Das Royal Free Hospital in London | NEIL HALL/EPA-EFE/Shutterstock

Großbritannien Freiwillige für Studie mit Corona infiziert

Stand: 07.03.2021 15:53 Uhr

Wie reagiert das Immunsystem auf Corona - und wie wird das Virus übertragen? Antworten auf diese Fragen erhoffen sich britische Forscher von einer Studie, für die Probanden absichtlich mit Corona infiziert werden. Die Methode ist umstritten.

In Großbritannien sind die ersten Freiwilligen im Rahmen einer Studie mit dem Coronavirus infiziert worden. Die sogenannten Human-Challenge-Analysen hätten begonnen, bestätigte das britische Gesundheitsministerium der Nachrichtenagentur dpa. Die Studie war Mitte Februar erstmals angekündigt worden.

Studie setzt ursprüngliche Corona-Variante ein

Nach früheren Angaben der britischen Regierung handelt es sich um die erste Studie weltweit, bei der Menschen gezielt mit Sars-CoV-2 infiziert werden. "Das Human-Challenge-Programm wird die Entwicklung von Impfstoffen und Behandlungen gegen Covid-19 verbessern und beschleunigen", sagte eine Sprecherin des Ministeriums.

Die erste Gruppe von Freiwilligen habe am Royal Free Hospital in London mit der Virus-Charakterisierungsstudie begonnen. Die Probanden würden "in einer sicheren und kontrollierten Umgebung dem Virus ausgesetzt, rund um die Uhr von Medizinern und Wissenschaftlern überwacht", hieß es. Genutzt werde der Corona-Erreger, der seit März 2020 in Großbritannien auftritt und nicht die weitaus ansteckendere Variante B.1.1.7, die im Herbst in Südostengland erstmals aufgetreten war.

"Human Challenge Trials", bei denen gesunde Menschen einem Erreger ausgesetzt werden, kamen in der Vergangenheit zum Beispiel bei der Entwicklung von Grippe- oder Malaria-Impfstoffen zum Einsatz. Allerdings wurde den Probanden dabei - anders als nun bei der britischen Studie - zunächst ein potenzieller Wirkstoff verabreicht.

Erkenntnisse über Immunreaktion und Verbreitung

Bei dem britischen Projekt wurden junge, gesunde Menschen als Probanden ausgewählt, die nach bisherigem Kenntnisstand ein vergleichsweise geringes Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken. Sie sollen zunächst die geringste mögliche Dosis an Viren zugeführt bekommen, die für eine Infektion notwendig ist. Bis zu 90 Freiwillige könnten dabei gezielt infiziert werden. Nach Angaben der Regierung erhalten die Freiwilligen eine Entschädigung für ihre Teilnahme.

Mit der anfänglichen Charakterisierungsstudie wollen die Forscher herausfinden, wie das Immunsystem auf das Virus reagiert und auf welche Weise Infizierte Viruspartikel in die Umgebung abgeben. Im Vorfeld der Studie hatte das britische Wirtschaftsministerium zudem angegeben, dass in Folgestudien auch zuerst Probanden mit einem neuen Wirkstoff gegen Corona geimpft und dann dem Virus ausgesetzt werden könnten.

Vorgehen ist umstritten

In Deutschland lehnt der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) Human-Challenge-Studien als unethisch ab.

Zudem gibt es medizinische Vorbehalte: "Challenge-Studien zeigen vielleicht ein verfälschtes Bild, da Erkenntnisse, die nur mit jungen, gesunden Menschen gewonnen wurden, möglicherweise nicht auf Ältere und chronisch Kranke übertragbar sind", betont der Verband. Künstlich herbeigeführte Ansteckungen entsprächen nicht den echten Infektionen im Alltag.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Februar 2021 um 14:00 Uhr.