Interview

Universität (Koblenz)

Interview zum Kooperationsverbot Fördern, aber nicht reinreden

Stand: 10.10.2014 04:23 Uhr

Das Grundgesetz untersagt eine enge Zusammenarbeit von Bund und Ländern in der Bildung. Das soll sich ändern. Ab heute wird darüber im Bundestag beraten. Expertin Brautmeier erklärt gegenüber tagesschau.de, warum sie das Kooperationsverbot für falsch hält.

tagesschau.de: Exzellenz-Initiative, Hochschul-Pakt, Professorinnen-Programm - es gibt eine lange Liste von Projekten, mit denen der Bund die Hochschulen fördert. Nun will der Bundestag das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern im Wissenschaftsbereich lockern. Ist das nötig?

Mirjam Brautmeier: Dies sind allesamt zeitlich begrenzte Programme. Der Bund kann die Hochschulen nicht dauerhaft fördern. Genau das wäre aber dringend notwendig. Die Universitäten müssen besser ausgestattet sein, um das hohe Niveau unserer Ausbildung halten zu können und weiter zu verbessern.

alt Mirjam Brautmeier

Zur Person

Dr. Mirjam Brautmeier studierte Bildungsmanagement an der TU Dortmund und promovierte an der FU Berlin über die Zukunft des Bildungsföderalismus in Deutschland.

tagesschau.de: Besteht nicht die Gefahr, dass die Hochschulen dadurch ihre Autonomie verlieren? Wer Geld gibt, will ja Einfluss nehmen.

Brautmeier: Ich sehe keine große Gefahr, dass der Bund versuchen wird, Einfluss auszuüben. Die Autonomie der Hochschulen bleibt gewahrt, auch wenn bestimmte Förderprogramme nicht länger zeitlich befristet werden. Auch der Wissenschaftsrat kümmert sich ja um die Unabhängigkeit der Universitäten. Wir sind hier sehr gut aufgestellt.

Studenten während der Vorlseung
galerie

Überfüllte Hörsääle, schlechte Bedingungen - die Unis müssen besser gefördert werden, meint Brautmeier.

tagesschau.de: Die SPD möchte das Kooperationsverbot auch für Schulen aufheben. Was sagen Sie dazu?

Brautmeier: Das wäre sehr sinnvoll und höchst wünschenswert. Die Finanzierung der Schulen ist Aufgabe der Kommunen. Die sind oft stark verschuldet und können die Schulen zum Teil noch nicht mal mehr mit dem Allernötigsten ausstatten. Dabei sind die Herausforderungen für die Schulen groß wie nie. Nehmen Sie zum Beispiel die Integration von Ausländerkindern, die Inklusion - also das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern -,  nehmen Sie den Ausbau von Ganztagsschulen, die Verbesserung der schulischen Standards: Hier brauchen wir dringend die finanzielle Unterstützung durch den Bund.

Föderal oder zentral - auf die Leistungen hat dies keine Auswirkung

tagesschau.de: Sie haben föderale und zentrale Schulsysteme im internationalen Vergleich untersucht. In welchem System lernen Schüler besser?

Brautmeier: Ich habe die Systeme in den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen miteinander verglichen und herausgefunden, dass es überhaupt keinen Einfluss auf die Leistungen der Schüler hat, ob das Bildungssystem föderal oder zentral organisiert ist. Die Leistung hängt von ganz anderen Faktoren ab, wie dem familiären Bildungshintergrund.

tagesschau.de: Wenn die familiäre Herkunft über die schulische Leistung entscheidet, was muss dagegen getan werden?

Brautmeier: Die Chancen eines Schülers dürfen nicht davon abhängen, ob er aus einem bildungsfernen Haushalt oder einer Migrationsfamilie kommt. Wir brauchen flächendeckende Sprachförderung an den Schulen, den Ausbau von Ganztagsschulen. Wir brauchen kostenfreie Kitas, damit auch die Kinder aus Migrationsfamilien dort hingehen und schon früh die deutsche Sprache lernen. Und für all das brauchen wir die Unterstützung durch den Bund.

Schüler in einer Hauptschule in Straubing
galerie

In Deutschland entscheidet die Herkunft über die Bildungschancen. Das muss sich ändern, so Brautmeier.

tagesschau.de: Die skandinavischen Länder schneiden bei PISA besser ab als wir. Dort ist die Bildungspolitik zentral organisiert. Sollte dies Vorbild für uns sein?

Brautmeier: Dass die skandinavischen Länder bei PISA so gut abschneiden, liegt an ganz anderen Faktoren. Sie gehen besser mit den unterschiedlichen Leistungen von Kindern um. Alle werden zusammen unterrichtet, es gibt zwei Lehrer in der Klasse. Wenn man von Skandinavien lernen will, muss man sich die Schulen und den Unterricht anschauen. Da können wir sehr viel lernen.

"Überall bestmögliche Förderung"

tagesschau.de: Die Schulformen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. Wie sinnvoll ist das?

Brautmeier: Es gibt viele verschiedene Schulformen mit sehr unterschiedlichen Niveaus. Und wir haben für ähnliche Schulformen unterschiedliche Bezeichnungen. Das produziert Durcheinander und ist nicht nachvollziehbar. Es wäre die Aufgabe der Kultusministerkonferenz, sich auf eine Vereinheitlichung zu einigen und mit dieser Unübersichtlichkeit aufzuräumen. Es hat sich in den vergangenen Jahren aber schon einiges getan: Wir haben einheitliche Bildungsstandards, das Zentralabitur und zentrale Evaluierungsmethoden wie die Vergleichsarbeiten. Diesen Weg müssen wir weitergehen.        

Reihe von Schultaschen
galerie

Chancengleichheit: Egal, wo ein junger Mensch zur Schule geht, überall muss er bestmöglich gefördert werden, so die Expertin.


tagesschau.de: Stellen Sie sich vor, Sie wären Bildungsministerin - welche Reform würden Sie als Erstes auf den Weg bringen?

Brautmeier: Ich würde sofort das Kooperationsverbot für Universitäten und Schulen aufheben. Wir brauchen die Eigenverantwortlichkeit der Schulen und Hochschulen, aber die finanzielle Unterstützung durch den Bund. Ich würde sofort dafür sorgen wollen, dass eine Schule in einer strukturschwachen Region genau so gut ausgestattet ist und arbeiten kann, wie in einer finanziell gut gepolsterten Kommune. Das ist ein wichtiges Prinzip der Chancengleichheit: Egal wo ein junger Mensch zur Schule oder Uni geht, überall muss er bestmöglich gefördert werden.
 

Das Interview führte Simone von Stosch, tagesschau.de

Darstellung: