Tabletten, Kapseln und Pillen in verschiedenen Farben liegen in einem Medikamenten-Behälter einer Apotheke.  | Bildquelle: dpa

Medikamente im Netz Pille vom Online-Arzt - Risiko für Patienten

Stand: 22.11.2018 18:00 Uhr

Antibiotika, Schmerzmittel, Verhütungspillen - Recherchen des ARD-Magazin Kontraste zeigen, wie leicht man im Internet an rezeptpflichtige Medikamente kommt. Ein Risiko für die Patienten?

Von Caroline Walter und Lisa Wandt, rbb

Sei es für die Pille, ein Asthma-Spray oder ein Antibiotikum - man braucht dringend ein neues Rezept, aber der Arzt hat so schnell keinen freien Termin. Also ab ins Internet. Doch bekommt man dort auch Medikamente, die eigentlich ein Arzt verschreiben muss?

Das ARD-Magazin Kontraste hat den Test gemacht und bei verschiedenen Portalen hochwirksame Arzneimittel bestellen können. Darunter diverse Antibiotika, ein starkes Schmerzmittel mit Suchtgefahr und sogar ein Malaria-Mittel, das in Deutschland vom Markt genommen wurde.

Im Internet tummeln sich diverse Anbieter so genannter Online-Sprechstunden oder Arztbehandlungen, bei denen sich rezeptpflichtige Medikamente mit wenigen Klicks bestellen lassen. Sie nennen sich "fernarzt", "Doktoronline" oder "euroclinix" und bieten Hilfe vor allem bei Potenzproblemen, Geschlechtskrankheiten oder Verhütungsfragen an.

"Das stellt das gesamte Sicherheitssystem infrage"

Doch offenbar geht es vor allem darum, dass sich der Patient etwa unter den Rubriken "Blasenentzündung", "Reisedurchfall" oder "Schmerzmittel" ein Medikament auswählt. Erst dann müssen standardisierte Fragen beantwortet werden, bevor ein Online-Arzt diese bewertet und ein Rezept ausstellt. Ob der Patient beim Fragebogen schummelt, lässt sich schwer überprüfen: Die Bestellung läuft ohne Ausweis und ohne Untersuchung. Nach wenigen Tagen kommt das Medikament per Post nach Hause.

Völlig problemlos etwa verschreiben viele Anbieter Verhütungspillen mit einem erhöhten Thromboserisiko. Für die Kieler Frauenärztin Doris Scharrel ist das unverantwortlich. "Das finde ich sehr gefährlich und das stellt das ganze Sicherheitssystem, das wir für eine Frau in Deutschland aufgebaut haben, infrage", sagt sie.

Die Kieler Frauenärztin Doris Scharrel | Bildquelle: RBB
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Die Kieler Frauenärztin Doris Scharrel findet es unverantwortlich, dass Online-Ärzte Verhütungspillen mit einem erhöhten Thromboserisiko verschrieben.

In Deutschland sind Frauenärzte gesetzlich dazu verpflichtet, bestimmte Untersuchungen zu machen, bevor sie die Pille überhaupt verordnen dürfen - etwa einen Urintest und Abstrich machen sowie den Blutdruck messen. Außerdem muss die Frau über die Symptome der lebensgefährlichen Thrombosen aufgeklärt werden. Die Fernbehandlung über derartige Online-Portale ist für Scharrel nicht vertretbar. Für die Verordnung rezeptpflichtiger Medikamente brauche es unbedingt den direkten Arzt-Patienten-Kontakt, sagt sie.

In Deutschland verboten, in England legal

In Deutschland ist das Geschäftsmodell von Anbietern wie "DrEd.com" oder "fernarzt.com" bislang noch verboten. Ganz im Gegensatz zu England, dort sind solche Portale legal. Deshalb haben die meisten ihren Sitz in London.

Der Gründer von "fernarzt" ist ein deutscher Start-Up-Unternehmer. Eckhardt Weber sieht in der digitalen Gesundheit den Markt der Zukunft. Die Gefahr für den Patienten schätzt er gering ein, er vertraut seinen Online-Ärzten in London. "Ich glaube, da halten wir mit unserem Konzept alle Standards ein. Man muss einfach sicherstellen, dass man nicht etwas ausstellt, wo man unsicher ist", sagt er.

Fernarzt | Bildquelle: RBB
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Der Start-Up Unternehmer Eckhardt Weber ist der Gründer von "fernarzt". Die Gefahr für die Patienten schätzt er gering ein.

Auch bei "DrEd", einem der größten Anbieter mit bislang über zwei Millionen Beratungen und Behandlungen, verweist man auf Leitlinien, denen die Behandlung folge. "Der Arzt entscheidet in jedem Einzelfall, wie auch der Kollege in der Arztpraxis vor Ort", sagt Gründer David Meinertz. Jede medizinische Anfrage werde von seinen Ärzten einzeln überprüft.

Medikamente mit schweren Nebenwirkungen

Doch nicht alle Anbieter stellten sich den Fragen von Kontraste. Bei "Sanix24.com" findet sich im Impressum nur eine Fehlermeldung, kein Verantwortlicher ist auf der Seite genannt. Aber das Malaria-Prophylaxe Medikament "Lariam" wird schnell geliefert, das in Deutschland wegen seiner schweren Nebenwirkungen vom Markt genommen wurde.

Außerdem wird das starke Schmerzmittel "Pregabalin" verschrieben, das schnell zur Droge werden kann. Der Toxikologe Florian Eyer hält das geschäftsmäßige Vertreiben von "Pregabalin" auch deshalb für hochproblematisch. "Dieses Medikament wird gerade im Suchtbereich stark missbraucht", weiß Eyer.

Trotz dubioser Fernbehandlungen und riskanter Medikamente scheint bislang niemand diese Fernbehandlungsportale zu kontrollieren. Im Gegenteil: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat kürzlich eine Gesetzesänderung angekündigt, die solche Geschäftsmodelle auch in Deutschland zulassen würde.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Maria Klein-Schmeink fordert den Gesundheitsminister auf, endlich Kontrollen einzuführen und gesetzlich aktiv zu werden. "Wir brauchen eine klare Regelung dafür: Wer darf behandeln, wer haftet am Ende. Wir brauchen auch ganz klar eine Regelung dafür, wann Fernbehandlung nicht stattfinden darf."

Über dieses Thema berichtete das Erste am 22. November 2018 um 21:45 Uhr in dem Politikmagazin "Kontraste".

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