"Querdenken"-Demo in Hannover | dpa

Kritik an "Querdenken" "Krude Verharmlosungen des Holocaust"

Stand: 24.11.2020 07:45 Uhr

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung Klein hat die "Querdenken"-Bewegung scharf kritisiert. Die Vergleiche von Corona-Beschränkungen mit der Judenverfolgung verhöhne die Opfer. Auch von CSU-Chef Söder kommt heftige Kritik.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hat Vergleiche der "Querdenken"-Bewegung von aktuellen Corona-Beschränkungen mit der Verfolgung von Juden während des Nationalsozialismus heftig kritisiert. "Die zunehmenden Vergleiche von Protestierenden gegen die Corona-Maßnahmen mit Opfern des Nationalsozialismus verhöhnen die tatsächlichen Opfer und relativieren die Schoah", sagte er dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland" (RND).

"Wie wichtig Bildung ist"

"Der Holocaust ist kein Abziehbild für jedwede Opfergefühle", betonte Klein. Die jüngsten Vorgänge in Hannover und Karlsruhe zeigten vielmehr, wie wichtig Bildung sei. "Wer über Anne Frank und Sophie Scholl gut Bescheid weiß, wird kaum solch krude Verharmlosungen äußern." Klein begrüßte, dass die Kritik an solchen Vergleichen nun hohe Wellen schlage: "Es zeugt von einem funktionierenden Wertesystem der demokratischen Mehrheit."

"Fühle mich wie Sophie Scholl"

Am Samstag hatte eine junge Frau, die sich als "Jana aus Kassel" vorstellte, auf einer "Querdenken"-Bühne in Hannover gesagt: "Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde." Sophie Scholl und ihr Bruder Hans Scholl gehörten zur Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Sie wurden 1943 wegen ihres Widerstandes gegen den Nationalsozialismus hingerichtet.

Vergleich mit Anne Frank

Eine Woche zuvor hatte eine Elfjährige auf einer "Querdenken"-Bühne in Karlsruhe die Tatsache, dass sie ihren Geburtstag nicht wie gewohnt feiern konnte, in Beziehung gesetzt zum Schicksal von Anne Frank, die sich in einem Hinterhaus in Amsterdam vor den Nazis versteckte und später im Konzentrationslager Bergen-Belsen ums Leben kam.

Der Präsident des thüringischen Landesamtes für Verfassungsschutz, Stephan Kramer, sagte dem RND: "Das ist kein Zufall, sondern das perfide Ergebnis einer langen Kette von Diskursverschiebungen und gezieltem Geschichtsrevisionismus, basierend auf Schulungen der Neuen Rechten." Jüngere Menschen seien dafür besonders empfänglich.

Söder: Verflechtungen zwischen AfD und "Querdenkern"

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte, es gelte genau hinzusehen, welche "Verbindungen und Verflechtungen es zwischen AfD und 'Querdenkern' gibt". Er habe kein Problem mit anderen Meinungen: "Natürlich haben wir alle Verständnis und Respekt für die kritischen Fragen derer, die durch Corona in ihrer Existenz bedroht sind."

Bei "Querdenkern", Rechtsextremen, "Reichsbürgern" und Verschwörungstheoretikern mit antisemitischem Hintergrund höre die Toleranz aber auf, sagte Söder dem "Donaukurier" und der "Passauer Neuen Presse": "Gerade die 'Querdenker' entwickeln sich sektenähnlich und isolieren normale Bürger in ihrer Verschwörungsblase." Absurde Selbstvergleiche mit Sophie Scholl oder die Gleichsetzung des Infektionsschutzgesetzes mit dem Ermächtigungsgesetz der NSDAP belegten das "verzerrte Weltbild" der Gruppe.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. November 2020 um 09:00 Uhr.