Fläschchen, die mit dem COVID-19-Impfstoff gefüllt werden sollen, sind im Delpharm-Werk | AP
Interview

Herstellung von Vakzinen Impfstoffproduktion bleibt schwierig

Stand: 26.04.2021 16:25 Uhr

Corona-Impfstoff bleibt weltweit knapp. Ob eine schnellere Herstellung möglich wäre, erklärt Sebastian Ulbert vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie im Interview mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Der Ruf nach einer schnelleren Produktion von Impfstoffen ist immer wieder zu hören - und heute auch sicher wieder Thema auf dem Impfgipfel. Was ist so kompliziert daran, Impfstoffe in Masse herzustellen?

Sebastian Ulbert: Impfstoffe sind Medikamente, das heißt, sie müssen unter den gleichen Bedingungen hergestellt werden - wie jedes andere Medikament auch. Die Medikamentenherstellung passiert in einem hochregulierten Umfeld. Hier muss es wirklich an jeder kleinsten Stelle der Entwicklung Kontrollen geben, es muss Expertinnen und Experten geben, die genau auf die einzelnen Produktionsschritte schauen und dann nach der Prüfung den nächsten Schritt freigeben. Es muss alles in extremen Reinräumen passieren mit speziellen Lüftungsanlagen, die potenzielle Verunreinigungen schon aus der Laborluft herausfiltern. Und es braucht hochqualifiziertes Personal für diese hochtechnologischen Prozesse. Das sind natürlich alles Herausforderungen, die man meistern muss.

Kapazitäten und Lieferketten müssen aufgebaut werden

tagesschau.de: Lassen Sie uns auf die einzelnen Impfstofftypen schauen, die zur Zeit in der EU zugelassen sind - was sind die Besonderheiten in der Herstellung von mRNA-Impfstoffen?

Ulbert: Bei den mRNA-Impfstoffen ist seit Jahren eine der großen Herausforderungen: Wie bringt man die RNA in die Zelle hinein? Daran forschen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit Langem. Sie benötigen bestimmte Chemikalien - Lipide -, welche die RNA zu Nanopartikeln verkapseln, damit sie bis zu den Zellen gelangen und in die Zellen eindringen können.

Die Herstellung dieser Nanopartikel ist nicht ganz einfach, denn sie müssen eine bestimmte Größe haben, eine bestimmte Zusammensetzung und eine bestimmte Ladung. Vor der Pandemie wurden die dafür benötigten Chemikalien noch nicht für so einen extremen Masseneinsatz als Teil von Impfstoffen gefertigt, daher müssen entsprechende Produktionkapazitäten beziehungsweise Lieferketten neu aufgebaut werden.

tagesschau.de: Wie sieht es bei den anderen Impfstoffen aus?

Ulbert: Bei den herkömmlichen Impfstoffen existieren diese Lieferketten bereits. Bei Vektorimpfstoffen handelt es sich ja um die Herstellung von Vektorviren - also Transportviren. Die massenhafte Herstellung von Viren ist etwas, was in den letzten Jahrzehnten schon gut etabliert wurde. Jetzt geht es hier um die Herstellung dieser spezifischen Viren für die Sars-CoV2- Impfstoffe.

Gleicher Produktionsprozess weltweit

tagesschau.de: Könnten Kooperationen von verschiedenen Pharma-Werken den Prozess beschleunigen?

Ulbert: Für alle Produktionen gilt: Sie brauchen klare Protokolle, die das Hochfahren der Herstellung der Impfstoffe beschreiben. Und diese Protokolle dürfen nicht nur an einem einzigen Produktionsstandort funktionieren, sondern sie müssen so valide sein, dass sie auch an jeden anderen Produktionsstandort direkt übertragen werden können. Es muss also der gleiche Produktionsprozess sein, der an verschiedenen Stellen in der Welt genau gleich abläuft, damit man den Impfstoff eben auch überall anders genauso zulassen kann, und das sind die Herausforderungen.

tagesschau.de: Wie schnell oder langsam war denn nun die Entwicklung und Herstellung der Impfstoffe im Rückblick? 

Ulbert: Man muss es einfach nochmals deutlich sagen, dass wir ein Jahr, nachdem wir das Virus entdeckt und als Problem erkannt haben, bereits mit einer weltweiten Impfkampagne dagegen starten können, mit Impfstoffen, die schon durch klinische Prüfungen gegangen sind - das ist extrem schnell. Und auch bei zukünftigen Pandemien glaube ich - das ist meine persönliche Meinung -, dass wir hier nicht wesentlich schneller werden können. Das ist schon wirklich sehr schnell, was vor allen Dingen damit zu tun hat, dass man aus vorangehenden Forschungen mit Coronaviren bereits wusste, wie ein Impfstoff aufgebaut sein muss.

tagesschau.de: Und diese Forschungen und Impfstoff-Entwicklungen sind noch nicht abgeschlossen?

Ulbert: Man weiß noch nicht, wie lange der Impfschutz anhält. Man weiß noch nicht, wie oft man sich impfen muss, damit der Schutz optimal ist. Man weiß nicht, wie die Impfstoffe auf bestimmte Mutanten reagieren, ob es eventuell Probleme geben könnte, bei vielleicht noch zukünftig auftretenden Mutanten. Bei denen, die wir jetzt haben, scheint es so zu sein, dass die Impfstoffe eine Schutzwirkung zeigen, selbst wenn diese teilweise geringer ausfallen mag. Aber wir können aus Labor-Untersuchungen noch nicht ableiten, ob eine Person zuverlässig vor einer mutierten Form des Virus geschützt ist, dazu braucht es Beobachtungsstudien bei Geimpften.

Das sind alles Fragen, die wir noch nicht abschließend beantworten können. Und das muss jetzt alles erforscht werden. Und das führt auch dazu, dass diese Impf-Protokolle bestimmt noch einmal nachgebessert werden in den kommenden Jahren und auch noch mal optimiert werden. Gleichzeitig kommen auch noch ganz andere Impfstoffe dazu, die auf anderen Technologien beruhen. Das sind alles Dinge, die dazu führen werden, dass wir in den nächsten Jahren da bestimmt noch Optimierung erleben werden.

Das Interview führte Anja Martini für tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. April 2021 um 16:00 Uhr.