erforscht" sein, was auch geschehe.

Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer: Gesundheitsminister Spahn drängt EU zu Vertragsabschluss
Angela Ulrich, ARD Berlin
10.11.2020 09:38 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. November 2020 um 11:00 Uhr.

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