US-Präsidentschaftswahl
Hintergrund

Analyse zur US-Wahl Gewaltiges Strategiespiel ohne Favoriten

Stand: 28.08.2012 23:10 Uhr

Zahlen, Zahlen, Zahlen - mal führt Amtsinhaber Obama, mal liegt Herausforderer Romney hauchdünn vorn: Im Strategiespiel namens US-Wahlkampf ist es bislang keinem Kandidaten gelungen, die politische Agenda zu bestimmen. Jetzt beginnt das Ringen um die Gunst der Frauen.

Jörg Schönenborn

Von Jörg Schönenborn, WDR, zzt. Tampa

Der amerikanische Wahlkampf ist ein gewaltiges Strategiespiel. Und den Stoff für dieses Spiel liefern dutzende Meinungsforschungsinstitute.

Allein am Montag und Dienstag dieser Woche gab es vier Studien, die neue Zahlen zum Duell Obama gegen Romney liefern. Bei Gallup und ABC News hat Romney mit 47 zu 46 Prozent die Nase vorn, bei Rasmussen führt Obama mit 47 zu 45, bei CBS mit 46 zu 45 Prozent. Dabei sind die statistischen Fehlermargen mit plusminus vier Punkten so groß, dass das Ergebnis wiederum eindeutig heißt: Beide können gewinnen!

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Für wen ist das Kopf-an-Kopf-Rennen ein Erfolg?

Aber schon bei der Frage, für welchen der beiden Kandidaten das ein Erfolg ist, streiten die "Pollster", die Umfrageexperten. Da ist auf der einen Seite ein Präsident, der 800 Milliarden Dollar für ein Konjunkturprogramm ausgegeben hat und trotzdem die Arbeitslosigkeit kaum reduzieren konnte. Mit seiner Amtsführung ist nach der neuesten Studie unserer Kollegen bei ABC News nur noch eine Minderheit von 47 Prozent zufrieden, 50 Prozent sind unzufrieden.

Und wenn es um wirtschaftspolitische Fragen geht, halten sogar 56 Prozent Obamas Weg für falsch, nur 43 Prozent für richtig. Wenn man gleichzeitig bedenkt, dass bei den meisten Präsidentschaftswahlen der vergangenen Jahrzehnte am Ende die Wirtschaftslage den Ausschlag gab, dann ist es ein Erfolg für Obama, dass er immer noch gleichauf mit seinem Herausforderer liegt.

Romney - kein Sympathieträger

Man kann es auch andersherum sehen. Mitt Romney ist alles, aber kein Sympathieträger. Selbst die eigenen Anhänger sehen das in großer Zahl so. Vor allem steht er als ehemaliger Hedgefondsmanager und vermutlich reichster Präsidentschaftskandidat aller Zeiten nicht im Ruf, sich für die "kleinen Leute" einzusetzen. 58 Prozent der Amerikaner glauben, dass er als Präsident eher die Interessen der Wohlhabenden vertreten würde, nur 32 Prozent sehen ihn als Anwalt der "Mittelschicht" - so nennt man die "kleinen Leute" in den USA.

Und noch schlimmer für ihn: Obwohl er eindeutig als erfahrener und kompetenter in Wirtschaftsfragen gilt, sich als Unternehmer sein Vermögen selbst erarbeitet hat, glaubt die Mehrheit der Amerikaner nicht daran, dass es mit einem Präsidenten Romney in der Wirtschaft wirklich aufwärts geht: 52 Prozent glauben nicht daran, 46 Prozent schon. Glück für Romney, dass die Aussichten mit einem Präsidenten Obama noch viel schlechter beurteilt werden. So gesehen hat Romney eine Menge erreicht, wenn er nach Monaten eines heftigen und von beiden Seiten oft schmutzigen Wahlkampfs immer noch aussichtsreicher Kandidat ist.

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Wahlkampf nach Lehrplan

Und so geht das Strategiespiel diese Woche in die nächste Runde. Beide Seiten versuchen zum einen, die politische Agenda zu bestimmen - das Thema, das das Land bewegt. Und sie wollen gezielt die Gruppen ansprechen, bei denen sie für ihren Kandidaten das größte Potenzial vermuten.

Was das Agenda-Setting angeht, gab es in der vergangenen Woche Wahlkampf nach Lehrplan. Die Demokraten konnten ihr Glück kaum fassen, als der erzkonservative republikanische Senatskandidat aus Missouri, Todd Akin, von "legitimen Vergewaltigungen" faselte und davon, dass der weibliche Körper schon dafür sorge, dass Frauen bei Vergewaltigungen nicht schwanger werden. Das sollte ein Argument für ein schärferes Abtreibungsrecht sein.

Romney soll sympathischer wirken

Die republikanischen Strategen hassen dieses Thema - zum einen, weil die eigene Partei zerstritten ist, zum anderen, weil Obama bei den sogenannten "weichen" Themen viel besser da steht. 52 zu 38 führt Obama auf diesem Feld. Umgekehrt hätten sie gern die Woche vor dem Parteitag mit der Diskussion über Wachstum und Arbeitsplätze bestritten. Denn da führt Romney 50 zu 43. Tatsächlich aber wurde eine Woche lang in den Fernsehnachrichten vor allem über Abtreibung und Frauenrechte diskutiert. Dieser Punkt ging an die Demokraten.

Auf dem Parteitag soll es nun gelingen, den Spieß umzudrehen. Romneys Image soll softer, persönlicher, sympathischer werden, denn die Experten sind sich sicher, dass das für Frauen wichtig ist. Die haben Romney bisher kaum im Blick. 49 Prozent der Frauen würden Obama wählen, 43 Romney. Bei den Männern sieht es umgekehrt aus, 51 Prozent für Romney, 42 Prozent für Obama.

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Der Geschlechtergraben

Dieser "Gender gap", der Geschlechtergraben, könnte die Wahl am Ende entscheiden. Denn in den USA zählt nicht, welcher Kandidat am 6. November die meisten Wählerstimmen einsammelt. Wenn es danach ginge, wäre im Jahr 2000 Al Gore und nicht George W. Bush Präsident geworden.

In Wirklichkeit haben wir es mit 51 Einzelwahlen in 50 Bundesstaaten und der Hauptstadt Washington D.C. zu tun. Je nach Einwohnerzahl verteilen sich die 538 Wahlmännerstimmen auf die Bundesstaaten. Kalifornien hat mit 55 die meisten, kleinere Staaten wie Montana oder North Dakota haben nur drei. Präsident wird, wer 270 Stimmen erreicht. Wer im Bundesstaat die Mehrheit erreicht, räumt sämtliche Stimmen des Staates ab. Wer bei der Wahl im Bundesstaat siegt, dem werden die Stimmen aller Wahlmänner des Staates zugesprochen.

Deshalb gibt es eine eigene amerikanische Wahlkampfmathematik, bei der das "Popular vote", die landesweite Stimmverteilung, nur eine Nebenrolle spielt. Beide Seiten schätzen frühzeitig ab, in welchen Bundesstaaten die Verhältnisse ohnehin klar sind. Dort findet Wahlkampf praktisch nicht statt. Als regelrechte Schlachtfelder mit intensiver Fernsehwerbung, Haustürwahlkampf und Kandidatenbesuchen bleiben in diesem Jahr nur acht Bundesstaaten übrig. Obama kann relativ sicher mit 237 Stimmen aus 18 Staaten rechnen, Romney mit 206 Stimmen aus 24 Staaten. Bleiben Nevada, Colorado, Iowa, Wisconsin, Ohio, New Hampshire, Virginia und Florida.

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Frauen im Blick

Zurück zum Gender Gap: Die Wahlkampfplaner haben vor allem die Frauen aus den Vororten großer Städte im Blick. Mütter, die ihre Kinder von der Schule abholen, arbeiten müssen, weil das Geld bei einem Einkommen nicht reicht, und die für ihre Arbeit in den vergangenen Jahren oft spürbar weniger Geld bekommen. Diese Frauen könnten die Wahl vor allem in Colorado, Virginia und Florida entscheiden. Und diese Frauen hat Mitt Romney im Blick, wenn diese Nacht seine Frau Ann hier in Tampa auf die Bühne geht. Und bei seiner eigenen Rede am späten Donnerstagabend.

Nächste Woche folgt dann das Rückspiel der Demokraten in North Carolina. Das Meinungsforschungsinstitut Gallup, dass seit Jahrzehnten Präsidentschaftswahlen begleitet, hat ausgerechnet, dass ein Herausforderer durch die Wirkung des Parteitags durchschnittlich 5,3 Punkte gegenüber dem Amtsinhaber gutmachen kann. Der Haken für Romney: Der Amtsinhaber holt durch seinen eigenen Parteitag rein statistisch 5,1 Punkte wieder auf. Wetten, dass es auch nach den beiden Conventions noch keinen Favoriten für den 6. November geben wird?

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KOMMENTARE

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NotorischerNörgler 29.08.2012 • 07:07 Uhr

Schlimm!

Wie weit unterhalb der Gürtellinie der Wahlkampf in den USA ausgetragen wird. Wie leicht man mit Geld Einfluss auf den Wahlkampf nehmen kann. Wie stark das Wahlsystem die Mehrheitsverhältnisse verzerrt. Aber das meine ich nicht. Schlimm ist, dass es noch schlimmer kommen kann als bei uns, ohne dass die Demokratie in der Lage wäre, ihren Anspruch auf Moral, Mäßigung und Demokratische Werte einzufordern.