Martin Schulz im Youtube-Interview | Bildquelle: dpa

Schulz bei YouTube Mensch Martin

Stand: 05.09.2017 16:14 Uhr

Im YouTube-Interview zeigt sich SPD-Kanzlerkandidat Schulz von seiner persönlichen Seite. Mit Geschichten aus seinem Leben - inklusive Jugendsünden - will er junge Wähler von sich überzeugen. Reicht das, um den Rückstand auf die Kanzlerin noch aufzuholen?

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Entwarnung im Rheinland: Der Fall des Waschpulverkippers von Würselen kann nach jahrzehntelangen Ermittlungen zu den Akten gelegt werden. Dem Kreuzverhör von YouTuberin Nihan Sen hielt SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz nicht stand. Was der größte Mist sei, den er als Jugendlicher gebaut habe, will die 26-Jährige wissen. Schulz windet sich. Dann das Geständnis: Nach einer durchzechten Nacht habe er mal ein Paket Waschpulver ins Freibad gekippt. Der anrückenden Polizei konnte er entwischen: "Ich war schnell genug", so Schulz.

Zugegeben: So richtig Punk ist die Geschichte nicht. Im europäischen Vergleich steht der SPD-Politiker auf der Bad Boy-Skala allerdings gar nicht so schlecht da. So konnte Theresa May die britische Öffentlichkeit im Wahlkampf nur mit der Jugendsünde langweilen, sie sei in ihrer Jugend gelegentlich mit einem Freund durch Weizenfelder gerannt - zum Missfallen der örtlichen Bauern. May konnte trotz ihrer Delinquenz Regierungschefin bleiben. Für Schulz hingegen scheint die Regierungszentrale aller kriminellen Energie zum Trotz derzeit in weiter Ferne zu liegen.

"Hi Herr Schulz"

Da kommt der Auftritt bei YouTube gerade recht. Rund drei Wochen nach Bundeskanzlerin Angela Merkel stellt sich auch ihr Herausforderer den Fragen von vier Moderatoren. Schließlich will auch der SPD-Mann die Chance nutzen, vor der Wahl noch möglichst viele Jungwähler zu erreichen.

Schulz, das zeigt sich bald, will vor allem nahbar wirken, ohne aus der Rolle zu fallen. Konsequenz siezt er die vier Fragensteller, auch nachdem Moderatorin Sen ihn mit einem fröhlichen "Hi Herr Schulz", begrüßt. Der Kandidat behält die Fassung, auch wenn es ihm bei einigen Fragen nicht ganz leicht fällt. Als eine Interviewerin Schulz etwa fragt, ob er eigentlich mit dem türkischen Präsidenten Erdogan befreundet sei, bekommt der Kandidat zunächst nur ein kurzes "Nein" heraus.

Geschichten für Wähler

Schmallippig gibt sich der SPD-Mann sonst eigentlich nicht. Im Gegenteil. Schulz setzt auf sein Talent als Geschichtenerzähler. Den leicht gestanzten Ton des SPD-Programms versucht er zu vermeiden. Stattdessen setzt er immer wieder auf Anekdoten aus seinem Leben.

Thema Integration? Schulz erinnert sich an einen Freund mit türkischen Wurzeln aus Würselen, der es irgendwann nicht mehr ertragen habe, immer nur als "der Türke" wahrgenommen zu werden. Thema Breitbandausbau? Schulz erzählt von einem Freund, dem nach einem Unfall nur das Leben gerettet werden konnte, weil ein Röntgenbild in Sekundenschnelle zu einem Krankenhaus übertragen werden konnte. Thema Nachhaltigkeit? Schulz versichert, dass seine Gattin es ihm nicht durchgehen ließe, wenn er nicht auf den Umweltschutz achten würde. Die Botschaft an die junge Zielgruppe: In dem Kandidaten Schulz steckt auch der Mensch Martin.

Grenzen des Formats

Auch erlaubt Schulz sich etwas mehr Emotionen als Merkel. Es bringe ihn "auf die Barrikaden", dass die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland wachse, sagt der SPD-Mann streng. "Schmeißt euer Leben nicht weg!", appelliert er später, als es um seine Lebenskrise und seinen Schulabbruch geht. Seine Vorbehalte zur Legalisierung von Cannabis begründet er mit seinen Alkohol-Erfahrungen. Er würde eine entsprechende Abstimmung im Bundestag jedoch zur Gewissensentscheidung erklären, verspricht Schulz - sehr zur Freude der Netzgemeinde.

Es gelingt dem Kandidaten allerdings nicht immer, seine Positionen glaubhaft aus der eigenen Biografie zu begründen. Als Interviewer Mirko Drotschmann das für Politiker beliebte Ratespiel nach den aktuellen Milch- und Butterpreisen beim Discounter spielt, liegt Schulz in beiden Fällen nur wenige Cent neben der richtigen Antwort. "Man könnte fast meinen, Sie hätten sich vorbereitet", so Drotschmann. Nee, nee, sagt Schulz. Er habe die Milchpreise nur wegen seiner langjährigen Arbeit im Europäischen Parlament immer genau im Blick. Das mag authentisch sein - die Antwort eines "Normalbürgers" ist es jedoch nicht.

Martin Schulz macht nach dem YouTube-Interview ein Selfie. | Bildquelle: dpa
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Auch das ist offenbar ein Muss, wenn man junge Wähler ködern will: das Selfie nach dem Interview.

Jungwähler als Chance

Trotzdem hoffen sie in der SPD, dass es Schulz gelingt, zumindest einige Jungwähler von sich zu überzeugen. Die Chancen stehen nicht schlecht. Schließlich steht ihm diese Wählerschicht prinzipiell aufgeschlossen gegenüber. Auch nach der TV-Debatte mit Bundeskanzlerin Merkel am Wochenende waren es vor allem die jüngeren Zuschauer, die Schulz überzeugender fanden. Für die SPD ein Hoffnungsschimmer, den Abstand zur Union bis zum Wahltag in drei Wochen zumindest noch etwas kleiner werden zu lassen.

Abgeschrieben habe er das Kanzleramt trotz der aktuellen Umfragen nicht, versichert Schulz. Er lässt jedoch durchblicken, dass er sich mit dem Gedanken einer Niederlage durchaus beschäftigt hat: "Wenn die Mehrheit der Leute mich nicht wählt, dann ist das in einer Demokratie ok", sagt Schulz.

Sollte es so kommen, bleibt Schulz immer noch ein Leben im Untergrund. Denn auch nach dem YouTube-Interview ist das ganze Ausmaß von Schulz‘ krimineller Energie noch nicht bekannt. Der Waschpulver-Anschlag sei nur der zweitgrößte Mist gewesen, den er sich in seiner Jugend erlaubt habe, sagt der SPD-Politiker. Über den Größten wollte er bis heute öffentlich nichts sagen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. September 2017 um 15:00 Uhr.

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