US-Soldaten in Afghanistan umstehen ein Militärfahrzeug, das bei einem Selbstmordanschlag der Taliban explodiert ist (Archivbild). | Bildquelle: AFP

Afghanistan Russisches Kopfgeld auf US-Soldaten?

Stand: 29.06.2020 18:29 Uhr

US-Präsident Trump steht erneut unter Druck, weil er gegenüber Russlands Führung inkonsequent aufgetreten sein soll. Diesmal geht es um ein mögliches Kopfgeld auf US-Soldaten. Was ist bekannt?

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Einmal mehr stehen US-Medienberichte, die Geheimdiensterkenntnisse zitieren, gegen das Dementi von Präsident Donald Trump. Erneut ist der Vorwurf heikel: Eine Einheit des russischen Militärgeheimdienstes GRU soll Kämpfern im vergangenen Jahr Kopfgeldprämien für Soldaten der US-Armee und britische Militärs in Afghanistan angeboten haben.

Trump und der Nationale Sicherheitsrat sollen bei einem Briefing Ende März darüber unterrichtet worden sein. Ihnen wurden demnach Optionen für Reaktionen wie verschärfte Sanktionen gegen Russland vorgelegt. Trump seinerseits will nichts davon erfahren haben und sieht sich in der Zurückweisung der Behauptung auf einer Seite mit den Taliban und der Führung in Moskau. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow verwies wiederum auf Trump, als er von einer "Lüge" sprach.

Allerdings berichteten die Fernsehsender CNN und Sky News, dass auch europäische Geheimdienstmitarbeiter die Information bestätigt hätten. Sky News zufolge will der konservative Abgeordnete Tobias Ellwood dazu eine Frage im britischen Unterhaus stellen. Ellwood forderte seine Regierung auf, das Thema bei der UNO und in der NATO anzusprechen.

Mehrere Kongressmitglieder von Trumps republikanischer Partei forderten Aufklärung, unter ihnen Senator Lindsey Graham, der am Sonntag mit dem US-Präsidenten golfen ging.

Der republikanische Abgeordnete im Repräsentantenhaus, Michael McCaul, äußerte Sorge über Russlands Aktivitäten. Auch demokratische Abgeordnete und ehemalige US-Diplomaten forderten Trump zum Handeln auf.

Zersetzung, Sabotage und Anschläge

Die Berichte sind recht konkret, was die angeblich involvierte Geheimdiensteinheit 29155 des GRU betrifft. Aufgabengebiet dieser Eliteeinheit ist Recherchen der "New York Times" und des britischen "Guardian" zufolge eine Destabilisierung Europas mittels Zersetzung, Sabotage und Anschlägen. Operationen, allerdings wenig erfolgreich, habe sie in Montenegro, Moldau und Bulgarien durchgeführt. Die Vergiftung Sergej Skripals und seiner Tochter in Salisbury wird ihr als Racheakt für abtrünnige Geheimdienstmitarbeiter zugeschrieben.

Unter den etwa 20 Mitgliedern der Einheit seien Veteranen der Kriege in Afghanistan, Tschetschenien und der Ukraine. Die französische Zeitung "Le Monde" berichtete mit Bezug auf Erkenntnisse mehrerer europäischer Geheimdienste im Dezember 2019, die Einheit habe eine versteckte Basis in der Haute Savoie in Südostfrankreich unterhalten.

Die Informationen über Aktivitäten der Einheit in Afghanistan gehen der "New York Times" zufolge teils zurück auf Verhöre mit islamistischen Kämpfern und bewaffneten Kriminellen. Wie aber genau diese mit den russischen Agenten in Verbindung gestanden haben sollen, bleibt offen.

Ebenso unklar ist, ob aufgrund des Kopfgeldangebots US-Soldaten getötet wurden. Die Nachrichtenagentur AP berichtete nun, US-Geheimdienste untersuchten einen Anschlag auf einen US-Konvoi auf dem Weg zur Militärbasis in Bagram im April 2019, bei dem drei US-Soldaten getötet und drei verletzt wurden. Die Taliban hatten die Verantwortung für den Anschlag übernommen. Anfang 2020 habe eine US-Spezialeinheit einen Taliban-Posten durchsucht und etwa 500.000 US-Dollar gefunden. Das habe den Verdacht erhärtet, dass die russische Seite den Taliban und anderen Geld angeboten hätten.

Der unabhängigen US-Organisation iCasualties.org zufolge wurden 2019 in Afghanistan 22 und diesem Jahr bislang neun US-Amerikaner getötet. Im Februar hatte die US-Regierung nach langjährigen Verhandlungen mit den Taliban ein Abkommen getroffen. Es sieht den Rückzug der US-Truppen vor, wenn die Taliban sicherstellen, dass Afghanistan kein Rückzugsort für Terroristen mehr ist.

Russische Verbindungen zu den Taliban

In den vergangenen Jahren gab es auch immer wieder Berichte über Kontakte zwischen der russischen Führung und den Taliban. Für die Führung in Moskau wurden die Taliban interessant, weil sie politisch an Bedeutung in Afghanistan gewannen und weil sie als Verbündeter gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Frage kamen, nachdem diese zunehmend aus Syrien verdrängt wurde und eine Gefahr nicht nur in Afghanistan, sondern auch in den zentralasiatischen Republiken zu werden drohte. Diese betrachtet Russland als eine vorgelagerte Sicherheitszone.

So erklärte der russische Sonderbeauftragte für Afghanistan, Samir Kabulow, im Dezember 2015, man habe Kommunikationskanäle zu den Taliban eingerichtet, um Informationen auszutauschen. Eine Sprecherin des russischen Außenministeriums sprach konkreter über einen Austausch von Geheimdienstinformationen über den IS.

Die Interessen Russlands und der Taliban würden sich hinsichtlich der Bekämpfung des "Islamischen Staates" überschneiden, so Kabulow. Zudem sprach er von möglichen Waffenlieferungen.

Der Asien-Experte Alexej Malaschenko von der Carnegie-Stiftung in Moskau sah damals auch eine Absicht der russischen Führung, der US-Regierung zeigen zu wollen, dass man in der Region ebenso wie diese tätig werden könne.

Warum Gelder an die Taliban?

Unterschiedlich bewerteten Experten in den vergangenen Jahren die Position Russlands zur US-Präsenz in Afghanistan. Einerseits dienten die US-Basen in der Region immer wieder als Beleg einer weltweiten Ausdehnung der USA und einer Umzingelung Russlands. Andererseits aber wurde es durchaus als vorteilhaft angesehen, dass es die USA und ihre Verbündeten waren, die sich unter enorm hohen Kosten um eine Befriedung des Unruheherds Afghanistan bemühten und gegen islamistische Extremisten vorgingen.

Insofern ist nicht klar, ob eine politische oder militärstrategische Motivation hinter vermeintlichen Zahlungen an die Taliban stehen könnte. Spekulationen gibt es in sozialen Medien auch über mögliche Racheakte der russischen Führung an den USA - angefangen bei der lange zurück liegenden US-Unterstützung für die Mudschaheddin gegen die Sowjetarmee in Afghanistan. Der Krieg dauerte bis 1989. Einem größeren Publikum war dies erst durch das Buch "Charlie Wilsons Krieg" des US-Investigativjournalisten George Crile aus dem Jahr 2002 bekannt geworden.

Ins Spiel gebracht wird auch ein US-Militäreinsatz in Syrien im Jahr 2018, bei dem offenbar russische Söldner getötet wurden, der bis heute nicht aufgeklärt ist. Versteckte Racheakte, ausgeführt von Dritten, erscheinen insofern nicht unplausibel, als Russland bislang jede direkte militärische Konfrontation mit den USA und der NATO vermied und statt dessen auf weniger kostspielige, aber durchaus effektive Methoden setzte, die auch die GRU-Einheit 29155 angewandt haben soll.

Sollte aber eine zweite Amtszeit Trumps im Interesse der russischen Regierung sein, so helfen die Berichte über mögliche Kopfgeldzahlungen sicherlich nicht. Schon die Debatte darüber und Trumps Hinauszögern einer Antwort tragen eher zu einem weiteren Ansehensverlust des US-Präsidenten bei, der sich bereits in Umfragen zeigt.

Russland soll Geld für Anschläge auf US-Soldaten in Afghanistan gezahlt haben
Torsten Teichmann, ARD Washington
27.06.2020 16:00 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 27. Juni 2020 um 18:09 Uhr.

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