Containerstapler vom Typ Hyster auf dem Gelände der Materialschleuse Resolute Support im Camp Marmal in Afghanistan.  | dpa

Abzug aus Afghanistan Sorgfalt zum Schutz vor Terroristen

Stand: 18.05.2021 04:27 Uhr

Es markiert den Beginn des endgültigen Abzugs vom Hindukusch: Heute wird in Leipzig eine Antonov-Maschine mit Bundeswehr-Material aus Afghanistan landen. Doch ein reibungsloser Ablauf ist alles andere als sicher.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Verpacken, verkaufen oder vernichten? Vor dieser Frage stehen tagtäglich die Bundeswehr-Logistiker im nordafghanischen Masar-i-Sharif, die derzeit sämtliches Material - von der Patronenhülse über den Duschvorhang bis zum gepanzerten Fahrzeug - durchforsten. Um dann zu entscheiden, was am Hindukusch bleibt und was mit nach Hause kommt.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Eine im Wortsinn besonders "schwerwiegende" Aufgabe steht den Experten dabei noch bevor. Denn klar ist, dass ein gigantischer Findling aus dem deutschen Feldlager ausgeflogen werden muss. Es ist jener Stein, der Teil des Ehrenhains ist, an dem die Soldatinnen und Soldaten der Gefallenen in Afghanistan gedenken. "Der hat so um die 25 Tonnen. Das heißt, er wird dann mit dem Tieflader in ein Flugzeug verladen, nach Leipzig geflogen und dann hierher nach Potsdam geholt", erklärte kürzlich ein Logistik-Experte des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr dem ARD-Hauptstadtstudio.

Der Ehrenhain soll dann im "Wald der Erinnerung" in Potsdam aufgestellt werden. "Da kommen Angehörige, Kameraden. Und denen ist es auch sehr wichtig, dass es der Originalstein ist", so der Experte.

Nichts darf in Hände von Terroristen gelangen

150 Logistik-Experten sind mittlerweile vor Ort in Afghanistan, um den Abzug Realität werden zu lassen, wie ein Sprecher der Bundeswehr bestätigt. Der Begriff "Kofferpacken" trifft es nicht wirklich, eher schon ließe sich von "Containerpacken" sprechen. Und dabei ist Eile geboten, ohne dass die Sorgfalt leiden darf.

Klar ist, dass kein Kriegsgerät, keine Munition, keine gepanzerten Fahrzeuge Terroristen in die Hände fallen dürfen. Denn diese könnten das Material unter die Lupe nehmen und ihre Anschlagstaktik künftig entsprechend anpassen.

"Das muss sichergestellt werden, dass dies nicht in einem gebrauchsfähigen Zustand übergeben wird", erläutert der Bundeswehr-Logistiker. Auf dem Rückzug sei eine Armee besonders verwundbar, mahnen Militärs immer wieder. Deshalb kann sich die Bundeswehr nicht nur auf das Container- und Marschgepäck-Packen konzentrieren, sondern muss auch auf die eigene Sicherheit bedacht sein.

"Geordnet" soll der Abzug ablaufen, so lautet die Vorgabe. Dies unter Zeitdruck hinzubekommen, ohne es nach Flucht aussehen zu lassen, ist die große Herausforderung. Schließlich ist nunmehr bereits der 4. Juli als Enddatum angepeilt. Und das Lager in Masar-i-Sharif ist über die Jahre zu einer Kleinstadt angewachsen. Je kürzer die Zeit für den Abzug, desto mehr muss vor Ort bleiben, so lautete stets die Faustregel.

Ein Soldat steht im nordafghanischen Masar-i-Scharif im Camp Marmal vor einer Außenmauer des Camps mit einem Wachturm. | dpa

Ein Soldat steht in Masar-i-Scharif im Camp Marmal vor einer Außenmauer (Archiv). Bild: dpa

Noch einmal 800 Container mehr

Bereits im letzten Jahr hatte die Bundeswehr damit begonnen, umgerechnet 500 Containerladungen an Material nach Deutschland zu verfrachten. Nun müssen noch einmal 800 Container dazu kommen.

Was nach Hause geht, wird größtenteils ausgeflogen. Auch mit dem Transport per Eisenbahn experimentierte die Bundeswehr zwischendurch. Doch das ging bei Testtransporten gründlich schief: "Weil der Zug wohl unterwegs mal auf einem Abstellgleis übernachtet hat, fehlte anschließend alles, was man ausbauen konnte", erklärt der Bundeswehr-Logistiker. "Alles, was abschraubbar war, war weg. Die leere Hülle ist in Deutschland angekommen. Das macht keinen Sinn."

So ist die Bundeswehr nun auf die bulligen Antonov-Transportmaschinen dringend angewiesen. Die flogen bislang rund zwei Mal pro Woche. Diese Zahl wird sich nun deutlich erhöhen. Und damit ist die letzte Etappe des fast 20-jährigen Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan eingeläutet.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. Mai 2021 um 06:28 Uhr.