Interview

ARD-Korrespondent Hapke "Das Wendland ist der Prototyp für 'Stuttgart 21'"

Stand: 09.11.2010 11:45 Uhr

Im Wendland wird seit mehr als 30 Jahren gegen Atomkraft demonstriert. Aber so stark wie in diesem Jahr war der Zulauf noch nie. ARD-Korrespondent Hapke sagt voraus: Das hört nicht auf. Auf tagesschau.de erklärt er, wie die Laufzeitverlängerung der Anti-Atomkraftbewegung in die Hände gespielt hat.

Anti-Atom-Demo in Berlin
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Anti-Atom-Demo in Berlin im September

tagesschau.de: In der Hauptstadt demonstrierten Mitte September 100.000 Menschen gegen die Atompolitik der Bundesregierung, in München waren es ein paar Wochen später 50.000. Und jetzt am Wochenende im Wendland noch einmal 50.000 Demonstranten. Sind das ganz neue Dimensionen in der Anti-Atomkraft-Bewegung?

Thorsten Hapke: Es sind auf jeden Fall hier im Wendland neue Dimensionen. Selbst wenn man nicht die Schätzung der Demonstranten annimmt, sondern die 25.000, die die Polizei als Demonstrationsteilnehmer geschätzt hat. Auch neu ist, dass sich an mehreren Stellen auf der Transportstrecke über tausend Menschen niedergelassen haben und Sitzblockaden machen. Auch das war in dieser Intensität vor zwei Jahren, aber auch bei den vorangegangenen Transporten nicht festzustellen. Das heißt: Die Proteste sind in diesen Jahren stärker als in den Vorjahren.

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Fotos vom Castortransport und den Demonstrationen

Bilder vom Castor-Transport und den Protesten

Mit Plastikplanen geschützt versuchen Atomkraftgegner in der Nähe der Ortschaft Grippel den Straßentransport der Castoren aus La Hague zu behindern.

tagesschau.de: Was ist der Grund dafür?

Hapke: Man könnte ironisch von einer gewissen "Mobilisierungsstrategie" der Bundesregierung sprechen, denn die Laufzeitverlängerung hat diesen Protesten einen Zulauf auch außerhalb des Wendlandes beschert. Die Castor-Transporte sind ja eher ein Symbol, als dass der Protest sich gegen den Transport selbst richtet. Die Castor-Transporte sind das Symbol für die Atomkraft und für die ungelösten Probleme der Atomenergie, wie zum Beispiel das Atommüllproblem. Dieses Symbol führte schon immer zu Mobilisierung. Wenn dann beim Thema Atomkraft der Ausstiegsbeschluss der Vorgänger-Regierung rückgängig gemacht wird und die Laufzeiten verlängert werden, was ja zu mehr Müll führt, dann hat die Anti-Atomkraftbewegung damit ein Mobilisierungspotenzial gewonnen. Damit hatte man vorher gerechnet und das ist so eingetreten. Nun kann man darüber philosophieren, ob es so stark eingetreten ist wie gedacht. Aber Fakt ist, es sind mehr Demonstranten als in den vorangegangenen Jahren.

alt Thorsten Hapke

Zur Person

Thorsten Hapke berichtet seit 1995 über die Castor-Transporte und hat damit alle Transporte journalistisch begleitet. Und zwar nicht nur die elf nach Gorleben, sondern auch den Transport 1998 nach Ahaus. In den neunziger Jahren arbeitete Hapke für den NDR-Hörfunk Hannover, seit 2001 für das ARD-Fernsehen.

tagesschau.de: Überwiegend wurde friedlich demonstriert, aber es gab vereinzelt auch gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Waren die Demonstranten gewaltbereiter als sonst?

Hapke: Die Polizei weist darauf hin, dass die Initiative "Castor schottern" und einige Autonome den Protesten am Anfang eine "nicht so zivile Note" gegeben haben, wie das vor zwei Jahren noch der Fall war. Im Vorfeld war von schätzungsweise einem Prozent gewaltbereiter Demonstranten die Rede, das halte ich für eine realistische Zahl. Auch in diesem Jahr war wieder zu beobachten, dass die Autonomen ihre Aktionen innerhalb des bürgerlichen Protestspektrums nicht platzieren konnten, weil dieses Umfeld mäßigend auf sie eingewirkt hat und gesagt hat: Wir wollen eure Aggressionen hier nicht. Das war auch ein Grund, weshalb sich die Lage am Sonntag nach der Eskalation am Vormittag beruhigt hat.

tagesschau.de: Sie haben viele Demonstrationen dieser Art begleitet. Waren diesmal auch andere Demonstranten als sonst dabei, nicht die typischen Anti-AKW-Demonstranten?

Hapke: Das glaube ich nicht, aber die Demonstranten hier lassen sich immer wieder was Neues einfallen, sorgen immer wieder für ein neues Erscheinungsbild. Zum Beispiel gab es lange nicht mehr so viele "Atomkraft-nein-danke-Sonnen" zu sehen, wie in diesem Jahr. Das Kreativpotenzial war im Wendland schon immer hoch.

tageschau.de: Das heißt, im Vergleich zu "Stuttgart 21“ demonstrieren hier nicht plötzlich Menschen, die noch nie zuvor in ihrem Leben demonstriert haben?

Protestkundgebung im Ortskern von Gorleben gegen den geplanten Bau der Atommülldeponie am 23. Februar 1977
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Protestkundgebung im Ortskern von Gorleben gegen den geplanten Bau der Atommülldeponie am 23. Februar 1977 (Archivfoto).

Hapke: Das was "Stuttgart 21" jetzt ist, das war Gorleben schon im Jahr 1977/78, als der Anti-AKW-Protest begann. Denn da wurde ja eine Region, die konservativ geprägt war, durch dieses Großprojekt Gorleben aufgewühlt. Und damit begannen die Proteste. Dass da eine politisch eher konservative Region begrünt wurde, das hat es hier schon vor über 30 Jahren gegeben. Insofern kann man sagen, dass das Wendland der Prototyp für das ist, was in Stuttgart jetzt passiert.

Tagesschau.de: Wie ist ihre Einschätzung, wird die Welle des Widerstandes jetzt erst einmal abflauen?

Hapke: Die Castor-Transporte haben ja Mitte der 90er-Jahre begonnen, und damals gab es Stimmen, die sagten, beim ersten Transport werden Tausende demonstrieren, beim zweiten dann Hunderte, das leppert sich aus. Diese Vorhersage ist nicht eingetreten. Es wird bei den Protesten bleiben. Es wird auch beim Atommüll-Transport im nächsten Jahr Großproteste geben. Tatsache ist allerdings, dass nur noch ein einziger Transport aus Frankreich kommen wird, sodass es also im nächsten Jahr erst einmal die letzte Protestveranstaltung geben wird. Denn bislang weiß man noch nicht, wann der Atommüll, der noch in England lagert, wieder zurückgebracht werden soll.

Das Interview führte Bianca Leitner für tagesschau.de

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