Screenshot aus der Videobotschaft von Xavier Naidoo
faktenfinder

Naidoos neue Kehrtwende "Dieser Weg wird kein leichter sein"

Stand: 20.04.2022 11:58 Uhr

Nicht zum ersten Mal hat sich Xavier Naidoo von eigenen Aussagen distanziert. Fachleute äußern sich daher zurückhaltend zu der Frage, ob sich der Sänger wirklich von Verschwörungsmythen abgewendet hat.

Von Wulf Rohwedder, Redaktion ARD-faktenfinder

Das Video ist gut drei Minuten lang: "Ich habe mich Theorien, Sichtweisen und teilweise auch Gruppierungen geöffnet, von denen ich mich ohne Wenn und Aber distanziere und lossage", behauptet der Sänger Xavier Naidoo darin und begründet seine Kehrtwende mit dem Krieg in der Ukraine: "Die Welt scheint wie auf den Kopf gestellt, und ich habe mich gefragt, wie es so weit kommen konnte."

Wulf Rohwedder

Im Netz gab es neben Zustimmung auch viel Zweifel an dem plötzlichen Sinneswandel des Sängers - ist es doch seit mehr als zwei Jahrzehnten Naidoos Taktik, mit extremistischen, rassistischen und homophoben Ausfällen zu provozieren, um dann wieder zurückzurudern. So bezeichnete er sich bereits 1999 in einem Interview mit dem "Musikexpress" als "Rassist, aber ohne Ansehen der Hautfarbe".

Reichsbürgermythen im Morgenmagazin

"Wir sind immer noch ein besetztes Land", behauptete Naidoo 2011 im ARD-Morgenmagazin - und fügte als Erklärung eine These aus dem Reichsbürgermilieu hinzu, bevor die Moderatoren schnell das Thema wechselten: "Deutschland hat keinen Friedensvertrag - und dementsprechend ist Deutschland kein echtes Land."

Seitdem hat Naidoo diese These konsequent weiter vertreten, so auch in einer Rede, die er 2014 am Tag der Deutschen Einheit in Berlin hielt - bekleidet in einem T-Shirt mit der Aufschrift "Freiheit für Deutschland". Diese fand auf der Bühne von Reichsbürgern statt, die ebenfalls Deutschland die Souveränität ablehnen und oft Verbindungen in rechtsradikale Kreise haben. Im SWR verteidigte der Sänger seinen Auftritt: "Ich möchte auf Menschen zugehen. Auch zu 'Reichsbürgern'. Auch auf die NPD. Das ist mir alles Wurst."

Antisemitische Chiffren

Wie weit dieses "auf Menschen zugehen" geht, zeigte Naidoo immer wieder. 2009 sang er in "Raus aus dem Reichstag": "Wie die Jungs von der Keinherzbank, die mit unserer Kohle zocken. Ihr wart sehr, sehr böse, steht bepisst in euren Socken. Baron Tothschild gibt den Ton an und er scheißt auf euch Gockel. Der Schmock is’n Fuchs und ihr seid nur Trottel." Der jiddische Begriff des Schmocks bezeichnet einen arroganten, opportunistischen Juden, um die jüdische Bankiersfamilie Rothschild als angebliche Weltherrscher ranken sich viele antisemitische Verschwörungstheorien - wer die Codes kennt, versteht sie gut. 

Trotzdem verwahrte sich Naidoo juristisch dagegen, als Antisemit bezeichnet zu werden - zunächst erfolgreich. In letzter Instanz hob das Bundesverfassungsgericht das Urteil jedoch auf.

Homophobe Verse und der Ruf nach dem Führer

Zusammen mit Kool Savas rappte Naidoo auf ihrem gemeinsamen Nummer-Eins-Album "Gespaltene Persönlichkeit":

Ich schneid' euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann fick' ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ich bin nur traurig und nicht wütend. Trotzdem würde ich euch töten. Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch' euch die Klöten. Ihr habt einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?

Auch hier versuchte Naidoo, schnell wieder zu beschwichtigen: Wer das für homophob halte, würde ihn fehlinterpretieren, sagte Naidoo dazu in einem Statement - es gehe ihm um die Anprangerung von Ritualmorden, zudem bekunde er "Sympathie und unseren großen Respekt gegenüber allen Schwulen und Lesben weltweit".

Künstler solidarisieren sich

2016 sollte Naidoo trotzdem die Bundesrepublik Deutschland beim European Song Contest vertreten - ein Land, das seiner Aussage nach eigentlich gar nicht existiert. Erst nach heftigen Protesten, auch aus dem eigenen Haus, nahm der NDR die Entscheidung zurück. Auf Initiative von Naidoos Konzertveranstalter Marek Lieberberg schalteten darauf 121 Kulturschaffende, darunter Jan Delay, Jan Josef Liefers und Til Schweiger eine einseitige Solidaritätsanzeige in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Nach neuen verschwörungsmythischen Ausfällen seines Schützlings distanzierte sich Lieberberg jedoch von der Aktion.

Im Privatfernsehen weiter gefeiert - zunächst

Trotzdem feierte Naidoo in den kommenden Jahren weitere Erfolge, vor allem in Shows des Privatfernsehens. Der Sender VOX widmet ihm trotz der Vorwürfe ein Special, bei der RTL-Show "Deutschland sucht den Superstar" saß er in der Jury. Das Engagement fand 2020 ein jähes Ende, als er in einem Video sang: "Ich hab' fast alle Menschen lieb, aber was, wenn fast jeden Tag ein Mord geschieht, bei dem der Gast dem Gastgeber ein Leben stiehlt, dann muss ich harte Worte wählen. Denn keiner darf meine Leute quälen."

RTL stellte deshalb die Zusammenarbeit mit ihm ein. Naidoo behauptete daraufhin: "Ich setze mich seit Jahren aus tiefster Überzeugung gegen Ausgrenzung und Rassenhass ein. Liebe und Respekt sind der einzige Weg für ein gesellschaftliches Miteinander."

Extreme Radikalisierung seit 2020

Insbesondere während der Corona-Pandemie radikalisierte sich Naidoo immer weiter. So verbreitete er Mythen aus der QAnon-Ideologie, laut der satanistische Eliten Kinder foltern, um die Substanz "Adrenochrom" zu gewinnen, die Erde in Wirklichkeit flach sei und der menschengemachte Klimawandel nicht existiere. Den wegen Mordes verurteilten Reichsbürger und Rechtsextremisten Rüdiger Hoffmann bezeichnete es als "wahren Helden".

In einem vom ihm verbreiteten Video wurde der Holocaust als "gelungene historische Fiktion" und "Märchen" bezeichnet, die Juden nannte Naidoo "Lügenbande". Unter anderem mit rechtsextremen Sänger Hannes Ostendorf nahm er einen Song und ein Video auf, das rechtsextreme "Compact"-Magazin widmete ihm eine lobende Sonderausgabe.

Das Schweigen gebrochen

Seit Mitte 2021 wurde es zunächst still um Naidoo - bis zu seiner aktuellen Videobotschaft. Darin lässt sich der Sänger jedoch nicht darüber aus, welche seiner Aussagen er zurücknimmt. "Eine große Problematik des aktuellen Statements von Naidoo ist, dass er an vielen Stellen unkonkret ist: Er distanziert sich zwar von Sichtweisen und Gruppierungen - er benennt sie aber nicht", erklärt Josef Holnburger, Geschäftsführer des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS). Der Sänger relativiere teilweise, in dem er sagt, er habe sich "zum Teil instrumentalisieren lassen".

Allerdings zeigten die Daten, dass er auf Telegram selbst sehr aktiv war, so der Forscher: "Dort teilte er auch das antisemitische Pamphlet der 'Protokolle der Weisen von Zion', er nahm an Konferenzen mit dem Holocaustleugner Nikolai Nerling teil." Das Statement spiele für die Szene schon jetzt eine große Rolle: "Die Reaktion reicht von Verrätervorwürfen über Verwunderung bis zu Vorwürfen, dass Naidoo zu einem solchen Statement gezwungen worden wäre."

Der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume sieht Naidoo, sollte er es denn ernst meinen, auf einem langen und schwierigen Weg: "Zwar gelingt immer wieder auch langjährigen Verschwörungsgläubigen der Ausstieg aus Verschwörungsmythen, doch ist es meist ein schwerer, langer Prozess bis zu einer neuen, offenen und wissenschaftlich aufgeklärten Identität." Dieser Weg, so Blume auf Twitter, könne "kein leichter sein".

Über dieses Thema berichtete SWR Aktuell am 20. April 2022 um 07:27 Uhr.