Särge der getöteten Polizisten | REUTERS

Anschläge in Istanbul Regierung verdächtigt die PKK

Stand: 11.12.2016 12:19 Uhr

Die Attentäter trafen hauptsächlich Polizisten, als sie ihre Bomben mitten in Istanbul zündeten. 38 Menschen starben, darunter 30 Polizisten. Bislang bekannte sich niemand, die türkische Führung verdächtigt die PKK. International wurde die Tat verurteilt.

Wer steckt hinter den Anschlägen in Istanbul? Bislang bekannte sich niemand, 13 Verdächtige wurden laut Innenministerium festgenommen. Für Minister Süleyman Soylu deutet die Art der Planung des Doppelanschlags im zentralen Stadtteil Besiktas sowie das "Timing" auf die PKK hin. Auch Vize-Regierungschef Numan Kurtulmus machte laut der amtlichen Nachrichtenagentur Anadolu die PKK verantwortlich für die Bombenanschläge. Der Angriff habe die Wirtschaft und den Tourismus in der Türkei zerstören sollen.

Bei den Anschlägen waren gestern Abend 38 Menschen getötet worden, darunter 30 Polizisten. Kurtulmus sagte, bei dem Autobombenanschlag auf einen Polizeibus am Stadion seien 300 Kilogramm Sprengstoff verwendet worden. Innenminister Soylu erklärte, der Selbstmordattentäter, der sich knapp eine Minute nach der ersten Explosion in die Luft sprengte, habe seine Sprengstoffweste gezündet, nachdem er von Polizisten im an das Stadion angrenzenden Macka-Park gestoppt worden war.

Erdogan spricht von "Terrorakt"

"Erneut rufen wir die Welt nachdrücklich auf, nicht länger Terrorgruppen zu unterstützen, da wir alle gegen den Terror kämpfen", sagte Vize-Regierungssprecher Kurtulmus und rief die "Freunde der Türkei" zur Solidarität auf. Er betonte, das Ziel sei offenkundig die Polizei gewesen, die am Abend das Fußballspiel zwischen den Erstligaklubs Besiktas und Bursaspor abgesichert hatte.

Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte der EU wiederholt vorgeworfen, den Terror zu unterstützen. Die verbotene Kurdische Arbeiterpartei PKK könne trotz der Einstufung als Terrororganisation "frei und problemlos" in Europa handeln. Den jüngsten Doppelanschlag bezeichnete Erdogan als einen "Terrorakt", der möglichst viele Opfer verursachen sollte. Die Menschen in Istanbul hätten wieder einmal "das hässliche Gesicht des Terrorismus" miterlebt, der "Werte und Moral mit Füßen tritt". Es sei ohne Bedeutung, welche Gruppe verantwortlich sei, die Regierung werde alle "Terrorgruppen" besiegen.

Trauernde Angehörige am Sarg eines getöteten Polizisten | REUTERS

Trauer um die Toten: Bereits einen Tag nach den Anschlägen werden, wie in muslimischen Ländern üblich, die Toten bestattet. Bild: REUTERS

Merkel: "menschenverachtender Terroranschlag"

NATO, die USA und Deutschland verurteilten den Anschlag scharf. Kanzlerin Angela Merkel sprach von einem "menschenverachtenden Terroranschlag". Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte: "Besonders perfide ist: Diese Taten sollten so viele Menschen wie möglich treffen." Das Auswärtige Amt empfahl allen Reisenden in Istanbul, vorerst in ihren Hotels und Unterkünften zu bleiben und sich über seine Reisehinweise oder die Medien über die weitere Lage zu informieren.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg sprach von "furchtbaren Terrorakten", Solidaritätsbekundungen kamen auch aus dem Weißen Haus.

Türkei im Mehrfrontenkrieg

Die Türkei führt derzeit einen Mehrfrontenkrieg. Nach dem Scheitern eines zwei Jahre alten Waffenstillstands im Juli vergangenen Jahres geht die türkische Armee vor allem im Südosten des Landes gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK vor. Die PKK oder deren Splittergruppe TAK verübten seitdem wieder zahlreiche Anschläge im Land. Die türkische Regierung macht aber auch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) für Attentate verantwortlich. Die türkische Armee und syrische Rebellen waren am Vortag nach heftigen Kämpfen in die syrische IS-Bastion Al-Bab vorgedrungen. Die Stadt unweit der Grenze zur Türkei ist die letzte IS-Hochburg in der nordsyrischen Provinz Aleppo.

Seit dem Putschversuch im Juni herrscht Ausnahmezustand in der Türkei. Präsident Erdogan regiert per Dekret. Hunderte Oppositionelle, Journalisten, Regierungskritiker wurden festgenommen, Tausende Staatsbedienstete entlassen. Der Anschlag ereignete sich Stunden, nachdem ein umstrittener Entwurf für die Einführung eines Präsidialsystems ins Parlament eingebracht worden war.

In den vergangenen Wochen war die türkische Regierung auch verstärkt gegen die pro-kurdische HDP vorgegangen. Deren Parteichefs sowie weitere Mitglieder wurden im November wegen Terrorvorwürfen in Untersuchungshaft genommen. Den jüngsten Anschlag verurteilte die HDP scharf. "Mit den zwei Bombenanschlägen in Istanbul herrscht in den Häusern vieler Familien wieder Trauer. Wir verurteilen diese Anschläge aufs Schärfste. Wir sind sehr traurig und teilen den Schmerz", hieß es in einer Mitteilung der Parteizentrale. Zugleich rief die HDP zum "Ende der Polarisationspolitik" in der Türkei und zur Wahrung von Frieden, Demokratie und Menschenrechten auf.

In der Türkei wehen die Flaggen heute auf halbmast. Ministerpräsident Binali Yildirim rief zudem eine eintägige Staatstrauer aus. Wie die amtliche Nachrichtenagentur Anadolu mitteilte, sagte Erdogan eine geplante Reise nach Kasachstan ab.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Dezember 2016 um 12:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Joke-er 11.12.2016 • 14:51 Uhr

@14:29 von faruk

"Sonderregelungen" hatten wir in Deutschland auch mal von einem Herren, der politisch gewählt wurde. Wurde dann, ebenso wie in der Türkei gerade genutzt, um alle missliebigen Personen entweder einzusperren oder für immer zum Schweigen zu bringen. Übrigens diente auch bei dem Herren in Deutschland damals eine fadenscheinige Aktion, wie in der Türkei dieser äußerst seltsame "Putsch", dazu, sich umfassende politische Vollmachten zu besorgen. Diese Person ist Herr Erdogan übrigens gut bekannt... er verwies in einer öffentlichen Rede darauf, dass das Präsidialsystem funktionieren könnte, betreffende Person damals in Deutschland hätte es ja gezeigt... Die Türkei hätte sich mit den Kurden verständigen sollen, die seit dem 1. WK und ihrer Gründung ver**scht wurden, anstatt nach einer unpassenden Wahl den Konflikt innenpolitisch wieder zu instrumentalisieren für ein "genehmeres" Wahlergebnis. Das hätte viele Tote gespart, vielleicht auch diese Toten jetzt...