Eine Rauchwolke steigt auf über der Provinzhauptstadt Kala-i-Naw, wo sich Taliban und Militär bekämpfen. | AFP

Nach Truppenabzug in Afghanistan Taliban greifen Provinzhauptstadt an

Stand: 07.07.2021 16:32 Uhr

Erstmals seit Beginn des internationalen Truppenabzugs greifen die radikalislamischen Taliban wieder eine Provinzhauptstadt in Afghanistan an. Aus der Stadt Kala-i-Naw im Nordwesten des Landes werden heftige Kämpfe gemeldet.

Nur Stunden, nachdem die US-Armee erklärt hatte, dass ihr Rückzug auf Afghanistan zu 90 Prozent vollzogen sei, begann die Offensive: Die Taliban griffen die Hauptstadt der Provinz Baghdis im Nordwesten des Landes, Kala-i-Naw, an. Es kam es zu heftigen Kämpfen.

"Der Krieg tobt"

Berichten zufolge nahmen die radikalislamischen Kämpfer zumindest vorübergehend mehrere Polizeireviere und Stützpunkte des Geheimdienstes ein. In der Bevölkerung brach Panik aus. Nach offiziellen Angaben antworteten Regierungstruppen mit Luftangriffen, Spezialkräfte seien im Einsatz, um die Taliban wieder zurückzudrängen "Der Krieg tobt", erklärte Verteidigungsminister Bismillah Mohammadi. Er sprach von "einer sehr angespannten militärischen Situation".

"Der Feind ist in die Stadt eingedrungen, alle umliegenden Bezirke sind gefallen", teilte der Gouverneur von Badghis, Hessamuddin Schams, mit. Später veröffentlichte er ein Video, in dem er die Bevölkerung zur Ruhe aufrief: "Meine Botschaft ist, bitte bleibt ruhig. Ich versichere Euch, dass wir alle alles tun werden, um gemeinsam die Stadt zu verteidigen", sagte Schams, der offenbar selbst mit einem Gewehr bewaffnet war. Im Hintergrund der Aufnahme waren Schüsse zu hören.

Seit Beginn des Abzugs der US- und NATO-Truppen im Mai haben sich die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und den Taliban massiv verstärkt. Die Taliban rücken seit Wochen vor und verzeichnen seither einige Geländegewinne. Mindestens fünf Provinzhauptstädte sind inzwischen umzingelt. Die Regierung in Kabul kündigte eine Gegenoffensive im Norden an.

Friedensgespräche trotz Gewalt fortgesetzt

Ungeachtet der heftigen Kämpfe trafen sich beide Seiten im Iran zu neuen Gesprächen. Der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif begrüßte bei der Eröffnung des Treffens in Teheran den US-Truppenabzug im Nachbarland. Er betonte jedoch: "Heute müssen das Volk und die politische Führung Afghanistans schwierige Entscheidungen für die Zukunft ihres Landes treffen." Die iranische Regierung ist durch die jüngsten Entwicklungen in Afghanistan beunruhigt. In den vergangenen Jahren hat der Iran Millionen Flüchtlinge aus dem Nachbarland aufgenommen.

Truppenabzug soll bis August vollendet sein

Die USA planen, ihre Soldaten bis zum August vollständig zurückzuholen. Der wichtigste Luftwaffenstützpunkt Bagram wurde am Freitag an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben. Von dort aus wurden in den 20 Jahren des Afghanistan-Krieges viele Angriffe gegen die Taliban und andere islamistische Gruppen gestartet. Die Bundeswehr, die in Kundus im Norden stationiert war, hatte bereits am 30. Juni ihren Einsatz beendet und die letzten Soldaten abgezogen.

Von 1996 bis zu ihrem Sturz durch die US-geführten Truppen 2001 hatten die Taliban Afghanistan beherrscht und die Menschenrechte, vor allem die Rechte der Frauen, massiv beschnitten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Juli 2021 um 16:00 Uhr in den Nachrichten.