Flüchtlinge der Rohingya | AP

Bangladesch Rohingya-Flüchtlinge werden umgesiedelt

Stand: 04.12.2020 11:12 Uhr

In Bangladesch hat eine gigantische Umsiedlungsaktion begonnen: Die Regierung will bis zu 100.000 aus Myanmar geflüchtete Rohingya auf einer Insel ansiedeln. Experten bezweifeln, ob diese überhaupt bewohnbar ist.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi, z. Zt in Hamburg

Dramatische Szenen spielen sich im Rohingya-Flüchtlingslager Kutapalong ab. Mit Bussen werden die ersten Familien abgeholt, die auf eine kleine, bislang fast unbewohnte Insel vor der Küste von Bangladesch umgesiedelt werden sollen.

Bernd Musch-Borowska ARD-Studio Neu-Delhi

Berichte von Gewalt

Menschenrechtsorgansiationen halten die Lebensbedingungen auf der Insel Bhashan Char für ungeeignet. Auch die Rohingya selbst haben sich geweigert, freiwillig dorthin umzuziehen. Sie seien gezwungen worden, klagt Khulsuma Khatum, deren Tochter zusammen mit ihrem Ehemann in einem der Busse abtransportiert wurde: "Sie wurden erst mit Gewalt in das Übergangslager gebracht und dann gezwungen umzuziehen. Wir haben gehört, dass sie meinen Schwiegersohn geschlagen haben. Er hat uns nichts gesagt, weil er Angst um sein Leben hatte."

Verzweiflung herrscht bei den auseinandergerissenen Familien. Auch die 18 Jahre alte Jannat Ara, deren Eltern abgeholt wurden, berichtete von Gewalt der bangladeschischen Sicherheitskräfte: "Zuerst wurde mein Vater von der Polizei verhaftet. Sie haben ihn geschlagen und in eine dunkle Zelle gesteckt. Er wurde mit der Waffe bedroht und vor die Wahl gestellt, nach Bhashan Char umzuziehen oder zu sterben. Dann hat er zugestimmt. Meine Mutter wollte nicht, aber schließlich ging sie mit meinem Vater mit."

Insel wird jedes Jahr überflutet

Bis zu 100.000 Rohingya sollen auf die Insel umgesiedelt werden, die knapp 60 Kilometer vor der Küste im Golf von Bengalen liegt. Die Regierung von Bangladesch hat dort Siedlungen gebaut. Es gebe Schulen und Spielplätze, heißt es, zudem Trinkwasseranlagen und eine Stromversorgung mit Solaranlagen sowie Schutzeinrichtungen im Falle eines Wirbelsturms.

Zahlreiche Experten bezweifeln, dass Bhashan Char für eine Besiedlung geeignet ist, u.a. wegen ihrer Lage und den Umweltbedingungen in der Region. Die 40 Quadratkilometer große Insel, die durch den Schlick des in den Golf von Bengalen mündenden Flusses Meghna entstanden ist, wird regelmäßig während des alljährlichen Monsuns zwischen Juni und September überflutet.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch beklagt, dass es auf der Insel keinen Zugang zu nachhaltigen Lebensgrundlagen oder Bildung gebe. Außerdem gebe es keine angemessene ärztliche Versorgung, das nächste Krankenhaus sei nur durch eine dreistündige Bootsfahrt erreichbar.

Überfüllte Flüchtlingslager

Die Flüchtlingslager im Süden von Bangladesch sind schon seit langem völlig überfüllt. Rund 860.000 Menschen leben dort in einfachen Behausungen, seit die Rohingya im Sommer 2017 aus Myanmar vertrieben wurden oder vor der Gewalt der Streitkräfte geflohen sind.

Die Regierungen von Bangladesch und Myanmar haben schon längst die Rückkehr der Flüchtlinge vereinbart, doch die Rohingya weigern sich. Erst im September beklagte die UN-Kommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, dass das Schicksal der Rohingya noch immer ungelöst sei:

Drei Jahre sind vergangen, seit die Militäroperationen im Staat Rakhine diese schreckliche humanitäre Krise verursacht haben. Die Situation von Hunderttausenden Rohingya-Flüchtlingen ist nach wie vor ungeklärt. Im vergangenen Jahr hat eine Kommission festgestellt, dass Myanmar verantwortlich ist für Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und für Verstöße gegen andere internationale Gesetze. Der UN-Menschenrechtsrat und die Vollversammlung haben gefordert, dass die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden. Aber es ist nichts geschehen.

UN wurden nicht beteiligt

Die Vertretung der Vereinten Nationen in Bangladesch hatte nach eigenen Angaben keine Möglichkeit, die Sicherheit, Realisierbarkeit und Nachhaltigkeit der neuen Flüchtlingsunterkunft auf der Insel Bhashan Char zu überprüfen. Zudem seien sie nicht an der Vorbereitung der Umsiedlung oder der Identifizierung der umsiedlungswilligen Geflüchteten beteiligt gewesen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. Dezember 2020 um 17:00 Uhr.