Interview

Hillary Clinton auf einer Gedenkveranstaltung zum 11. September | Bildquelle: dpa

Gesundheitszustand der Präsidentschaftskandidatin "Das ist ein GAU für Hillary Clinton"

Stand: 12.09.2016 16:11 Uhr

Hillary Clinton hat eine Lungenentzündung. Das ist für sie nicht nur unangenehm, sondern eine Katastrophe. Journalist Erik Kirschbaum erklärt, warum US-Wählern die Fitness ihrer Kandidaten so wichtig ist - und was Ex-Präsident Bush und eine Brezel damit zu tun haben.

tagesschau.de: Welche Auswirkungen werden Hillary Clintons Gesundheitszustand und ihr Umgang damit auf den Wahlkampf haben?

Erik Kirschbaum: Das ist ein GAU für Clinton. Zwei Monate vor der Wahl ein ganz schlechter Zeitpunkt für so einen Schwächeanfall. Die Gegner, die Republikaner, werden auf jeden Fall versuchen, dies auszuschlachten. Donald Trump hatte einen verkorksten Sommer, er liegt in vielen US-Bundesstaaten weit hinter Clinton. Eine schwächelnde Gegenkandidatin ist für ihn ein gefundenes Fressen. Er wird tun, was er kann, um ihr weh zu tun.

alt  Erik Kirschbaum | Bildquelle: Erik Kirschbaum, privat

Zur Person

Erik Kirschbaum ist seit 1990 Deutschland-Korrespondent der Agentur Reuters in Berlin und schreibt zusätzlich für die "Los Angeles Times". Er studierte Deutsch und Geschichte an der University of Wisconsin-Madison und arbeitete anschließend als Korrespondent für verschiedene Zeitungen in den USA und für AP in New York. Kirschbaum ist Autor mehrerer Bücher und ab Oktober Executive Director der RIAS Berlin Commission.

tagesschau.de: Trump selbst hat bisher auch noch keine Details zu seinem Gesundheitszustand vorgelegt. Warum pochen die US-Medien dieses Jahr so sehr darauf?  

Kirschbaum: Clinton ist 68 Jahre alt, Trump ist 70. Sie gehören zu den ältesten Kandidaten, die es in der US-Geschichte je gegeben hat. Es gibt seit langem Fragen über den Gesundheitszustand beider Kandidaten, und beide sind bisher nicht besonders transparent. Die Stellungnahmen ihrer Ärzte waren bislang sehr oberflächlich. Viele amerikanische Medien kritisieren jetzt vor allem die Informationspolitik von Clinton, denn schließlich hieß es zuerst, sie sei "nur" überhitzt und "dehydriert" gewesen - jetzt ist klar, dass schon in der vergangenen Woche eine Lungenentzündung diagnostiziert wurde. Viele Verschwörungstheoretiker werden sich jetzt bestätigt fühlen.

tagesschau.de: Warum ist die Fitness der Präsidentschaftskandidaten so wichtig für die Amerikaner?

Kirschbaum: Die Amerikaner erwarten, dass ihr Präsident geistig und körperlich topfit ist, denn er hat seinen Finger auf dem Knopf für die Nuklearwaffen. Ein US-Präsident muss ständig wichtige Entscheidungen treffen, er ist ständig unterwegs. Man kann den US-Präsidenten deshalb buchstäblich beim Altern zusehen.

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US-Präsident Obama 2009 und heute

BArack Obama
BArack Obama kurz nach seiner Amtseinführung im Jahr 2009

US-Präsident Obama im Jahr 2009 und heute

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tagesschau.de: Gibt es Beispiele von früheren Präsidentschaftskandidaten, die gesundheitliche Probleme hatten?

Kirschbaum: Franklin D. Roosevelt verheimlichte im Wahlkampf 1944 eine Herzerkrankung, ein Jahr später starb er. Jimmy Carter brach 1979 bei einem Lauf zusammen - und verlor später die Wahl. Das war nicht der einzige Grund für seine Niederlage, aber es hat ihn auf jeden Fall Stimmen gekostet. Auch andere amtierende Präsidenten hatten solche verheerenden Momente. George Bush Senior hat sich in Japan auf einem Staatsbankett übergeben. Die Bilder sind immer wieder gezeigt worden und haben seinen Ruf beschädigt. Sein Sohn George W. Bush ist beim Essen einer Brezel kurz ohnmächtig geworden. Bei Amerikanern bleibt so etwas hängen.

Das Interview führte Jan Philipp Burgard, WDR

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