Blick auf die neugebaute Autobahnbrücke in Genua | Bildquelle: LUCA ZENNARO/EPA-EFE/Shutterstoc

Nach Brückeneinsturz in Genua Tauziehen um Italiens Autobahnen

Stand: 14.07.2020 08:43 Uhr

Knapp zwei Jahre nach dem Brückeneinsturz von Genua könnte die italienische Regierung der Familie Benetton die Konzession als Autobahn-Betreiber entziehen. Das würde eine Kettenreaktion auslösen.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Genua, 14. August 2018, 11 Uhr 36. "Oh Gott! Oh Gott, oh heiliger Gott!" Ein Augenzeuge schreit, als ein Pylon der Morandi-Brücke zusammensackt und 250 Meter Autobahn in die Tiefe stürzen. Nur wenige Stunden später, als Rettungskräfte noch nach Überlebenden suchen, beginnt in der Politik die Suche nach dem Sündenbock.

Der damalige Verkehrsminister Danilo Toninelli von der Fünf-Sterne-Bewegung zeigt sofort mit dem Finger auf die Benetton-Familie und ihre Autobahn-Betreibergesellschaft "Autostrade per l’Italia": "Wer hier Fehler gemacht hat, muss dafür bis zum Schluss bezahlen." Er droht damit, die Konzession zu prüfen und diese zu widerrufen.

Eingestürzte Brücke "Ponte Morandi" in Genua | Bildquelle: LUCA ZENNARO/EPA-EFE/REX/Shutter
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Die Morandi-Brücke führte mitten durch die Stadt Genua. Bis zu 1000 LKW fuhren pro Stunde darüber. Am 14.08.2018 stürzte ein Teilstück ein. Dabei kamen 43 Menschen ums Leben.

In den Wochen danach werden auch dem Ministerium Versäumnisse nachgewiesen. Unter anderem saßen 2014 Vertreter des Verkehrsministeriums am Tisch, als Experten auf Sicherheitsprobleme bei der Morandi-Brücke hinwiesen. Trotzdem erklären Teile der Regierung bis heute ausschließlich die Benetton-Familie und ihre Infrastruktur-Holding "Atlantia" zu Schuldigen.

Kampf der Fünf-Sterne-Bewegung gegen das Establishment

Vor allem die Fünf-Sterne-Bewegung, größte Koalitionspartei und selbst ernannte Kämpferin gegen das Establishment, hat die Benettons zu einem ihrer Hauptgegner ausgerufen. Vize-Verkehrsminister Giancarlos Cancelleri, ebenfalls Mitglied der Partei, findet klare Worte: "Das sind die, die für den Einsturz der Brücke in Genua verantwortlich sind. Das sind die, die sich mit 43 Toten beschmutzt haben. Die, die sich nicht einmal dafür entschuldigt haben. Genau die, diese Benettons!" Auch er fordert ihnen die Konzession zu entziehen. In der Kabinettssitzung heute soll die Entscheidung fallen.

Die Benetton-Familie äußert sich öffentlich nicht, Wirtschaftsexperten warnen vor einem Lizenzentzug. Tausende Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel, sagt Ferruccio de Bortoli, langjähriger Chef der größte italienischen Wirtschaftszeitung "Il Sole 24 Ore". Er spricht von einem "Prinzipienkampf der Fünf-Sterne-Bewegung".

Ein Lizenzentzug treffe aber vor allem die 7000 Beschäftigten von "Autostrade per l'Italia" und "Atlantia". Beide seien ein wichtiger Teil der italienischen Wirtschaft. "Warum sollen sie einen so hohen Preis zahlen, der für die Gruppe die Gefahr bedeutet, Konkurs anmelden zu müssen?", gibt de Bortoli zu bedenken.

Entscheidung könnte Kettenreaktion auslösen

Ein Konkurs könnte unter anderem auch den Flughafen Rom-Fiumicino treffen, der unter der Benetton-Führung in den vergangenen zwei Jahren als bester Airport Europas ausgezeichnet wurde. Um den Erhalt der Autobahnlizenzen kämpfen die Benettons bis zuletzt.

Italiens Medien berichten über ein neues Angebot kurz vor der Kabinettsentscheidung. Demnach will "Atlantia" 3,4 Milliarden Euro zusätzlich ausgeben für Instandhaltung und niedrigere Mauttarife. Zudem sei die Benetton-Holding bereit, auf Entscheidungsmacht zu verzichten und ihren Anteil an "Autostrade per l’Italia" von jetzt 88 auf unter 50 Prozent zu reduzieren. Ministerpräsident Giuseppe Conte aber hat signalisiert, er halte dieses Last-Minute-Angebot für nicht ausreichend.

Zwei Koalitionspartner sehen diesen Konfrontationskurs skeptisch: Die Demokraten und die Partei Italia Viva des ehemaligen Regierungschefs Matteo Renzi fürchten, Benetton könne Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe geltend machen – angesichts einer Konzession, die eigentlich noch bis 2038 läuft. Ein Risiko vor allem, weil die gerichtliche Entscheidung darüber, wer die Schuld am Einsturz der Morandi-Brücke trägt, bis heute aussteht.

Brückeneinsturz von Genua: Der Benetton-Familie droht der Entzug der Autobahn-Lizenz
Jörg Seisselberg, ARD Rom
14.07.2020 07:21 Uhr

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