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Getragene Sneaker mit einem roten Herzgesicht.
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Europawahl Junge Menschen wählen anders

Stand: 10.06.2024 16:20 Uhr

Die Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen hat ihre eigenen Favoriten: Die meisten Stimmen bekamen Union und AfD, aber fast ein Drittel aller Stimmen ging auch an Kleinstparteien. Was steckt dahinter?

Von Torben Ostermann, ARD-Hauptstadtstudio

Wenn man sich anguckt, wie Menschen zwischen 16 und 24 Jahren bei der Europawahl abgestimmt haben, wird eins schon auf den ersten Blick deutlich: "Die eine Partei, die man ein Leben lang wählt, das ist etwas, das sich bei jungen Menschen überhaupt nicht abzeichnet als ein Muster für ihre Wahlbiografie", sagt Torsten Faas, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin.

Tatsächlich haben junge Menschen dieses Mal ganz anders gewählt als noch 2019. CDU und CSU haben dazugewonnen und führen das Ranking an. 17 Prozent haben bei der Union ihr Kreuz gemacht, ein Plus von fünf Prozentpunkten. Keine Partei steht besser da. "Mich freut natürlich, dass wir in der jungen Generation überproportionale Zugewinne hatten", erzählt Jan Redmann, CDU-Politiker aus Brandenburg. Er ist dort Spitzenkandidat für die Landtagswahl in wenigen Monaten.

Auch der Chef der Jungen Union, Johannes Winkel, freut sich über den Erfolg seiner Partei bei jüngeren Menschen. Aus seiner Sicht ist vor allem bei ihnen die Angst groß, dass der Wohlstand abnimmt.

Bild: Wahltagsbefragung, Europawahl 2024, Stimmanteile bei 16-24-Jährigen im Vergleich zu 2019 | Andere 28,0 (+3,0) | Union 17,0 (+5,0) | AfD 16,0 (+11,0) | Grüne 11,0 (-23,0) | SPD 9,0 (+1,0) | FDP 7,0 (-1,0) | Linke 6,0 (-2,0) | BSW 6,0 (+10005,0) | Infratest-dimap. 10.06.2024, 02:49 Uhr

Stimmanteile der 16- bis 24-Jährigen bei der Europawahl im Vergleich zu 2019

Die AfD feiert Erfolge bei den Jüngeren

Mit allen möglichen Ängsten hat im Wahlkampf vor allem die AfD Stimmung gemacht. Damit punktete sie auch bei der jungen Generation und landete mit 16 Prozent auf Platz zwei - trotz der Skandale rund um den Spitzenkandidaten Maximilian Krah.

Von seiner eigenen Partei im Wahlkampf versteckt und nun sogar aus der Europadelegation gewählt, präsentierte Krah sich in seinem TikTok-Kanal dennoch zufrieden. "Es braucht eine Politik von rechts. Das werden wir in den nächsten Tagen umsetzen. Für euer Vertrauen, eure Unterstützung, für all das, was ihr geleistet habt auch als ich schweigen musste: meinen Dank", so Krah.

Schwere Klatsche für die Grünen

Für die Grünen ist das Abschneiden bei den jungen Wählern ein Desaster. Fast zwei Drittel der Stimmen hat die Partei verloren.

Um das Ruder wieder herumzureißen, hat Svenja Appuhn von der Grünen Jugend klare Erwartungen an ihre Partei: "Dass sich eben in der Bundesregierung dafür einsetzt, die materiellen Lebensbedingungen zu verbessern und Menschen damit die Zukunftsängste zu nehmen. Das sind die Themen günstigerer Wohnraum, bessere Ausbildungsvergütung, sozial gut ausgeglichener Klimaschutz."

Kanzlerpartei ohne Wumms

Und die SPD? Bleibt auf schlechtem Niveau mehr oder weniger stabil. Gerade einmal neun Prozent der 16- bis 24-Jährigen haben ihr Kreuz bei der Kanzlerpartei gemacht. 

Insgesamt sieben Prozent der unter 25-Jährigen haben laut infratest dimap für die Europapartei Volt gestimmt. Bei der jetzigen Europawahl forderte die Partei, die EU zu einem Bundesstaat auszubauen, Vetorechte der EU-Mitgliedstaaten abzuschaffen, die Energieversorgung bis 2035 komplett auf Ökoenergie umzustellen und die Seenotrettung von Migranten zu legalisieren. Insgesamt erzielte Volt 2,6 Prozentpunkte.

Vielfältiges Votum

Fast jede dritte Stimme der jungen Wählenden ging an Kleinstparteien, die in Deutschland sonst kaum eine Rolle spielen. Das sei "außergewöhnlich in der Größenordnung", urteilt Politikwissenschaftler Faas. Er sieht die Gründe dafür in der fehlenden Sperrklausel und in der Unzufriedenheit mit Regierung und Opposition, die nicht überall für Euphorie sorge.

Viele Experten gehen davon aus, dass das in Zukunft so bleiben könnte. Für die großen, etablierten Parteien alles andere als gute Nachrichten.

Torben Ostermann, ARD Berlin, tagesschau, 10.06.2024 16:04 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete BR24 am 10. Juni 2024 um 15:39 Uhr.