An einem Geschäft hängen Schilder mit Hinweisen auf eine nahende Schließung und Rabatte. | Bildquelle: dpa

Firmen und Selbstständige Wenn trotz Hilfen die Pleite droht

Stand: 19.11.2020 10:17 Uhr

Um Unternehmen und Selbstständigen durch die Corona-Krise zu helfen, stellt die Bundesregierung seit März Milliarden an Überbrückungshilfen bereit. Doch nicht immer reicht das Geld aus oder kommt an. 

Von Cosima Gill und Franziska Wielandt, rbb 

Ihr Geschäftsmodell ist alles andere als krisensicher, das hat Brautladen-Inhaberin Ramona Wegemann dieses Jahr gemerkt. Eigentlich hatte sie mit 50.000 Euro Umsatz gerechnet, doch seit März hat sie kein einziges Brautkleid mehr verkauft. Schon nach dem ersten Lockdown schloss sie ihr großes Brautmodengeschäft. Die Soforthilfen im Frühjahr hätten zwar ihre Fixkosten gedeckt, aber nicht ihre Lebenshaltungskosten. Wegemann fühlt sich im Stich gelassen.  

Ein Kritikpunkt, den auch viele der 2,2 Millionen Solo-Selbstständigen in Deutschland teilen. Sie trifft die Krise am härtesten. Laut einer aktuellen Umfrage der Schufa, die dem ARD-Magazin Kontraste vorab vorliegt, sind mehr als die Hälfte der befragten Solo-Selbstständigen weniger zufrieden beziehungsweise unzufrieden mit den finanziellen Hilfsmaßnahmen. Zudem haben zwei Drittel der Befragten keine Hilfe in Anspruch genommen - oder ihr Antrag wurde abgelehnt. Laut Bundeswirtschaftsministerium wurden von den 25 Milliarden Corona-Hilfen des Staates für Solo-Selbstständige und kleine Unternehmen bisher nur eine 1,5 Milliarden Euro ausgezahlt.  

Ramona Wegemann | Bildquelle: ARD
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Seit Beginn der Corona-Pandemie hat Ramona Wegemann kein Brautkleid mehr verkauft.

"Verliere hier nicht nur ein bisschen Stoff mit Glitzer" 

Ramona Wegemann suchte nach einem beruflichen Neuanfang und wollte am 1. November eine kleine Kleiderboutique eröffnen, doch auch das scheiterte: "Jetzt erleben wir den zweiten Lockdown und den überlebe ich beruflich nicht mehr." 

Auch wenn sie den Laden prinzipiell öffnen dürfte, niemand kaufe aktuell Brautkleider. Fünf Jahre lang hat sie für ihre Selbstständigkeit alles hintangestellt. Jetzt meldet sie ihr Gewerbe ab. "Ich verliere hier nicht nur ein bisschen Stoff mit Glitzer dran. Sondern es ist ein Abschied von meiner Zukunft", sagt Wegemann. 

Trotz Finanzspritzen Fixkosten nicht gedeckt

Seit Beginn der Pandemie gehören auch Messebauunternehmen zu den großen Verlierern. Schon im Frühjahr wurden nahezu alle Messen abgesagt, und es ist völlig unklar, wann und wie es weitergehen wird. 

Iris Wörnlein-Herbke leitet in Nürnberg solch einen Betrieb in der vierten Generation. Die meisten ihrer 90 Mitarbeiter sind aktuell in Kurzarbeit. Bundesweit waren im April sechs Millionen Menschen in Kurzarbeit und im August noch 2,6 Millionen.  

Bisher hat ihre Firma rund 165.000 Euro Corona-Soforthilfe und Überbrückungshilfe 1 erhalten. Wörnlein-Herbke hofft weitere 190.000 Euro aus der Überbrückungshilfe 2 zu bekommen. "Es reicht aus, um das Nötigste zu stopfen, aber es hilft nicht weiter." Denn ihre Fixkosten liegen monatlich bei rund 300.000 Euro. Sie hat bereits alle unnötigen Fahrzeuge abgemeldet und gemietete Büroflächen gekündigt. Mehr einsparen als aktuell ginge nicht.  

Iris Wörnlein-Herbke | Bildquelle: ARD
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Iris Wörnlein-Herbke fürchtet um die Zukunft ihres Messebauunternehmens.

Insolvenz-Welle droht

Im November musste Wörnlein-Herbke die ersten Mitarbeiter aus wirtschaftlichen Gründen entlassen und die Inhaberin weiß auch genau, wann Schluss ist: "In dem Moment, wo wir die Kurzarbeit nicht mehr bezahlt bekommen, ist dieses Unternehmen de facto insolvent." 

Noch haben die staatlichen Finanzhilfen, aber auch andere Maßnahmen, etwa das Aussetzen der Insolvenzantragspflicht, geholfen, eine Pleitewelle zu verhindern. Auch Kreditraten würden bisher zuverlässig zurückgezahlt, meldet die Schufa in ihrem aktuellen Report. Man dürfe aber bezweifeln, dass all jene Unternehmen, die dank der Sonderregelungen noch keinen Insolvenzantrag stellen mussten, in den kommenden Monaten wieder in stabilere Fahrwasser gelangen können. Auch die Bundesagentur für Arbeit stellt sich auf eine drohende Welle von Insolvenzen in Deutschland ein und schult dafür bereits 250 Mitarbeiter.

Ein Drittel der Verbraucher beklagen Einkommenseinbußen.

Katja K. hat in diesem Jahr gleich zwei Mal in der Pandemie ihren Job verloren. Die 31-Jährige arbeitete über ein Subunternehmen als Reinigungskraft an einem Flughafen. Kurz nach Ausbruch der Pandemie habe sie die erste Kündigung erhalten, sagt sie. Als die Infektionszahlen im Sommer etwas sanken, sei sie wieder eingestellt worden. Doch mit dem erneuten Lockdown kam dann die erneute Kündigung. "Hätte ich meine Eltern nicht gehabt, dann hätte ich ein richtiges Problem. Dann würde ich am 31. Dezember auf der Straße sitzen, mit Kind", sagt sie. Denn ihre Miete zu bezahlen bereitet ihr aktuell Schwierigkeiten.

Die Krise sorgt für weniger Geld in den Haushalten: Laut der Schufa-Erhebung klagt mehr als ein Drittel der Verbraucher über Einkommenseinbußen. Auch der vorübergehend eingeführte niedrigere Mehrwertsteuersatz habe nur einen geringen Konsumanreiz zur Folge: Nur zehn Prozent der Verbraucher fühlen sich dadurch offenbar besonders zum Kaufen animiert. 


Dieses und weitere Themen sehen Sie heute um 21.45 Uhr bei Kontraste in Ersten. 

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