Interview

Soldaten nahe dem Eiffelturm in Paris

Interview zum Terror in Paris "Wir hatten mit einem großen Angriff gerechnet"

Stand: 15.11.2015 17:52 Uhr

Ein "Verbrechen gegen den Freitagabend", gegen das, was Paris auszeichnet - so beschreibt der französische Journalist Johan Hufnagel die Terrorserie. Er hat viele Fragen zu dem Anschlag, sagt aber auch, dass die Behörden gute Arbeit leisten. Mit einem großen Angriff sei gerechnet worden.

tagesschau.de: Wie ist die Atmosphäre nach den Anschlägen?

Johan Hufnagel: Es war ein sehr hartes Wochenende und es herrscht eine sehr gemischte Atmosphäre in der Stadt. Die meisten Pariser sind natürlich einfach sehr traurig. Denn die Angriffe richteten sich gegen das, wofür Paris steht: Die Freiheit, Spaß zu haben, auszugehen, zu feiern, Musik zu hören, zu tanzen. Es war ein Verbrechen gegen den Freitagabend.

alt Johan Hufnagel, Chefredakteur der Zeitung "Liberation"

Zur Person

Johan Hufnagel ist Chefredakteur der Tageszeitung "Liberation". Nach dem Anschlag im Januar kamen überlebende Mitarbeiter von "Charlie Hebdo" in der Redaktion des Blatts unter. Hufnagel lebt in Paris.

tagesschau.de: Nur Trauer - oder auch Wut?

Hufnagel: Ich spüre auch eine Atmosphäre des Trotzes und des Widerstands. "Die Terroristen wollen, dass wir nicht mehr ausgehen - also gehen wir erst recht aus", so denken viele Pariser. Doch fast alles ist geschlossen. Nicht, weil die Menschen Angst haben - sondern weil der Ausnahmezustand verhängt wurde. Viele Menschen gingen deswegen beispielsweise an der Seine spazieren, um überhaupt heraus zu gehen.

Trauer nach den Anschlägen in Paris
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Trauer in Paris - aber auch Wille zum Widerstand.

tagesschau.de: Wie geht es nun weiter?

Hufnagel: Es herrscht auch enorme Ratlosigkeit. Denn die Frage lautet: Was können wir eigentlich tun? Das Problem ist: Wir wissen nicht viel darüber, was Freitagabend passiert ist. Wir wissen nicht, wie viele Personen an den Angriffen beteiligt waren. Wir wissen nicht, ob die Angriffe möglicherweise noch weitergehen. Wir warten auf ein Signal, um zu wissen, was überhaupt los ist.

"Noch größerer Schock als nach 'Charlie Hebdo'"

tagesschau.de: Die Anschläge Anfang des Jahres richteten sich gegen die Satiriker von "Charlie Hebdo" und gegen jüdische Einrichtungen. Ist der Schock unter der Mehrheit der Franzosen nun noch größer?

Hufnagel: Absolut. Zum einen ist die Zahl der Opfer noch viel höher. Zum anderen gab es im Januar eine Art Motiv, dass man bereits kannte. Antisemitische Angriffe kennt man in Frankreich bereits seit vielen Jahren.  Wir wussten, dass jüdische Franzosen Ziele von Islamisten sind. Und wir wussten, dass sich radikale Islamisten von "Charlie Hebdo" provoziert fühlten. Das rechtfertigt diese Taten natürlich niemals, aber es waren bekannte Motive.

Bewachte jüdische Schule in Paris
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Bewachte jüdische Schule in Paris: Antisemitische Anschläge kannte man bereits. Jetzt richtet sich der Terror auch gegen die Mehrheitsgesellschaft.

tagesschau.de: Also ist eine Lehre, dass jeder im Westen Ziel der Islamisten ist - nicht nur, wenn man einer verhassten Minderheit oder Berufsgruppe angehört?

Hufnagel: Ja. Es war ein Angriff auf Paris an sich: eine bunte Stadt, in der sehr verschiedene Menschen leben. Und es ist offensichtlich, dass die Terroristen auch Deutschland treffen wollten, als sie das Spiel zwischen unseren befreundeten Nationen als Ziel auswählten.

tagesschau.de: Wie konnten die Terroristen überhaupt eine so komplexe Operation organisieren? Was sagt uns das über die Fähigkeiten der Sicherheitsbehörden?

Hufnagel: Das ist die große Frage. Erst vor wenigen Monaten wurden die Befugnisse der Geheimdienste umfangreich erweitert, was die Überwachung von Telekommunikation angeht beispielsweise. Viele bezweifeln, dass dies die besten Maßnahmen sind, um Terrorismus zu bekämpfen. Selbstverständlich brauchen die Geheimdienste die passenden Instrumente, um gegen Terrorismus vorgehen zu können. Aber nun soll eine Gruppe von Islamisten einen solchen Angriff an mehreren Orten vorbereitet haben - und niemand hat etwas mitbekommen?

tagesschau.de: Kam die Attacke denn komplett überraschend?

Hufnagel: In Sicherheitskreisen war mit einem großen Angriff gerechnet worden, allerdings nicht unbedingt zum jetzigen Zeitpunkt. Wir wussten, dass Frankreich ein wichtiges Ziel für Dschihadisten ist. Wir wussten, dass etwas kommen wird. Aber wir hatten eher gegen Ende des Jahres mit dem großen Angriff gerechnet, beispielsweise zu Weihnachten.

"Die Behörden haben gute Arbeit geleistet"

tagesschau.de: Sehen Sie ein Versagen der Geheimdienste?

Hufnagel: Man muss auch feststellen, dass die französischen Behörden sehr gute Arbeit geleistet haben in den vergangenen Monaten. Zahlreiche Anschläge wurden verhindert, die Rede ist von zwei Vorfällen pro Woche. Erst vergangene Woche wurde in Toulon, dem wichtigsten Marinehafen Frankreichs, ein Mann verhaftet, der sich Material für Attentate beschafft haben soll.

tagesschau.de: Wird Ihre Arbeit als Journalist von dem Ausnahmezustand eingeschränkt?

Hufnagel: Nein, absolut nicht. Als Journalist habe ich nun aber die verantwortungsvolle Aufgabe, Informationen zu prüfen, um nichts Falsches zu veröffentlichen. Und wir müssen gute Antworten finden auf die vielen Fragen, die die Menschen stellen.

Eine Frau trauert vor der Bar "Carillon" in Paris.
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"Ein Anschlag auf den Freitagabend" - so beschreibt Hufnagel die Attentate.

tagesschau.de: Wird sich Frankreich jetzt verändern?

Hufnagel: Ich hoffe, es wird sich nicht verändern. Frankreich ist nicht perfekt. Aber die Terroristen wollen die Gesellschaft spalten, sie wollen Hass gegen Muslime provozieren. Sie wollen, dass wir unsere Freiheit selbst aufgeben. Es geht um Demokratie, um unseren Weg des Lebens, um unsere Werte. Und um die Freiheit.

Das Interview führte Patrick Gensing, tagesschau.de

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