Eine Frau schiebt ein Fahrrad an zerstörten Häusern in Kiew vorbei. | AFP
Reportage

Frauen in der Ukraine "Ich muss hier in Kiew bleiben"

Stand: 11.04.2022 10:13 Uhr

Millionen Frauen sind in den vergangenen Wochen aus den umkämpften Gebieten in der Ukraine geflohen. Manche wollen allerdings das Land nicht verlassen - trotz der Bomben. Drei von ihnen berichten vom Alltag in Kiew.

Von Silke Diettrich, WDR, zzt. Kiew

Checkpoints an sämtlichen Kreuzungen, viele Lokale in Kiew sind noch geschlossen. Aber Alina und ihre Schwester arbeiten jetzt schon seit zwei Wochen wieder, in einem unscheinbaren Café, gleich um die Ecke vom Maidan. Ab halb sieben steht Alina in der Küche und bereitet Mahlzeiten für die Soldaten in ihrem Kiez zu: "Mein Job erfüllt mich mit Stolz", sagt sie. "Ich bin auch stolz auf meinen Vater, der mit seinem Lkw Hilfsgüter im Land transportiert. Wir alle helfen, wie und wo wir können."

"Ich habe versucht, nicht zu weinen"

Alinas Mann kämpft in der ukrainischen Armee. Ihre Mutter passt auf Nikita auf, das ist Alinas Sohn. Vor fünf Monaten ist er auf die Welt gekommen. "Ich habe versucht, nicht zu weinen", erzählt Alina. "Ich musste für meine kleine Schwester und meinen Sohn da sein. Ihr ging es nicht gut, wir haben ihr Beruhigungsmittel geben müssen. Mein kleiner Junge hat ständig geweint, er hat so unruhig geschlafen, wegen der vielen Bomben. Meine Mutter und ich mussten stark für sie bleiben."

Die Frauen in Alinas Familie sind in Kiew geblieben - auch, weil der kleine Sohn Nikita gleich zu Beginn des Krieges krank geworden ist. Sie hätten unmöglich fliehen können.

Keine Politik im Friseursalon

Anders als Ina. Sie ist eine der wenigen Friseurinnen, die nun ihren Laden wieder geöffnet hat. 20 Jahre habe sie schließlich schon hier gearbeitet. Ina hat nicht viel Zeit. Während sie redet, schneidet sie die Haare einer Kundin, die nächste wartet schon: "Wir reden hier nicht über Politik im Salon", sagt sie. "Aber natürlich tauschen wir uns darüber aus, was für Grausamkeiten gleich bei uns um die Ecke passieren. Es sieht aus wie im Mittelalter. Ich frage mich, wie kann das heute im 21. Jahrhundert überhaupt alles passieren?"

Ihre Tochter ist nach Ungarn zu Verwandten geflohen. Ina ist in Kiew geblieben, zusammen mit ihrer Mutter, ihrem Ehemann und dem Hund. Sie wollte ihre Wohnung einfach nicht verlassen. Sie sei nicht einmal in den Bunker, als die Bomben fielen. Die Kälte und Dunkelheit dort unten hätten ihr noch mehr Angst eingeflößt, als sie ohnehin schon hatte.

Geld geht an Freiwillige

Gleich um die Ecke von Inas Friseursalon sitzen Leute in einem Straßencafé. Kurz fühlt es sich so an, als sei es wie vor dem Krieg: blauer Himmel, die ersten warmen Sonnenstrahlen im Kiewer Frühling. Aber der Krieg in der Ukraine ist in allen Köpfen omnipräsent, auch bei Natasa. Eigentlich hat sie als Personalreferentin in einer großen Beratungsfirma gearbeitet. Jetzt kellnert sie und versucht, so viele Portionen wie möglich zu verkaufen. Das Geld, auch ihr Trinkgeld, geht an Freiwillige, die die Logistik für die ukrainischen Soldaten aufrechterhalten.

Als der Krieg vor rund sechs Wochen alle überraschte, war Natasa mit ihrem Freund bei Verwandten, rund 300 Kilometer von Kiew entfernt. Dort seien keine Bomben gefallen, sagt sie. "Wir sind zurück nach Kiew, weil wir von hier aus helfen wollten. Es war wirklich angsteinflößend. Aber die Angst war dann Teil unseres Alltags. Bomben, Einschläge, es war alles sehr laut."

"Wir sind alle eine große Familie geworden"

Natasa raucht ihre E-Zigarette, bevor sie weiter arbeiten muss. Sie ist 21 Jahre alt und hätte, wie einige ihrer Freundinnen, auch einfach das Land verlassen können. Aber das ist für Natasa gerade unvorstellbar: "Vor dem Krieg hatte ich das überlegt, da wollte ich in den Westen von Europa oder woanders hin. Aber das geht jetzt nicht, ich muss hier in Kiew bleiben. Unsere Leute sind einfach großartig, alle helfen. Wir Ukrainerinnen und Ukrainer sind jetzt alle eine große Familie geworden."

Denn auch, wenn es in Kiew nun ruhiger geworden ist, ihr Land und ihre Leute, sagt Natasa, seien noch immer im Krieg.

Dieser Beitrag lief am 11. April 2022 um 07:52 Uhr im Deutschlandfunk.