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Coronavirus in Indien "Haben nichts zu essen und kein Geld"

Stand: 29.03.2020 12:33 Uhr

Durch die landesweite Ausgangssperre sind in Indiens Hauptstadt Delhi Zehntausende Arbeiter arbeitslos und obdachlos geworden. Verzweifelt versuchen sie nun, in ihre Heimatdörfer zu kommen.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Am Stadtrand von Delhi und den Ausfallstraßen der indischen Hauptstadt zum Nachbarbundestaat Uttar Pradesh spielen sich dramatische Szenen ab, seit die Regierung eine landesweite Ausgangssperre verhängt hat. Zehntausende Arbeiter aus anderen Regionen des Landes, die nach der Schließung der Baustellen in der indischen Hauptstadt arbeitslos und obdachlos geworden sind, versuchen verzweifelt, in ihre Heimatdörfer zurückzukehren.

Bernd Musch-Borowska ARD-Studio Neu-Delhi

Keine Einkünfte und keine Unterkunft mehr

Riesige Menschenmassen machten sich in den vergangenen Tagen zu Fuß auf den Weg, nachdem der öffentliche Personennah- und Fernverkehr wegen der Ausbreitung des Coronavirus eingestellt wurde. Darunter sind vor allem junge männliche Tagelöhner, aber auch Familien, die nach dem vollständigen "Lockdown", wie die Ausgangssperre in Indien genannt wird, keine Einkünfte und in vielen Fällen auch kein Dach mehr über dem Kopf haben.

Coronavirus, Sars-CoV-2 und Covid-19

Coronavirus ist die geläufigste Bezeichnung für das neuartige Virus aus China. Dessen offizieller Name, den die WHO festgelegt hat, lautet Sars-CoV-2. Die aus dem Virus resultierende Lungenkrankheit heißt Covid-19.

Raju, ein junger Mann aus dem 200 Kilometer entfernten Agra, ist mit dem kleinen Bündel, in das er sein Hab und Gut eingewickelt hatte, zu Fuß auf dem Weg nach Hause. "Wir haben auf unserer Baustelle zwei Tage lang nichts mehr zu essen bekommen und mussten hungern", erzählt er. "Da können wir auch zu unseren Eltern zurückgehen. Denn das dauert hier bestimmt noch mindestens einen Monat. Und solange wir keine Arbeit haben, können wir auch zu Hause sein."

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Die obdachlosen Arbeiter sind trotz der Ausgangssperre am Busbahnhof, um nach Hause zu kommen. Bild: REUTERS

Menschengedränge am Busbahnhof

Am Busbahnhof in Noida - gleich hinter der Stadtgrenze von Delhi - gibt es ein riesiges Gedränge. Hilflose Polizisten versuchen vergeblich, Ordnung in die Menschenmenge zu bekommen.Trotz der Ausgangssperre sind die Wanderarbeiter zum Busbahnhof gekommen, um vielleicht doch ein Transportmittel in ihre Heimatdörfer zu ergattern.

Ein Arbeiter sagt: "Wir wissen nicht, was wir machen sollen. Wir haben ein kleines Kind und haben nichts zu essen. Wir müssen nach Budaun in Uttar Pradesh. Aber es fährt kein Bus, deshalb gehen wir jetzt zu Fuß."

Und ein anderer beklagt: "Wir sind Tagelöhner, aber in Delhi gibt es keine Arbeit mehr. Wir haben nichts zu essen und auch kein Geld. Ich habe gerade mal 200 Rupien in meiner Tasche, umgerechnet knapp drei Euro. Wie soll ich denn damit nach Hause kommen?"

Hilfe angekündigt

Die Regierung von Uttar Pradesh hat jetzt angekündigt, Busse an die Stadtgrenze zu Delhi zu schicken, um die gestrandeten Menschen abzuholen. Auch die Stadtregierung von Delhi hat Hilfe angekündigt. Medizinische Teams sollen die Passagiere untersuchen, bevor sie in ihre Heimatdörfer gebracht werden. Die Arbeiterinnen und Arbeiter in der indischen Hauptstadt leben meist in einfachen Unterkünften. Ohne Einkünfte können sie ihre Miete nicht mehr bezahlen.

In Indien gibt es inzwischen knapp 900 bestätigte Corona-Fälle, darunter 34 in der Hauptstadt. 24 Menschen sind den Angaben zufolge landesweit an Covid-19 gestorben.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. März 2020 um 13:15 Uhr.