Interview

RAF-Kenner Stefan Aust zum Prozessausgang "Sie schweigen über ihre Taten - wie ihre Väter"

Stand: 03.12.2015 21:10 Uhr

RAF-Kenner Stefan Aust hat nie an eine direkte Beteiligung Verena Beckers am Buback-Mord geglaubt. Der Prozess habe aber eine Erkenntnis gebracht: Die einstigen RAF-Terroristen brechen ihr Schweigegelübde nicht. Michael Buback, der Becker für die Todesschützin hält, sei eine "tragische Figur".

tagesschau.de: Verena Becker wurde wegen Beihilfe zum Mord an Siegfried Buback verurteilt, überrascht Sie der Richterspruch?

Aust: Ich habe das genau so erwartet. Man hatte Verena Becker mittels DNA-Spuren ja nachgewiesen, dass sie am Versand des Bekennerschreibens beteiligt war und auch an der Vorbereitung des Mordes. Für eine direkte Beteiligung oder Haupttäterschaft gab es im Verlauf dieses langwierigen Prozesses keine Beweise. Für mich sieht es nach einem relativ besonnenen und intelligenten Urteil aus.

tagesschau.de: 90 Verhandlungstage in 20 Monaten - hat dieser lange Prozess der Wahrheitsfindung gedient?

Aust: Wir wissen leider immer noch nicht, wer damals auf Siegfried Buback geschossen hat. Aber wir können ziemlich sicher sein, dass Verena Becker nicht die Täterin war. Und wir wissen jetzt, dass die RAF noch immer dicht hält. Sie sagen nichts. Sie haben ihr Schweigegelübde - eine Art Omertà wie bei der Mafia - bis heute nicht gebrochen.

alt Stefan Aust

Zur Person

Stefan Aust arbeitete bis 1986 für das NDR-Fernsehmagazin "Panorama", bevor er 1988 Kopf und Moderator von "Spiegel-TV" wurde. Von 1994 bis 2008 war Stefan Aust der Chefredakteur des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". Er gilt als einer der besten Kenner der RAF. 1985 erschien sein Buch "Der Baader-Meinhof-Komplex".

tagesschau.de: Viele ehemalige RAF-Terroristen waren vor Gericht als Zeugen geladen. Die meisten haben die Aussage ganz verweigert. Was sagt das über deren Haltung zum RAF-Terror?

Aust: Die einstigen Kader haben zwar dem bewaffneten Kampf als Gruppe abgeschworen, sie bekennen sich theoretisch politisch zu ihren Taten, aber sie wollen nicht, dass deutlich wird, wer für welche Morde persönlich Verantwortung trägt. Das ist einerseits nachvollziehbar, weil es sonst zu neuen Prozessen und Verurteilungen käme. Andererseits verhalten sie sich damit wie die Generation ihrer Eltern, von denen viele ihre Verantwortung im Nationalsozialismus totgeschwiegen haben. Es zeigt sehr deutlich, dass viele sich noch immer nicht mit ihrer individuellen Schuld auseinandergesetzt haben.

tagesschau.de: Verena Becker hat sich seit den 80er Jahren deutlich von der RAF distanziert. Sie hätte zur Aufklärung des Buback-Mordes beitragen können. Warum hat sie das nicht getan?

Aust: Erstens glaube ich, dass sie bis heute einen intensiven Kontakt zum harten Kern der Gruppe pflegt - also dem Kreis um Brigitte Mohnhaupt - und unter deren Einfluss steht. Und sie wollte nicht die Rolle der Verräterin einnehmen.

Verena Becker stand unter "gewaltigem Druck"

tagesschau.de: Wie wirkte Becker im Verlauf des Prozesses auf Sie?

Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker
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Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker mit ihren beiden Anwälten im Gerichtssaal. Als krank und schwer angeschlagen beschreibt sie RAF-Experte Stefan Aust.

Aust: Ich glaube, sie ist eine kranke, sehr angeschlagene Frau, die unter gewaltigem Druck steht. Es gibt bei ihr ein Bewusstsein von Verantwortung und Schuld, das hat man auch aus manchen ihrer Aufzeichnungen herauslesen können. Aber ihre Aufarbeitung ging eben nie so weit, dass sie sich öffnete und klar gesagt hat, was sie getan hat und welche Rolle sie hatte. Dennoch hat sie in ihrer persönlichen Erklärung vor Gericht deutlich gemacht, dass sie sich von der Zeit des RAF-Terrorismus distanziert. Es war ein sehr schmaler Grat, auf dem sie sich bewegte, und sie wurde dabei von guten Anwälten beraten.

Michael Buback - eine "tragische Figur"

tagesschau.de: Nebenkläger Michael Buback wollte beweisen, dass Verena Becker die tödlichen Schüsse abgegeben hat. Damit ist er gescheitert. Wie steht er nach diesem Prozess da?

Michael Buback
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Michael Buback will wissen, wer seinen Vater getötet hat. Durch seine jahrelangen Recherchen kam Verena Becker vor Gericht.

Aust: Michael Buback hat etwas von einer tragischen Figur. Er ist ein deutliches Beispiel dafür, welch psychischer Druck auf den Angehörigen der Opfer lastet - vor allem, wenn sie nie erfahren, wer verantwortlich ist für die Ermordung ihres Vaters oder Bruders. Ich habe erst durch Michael Buback begriffen, wie elementar wichtig es für Angehörige ist, die Umstände der Tat zu erfahren. Buback möchte wissen, wer seinen Vater ermordet hat. Ich habe tiefstes Verständnis dafür, dass Buback versucht hat, den Fall aufzuklären und dass er immer wieder auf Ungereimtheiten in den  Ermittlungen hingewiesen hat. Und in der Tat gibt es ja offene Fragen: Bei ihrer Festnahme im Mai 1977 hatte Becker die Waffe, mit der Buback erschossen wurde, bei sich. Sie ist damals trotzdem nicht angeklagt worden wegen einer Beteiligung an dem Buback-Mord, sondern nur wegen des Versuches, die Polizisten bei der Festnahme zu erschießen. Das ist wirklich irritierend.

tagesschau.de: Buback erklärt das damit, dass der Staatsschutz seine schützende Hand über Becker hält. Ist da was dran?

Der Tatort mit den zugedeckten Leichen von Siegfried Buback (rechts hinten) und seines Fahrers (links) sowie der Dienstwagen des Generalbundesanwaltes in Karlsruhe
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Der Tatort mit den zugedeckten Leichen von Siegfried Buback (rechts hinten) und seines Fahrers (links). Wer die tödlichen Schüsse abgab, ist auch nach diesem Prozess unbekannt.

Aust: Es ist ja bekannt, dass Verena Becker noch während der Haft Anfang der 80er Jahre den Kontakt zum Verfassungsschutz gesucht hat. Sie hat dort umfassend ausgesagt und im Gegenzug Hafterleichterungen bekommen. Sie hat damals auch einen Namen genannt, wer der Todesschütze gegen Buback war. Es ist übrigens derselbe Name, den auch der ehemalige RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock in unserer ARD-Dokumentation genannt hat - nämlich Stefan Wisniewski. Die Aussagen konnten vor Gericht nicht verwendet werden, die Vernehmungsprotokolle des Verfassungsschutzes sind unter Verschluss.

tagesschau.de: Das Gericht hat mehrfach die Herausgabe der Akten beantragt - ohne Erfolg. Wie bewerten Sie das?

Aust: Natürlich wären diese Akten für die Öffentlichkeit, uns Journalisten und auch für das Gericht von großem Interesse. Aber ein Geheimdienst kann ja seine Pforten schließen, wenn Zusagen, die man Informanten gibt, nicht eingehalten werden. Damals gab es ganz offenbar eine Absprache mit Verena Becker, ihrer Aussagen geheimzuhalten. Wenn solche Verabredungen gebrochen werden, dann wird der Verfassungsschutz es schwer haben, Informanten zu bekommen.

tagesschau.de: Nebenkläger Buback glaubt fest daran, dass Verena Becker die Todesschützin ist. Er hat zahlreiche Zeugen vor Gericht geladen, die diese These stützen sollten. Viele haben sich in Widersprüche verheddert. Hatte sich Buback mit seiner These verrannt?

Ein Ermittler untersucht im Bundekriminalamt in Wiesbaden das sichergestellte Motorrad, das bei der Ermordung des damaligen Generalbundesanwalts Siegfried Buback benutzt wurde
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Michael Buback glaubt, Verena Becker habe seinen Vater ermordet. Mit dieser These habe Buback sich "verrannt", so Aust.

Aust: Ja, das würde ich so sehen. Er hat nach Durchsicht der Akten die Aussage, eine Frau habe auf dem Motorrad gesessen und geschossen, überbewertet. Dann hat er sich in die Theorie verbissen, Verena Becker sei die Todesschützin und hat versucht, immer mehr Indizien dafür zu sammeln. Er vermutete eine Verstrickung des Verfassungsschutzes in die Tat, weil seiner Ansicht nach Verena Becker schon vor dem Mord an seinem Vater mit dem Verfassungsschutz zusammengearbeitet hat.  Meiner Meinung nach ist dies aber nicht zu belegen. Endgültige Klarheit darüber wird es aber erst geben, wenn alle Akten beim Verfassungsschutz einsehbar sind.

"Das Gericht - ein Ort der Wahrheitsfindung"

tagesschau.de: Becker hat gesagt, das Gericht sei nicht der richtige Ort zur Wahrheitsfindung. Was meinen Sie?

Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker (M, vorn) sitzt im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in Stuttgart
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Die RAF-Prozesse haben wesentlich zur Aufarbeitung des Terrorismus beigetragen, meint der Journalist Stefan Aust.

Aust: Da bin ich ganz anderer Meinung. Wenn es einen Ort gibt, der der Wahrheitsfindung dienen kann, dann ist es der Gerichtssaal. Die wichtigsten Informationen über das, was sich in der RAF-Zeit abgespielt hat, sind durch Gerichtsverfahren herausgekommen - über die Aktionen der RAF aber auch über die Ermittlungsarbeit der Behörden, wo Fehler gemacht wurden, was man übersehen hat oder hätte verhindern können. Die Phase bis zum Deutschen Herbst 1977 ist ja auch gut aufgeklärt. Die zweite Generation der RAF hatte daraus "gelernt": Sie hat dann heimtückisch gemordet und dabei so gut wie keine Spuren mehr hinterlassen.  

tagesschau.de: Es wird von ehemaligen RAF-Terroristen immer mal wieder gefordert: Aussage gegen Amnestie. Sollte die Bundesrepublik sich dazu durchringen?

Aust: Ich finde es unvorstellbar, dass in einem Rechtsstaat Terroristen und Mörder für ihre Aussagen im Gegenzug Amnestie genießen. Es gibt ja schon für alle, die aussagen, in der Regel Strafminderungen oder eine vorzeitige Haftentlassung.  

tagesschau.de: Besteht die Chance, dass die einstigen RAF-Terroristen ihr Schweigegelübde mal brechen?

Aust: Ich habe da wenig Hoffnung. Ich glaube, dass diejenigen, die bisher geschwiegen haben, weiter schweigen werden. Natürlich würde man sich wünschen, dass zum Beispiel Brigitte Mohnhaupt, die eine zentrale Figur war, mal auspackt und sagt, was wirklich gewesen ist. Aber die Hoffnung habe ich ehrlich gesagt nicht.

Das Interview führte Simone von Stosch, tagesschau.de.

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