"Marsch der leeren Töpfe" in Venezuela

Venezuela leidet unter Preisverfall Der Ölstand wird kritisch

Stand: 31.01.2015 11:04 Uhr

Russland leidet, Nigeria klagt - doch vor allem Venezuela kämpft mit dem niedrigen Ölpreis. Durch den Preisverfall gerät das Land an den Rand einer Staatspleite. Waren werden knapp. Doch an der Misere ist die Regierung teilweise selber schuld.

Von Martin Polansky, ARD-Hörfunkstudio Mexiko

Vor einem Supermarkt in Caracas - in der langen Schlange bricht ein Streit aus: "Eigentlich will ich Seife und Zucker kaufen. Das kann doch nicht wahr sein. Wir haben genug", sagt ein Kunde. "Ach, hören Sie doch auf. Ich habe nicht genug. Ich liebe es. Es lebe die Revolution", entgegnet ein anderer ideologisch gefestigt in der Warteschlange.

In Venezuela werden die Waren immer knapper: Speiseöl, Shampoo, Milchpulver, Windeln. Ein Sozialismus der leeren Regale.

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Nur Öl - das rächt sich jetzt

Venezuela ist reich an Öl. Fast alle Deviseneinnahmen stammen aus dem Verkauf des Rohstoffs. Als der Preis pro Barrel noch bei mehr als 100 US-Dollar lag, hatte Venezuela bereits Probleme, Rechnungen zu begleichen. Die meisten Waren werden importiert, die Devisen sind staatlich kontrolliert und waren schon vor Jahren knapp.

Die heimische Währung Bolivar dagegen verliert durch mehr als 60 Prozent Inflation ständig an Wert.

Nicolas Maduro vor Porträts von Simon Bolivar
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Präsident Maduro macht für die Wirtschaftsprobleme des Landes vor allem das Ausland verantwortlich.

Angst vor der Staatspleite

Jetzt hat sich der Ölpreis mehr als halbiert. Die Einnahmen brechen weg. Und Angst vor der Staatspleite macht sich breit. Der sozialistische Präsident Nicolas Maduro, der noch vor Monaten vollmundig verkündete, dass er genug Geld habe, spricht inzwischen selber von Problemen: "Wir haben ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten. Wir alle sind verpflichtet, diesen Problemen zu begegnen. Um die Sozialpolitik aufrechtzuerhalten, das Bildungs- und Gesundheitssystem, die Zahl der Arbeitsplätze."

Maduro macht abwechselnd Saboteure und den Lieblingsfeind USA für die Krise verantwortlich. Die Vereinigten Staaten würden den Ölpreis künstlich durch ihr Fracking drücken, um Venezuela und anderen zu schaden. Aber Ölpreiseinbrüche hat es schon früher gegeben und Venezuelas Sozialisten haben in mehr als 15 Jahren an der Macht die fatale Abhängigkeit des Landes von dem Rohstoff eher noch vergrößert. Das rächt sich jetzt.

Opposition hofft - hat aber wenig Unterstützer

Venezuelas Opposition sieht nun wieder mal ihre Stunde gekommen. Der gemäßigte frühere Präsidentschaftskandidat Henrique Capriles ruft zu Demonstrationen auf: "Das ist der Moment der Mobilisierung. Wir müssen sagen, was wir denken, Druck machen für einen Wechsel. Die Regierung irrt sich, wenn sie denkt, dass die Leute resigniert sind und sich nur in die Schlange stellen."

Aber erst im vergangenen Frühjahr war eine wochenlange Protestwelle gegen die Regierung erfolglos versandet - nach gewaltsamen Zusammenstößen mit mehr als 40 Toten auf beiden Seiten. Das Land ist politisch tief gespalten, die bürgerliche Opposition gilt für die meisten Anhänger der Sozialisten als unwählbar und führende Oppositionspolitiker sind zerstritten. Leopoldo Lopez, einem radikalen Regierungsgegner, wird zudem der Prozess gemacht.

So versuchen sich die Sozialisten irgendwie über die Zeit zu retten, in der Hoffnung, dass der Ölpreis bald wieder steigt. Maduro war gerade erst auf einer ausgedehnten Reise vor allem nach Asien - in der Hoffnung frisches Geld zu bekommen. Mit ein paar vagen Kredit- und Investitionszusagen aus Katar und China ist er nach Caracas zurückgekehrt. Im Frühjahr muss Venezuela Kredite bedienen. Ob das Geld dafür noch reicht, bezweifeln an den Finanzmärkten inzwischen manche.

Dieser Beitrag lief am 31. Januar 2015 um 12:22 Uhr im Deutschlandfunk.

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