Interview

Auf einem Tisch stapeln sich die Wahlzettel mit Stimmen für den EU-Austritt.

Austritt aus der EU "Das Trennungsjahr steht bevor"

Stand: 24.06.2016 08:44 Uhr

Auch wenn klar war, dass das Ergebnis schwach ausfallen würde, hat es ARD-Korrespondentin Julie Kurz überrascht, dass die Brexit-Gegner zu schwach waren, um das Ruder noch herumzureißen. Am Morgen danach erlebt sie ein gespaltenes Land, das die Trennung von der EU eingeleitet hat.

tagesschau.de: Die Briten stimmen für den Austritt aus der EU – wie sehr überrascht Sie dieses Ergebnis?

Julie Kurz: Es war immer klar, dass das Ergebnis sehr knapp ausfällt. Also war auch damit zu rechnen, dass die Brexit-Befürworter am Ende vorn liegen. Bei meinen Recherchen vor dem Referendum habe ich auch die EU-skeptischen Gegenden besucht, wie zum Beispiel Boston in der Grafschaft Lincolnshire. Dort haben 75 Prozent der Menschen für den Austritt gestimmt. Dort arbeiten viele EU-Migranten in der Landwirtschaft. Von daher war das Referendum nicht nur eine Abstimmung über den EU-Austritt, sondern auch über die Zuwanderung.

Was mich tatsächlich überrascht, ist, dass die Brexit-Gegner zu schwach waren, um das Ruder noch einmal herumzureißen. Die City Of London, der Finanzdistrikt,  hat zum Beispiel mit 75 Prozent für den Verbleib gestimmt, aber das schottische Votum fiel weniger stark pro EU aus, als man das erwartet hatte.

alt Julie Kurz

Zur Person

Julie Kurz hat Europäische Medienkultur und Kulturwissenschaften studiert. Nach dem Volontariat beim Norddeutschen Rundfunk arbeitete sie zunächst als freie Autorin für den NDR und ist dort seit April 2014 Redakteurin in der Abteilung Ausland und Aktuelles. Seit 2015 ist Julie Kurz Korrespondentin im ARD-Studio London.

tagesschau.de: Welche Folgen wird das Referendum für Schottland oder auch für Nordirland haben? Ist vorstellbar, dass das Vereinigte Königreich zerfällt?

Kurz: Die Situation für Nordirland wird von daher problematisch, als dass die EU-Außengrenze im Falle eines Austritts Großbritanniens zwischen Nordirland und Irland verläuft. Da dürfte sich unter anderem die Frage von Grenzkontrollen neu stellen. Schottland hat bereits damit gedroht, dass es zu einem weiteren Unabhängigkeitsreferendum kommt, sollte Großbritannien aus der EU austreten, obwohl Schottland für den Verbleib gestimmt hat.

Freude und Enttäuschung

tagesschau.de: Wie erleben Sie die Stimmung im Land insgesamt jetzt nach dem Referendum?

Kurz: Mindestens als so gespalten wie vor dem Referendum. Das Ergebnis ist eben ein knappes. Die eine Hälfte der Briten freut sich, die andere ist enttäuscht. Mein Taxifahrer heute früh war sehr glücklich. Der Brexit bedeutet für ihn, dass Großbritannien endlich unabhängig wird und sich selbst regieren kann. Die Brexit-Gegner befürchten Jahre der Unsicherheit und große wirtschaftlichen Probleme. Den Absturz des Pfundes auf Rekordtief erleben wir ja schon. Da kommt auf die Politik eine große Aufgabe zu, will sie die Märkte entsprechend beruhigen.

Ehepaar Cameron nach der Stimmabgabe
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Premierminister Cameron kam zusammen mit seiner Frau Samantha zur Stimmabgabe. Er gehörte zu den Brexit-Gegnern in seiner Partei und hatte vehement für einen Verbleib Großßbritanniens in der EU geworben.

Unsicherer Zeitplan

tagesschau.de: Was sind jetzt die nächsten Schritte, um das Votum der Briten in die Tat umzusetzen?

Kurz: Nach dem Referendum muss Großbritannien formell seinen Austritt aus der EU erklären. Erst dann greift Artikel 50 des Lissabon-Vertrags, der 2009 in Kraft getreten ist. Nach dieser formellen Erklärung beginnt die Uhr zu ticken. Es läuft sozusagen das Trennungsjahr, das aber 24 Monate umfasst, und an dessen Ende die Scheidung vollzogen werden kann. Hier im Land mehren sich die Stimmen, die sagen, dass man erst noch einmal die Lage sondiert und mit den Verhandlungen beginnt, bevor man den Austritt erklärt.

Das Interview führte Ute Welty, tagesschau.de

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