Karte Israel mit Ägypten, Syrien, Libanon und Jordanien
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Nahost-Konflikt Israels Beziehungen zu seinen direkten Nachbarn

Stand: 17.10.2023 19:07 Uhr

Seit seiner Staatsgründung ist Israel von Feinden umgeben. Mit einigen liegt es bis heute im Kriegszustand, andere sind seit Jahrzehnten erprobte Kooperationspartner. Ein Überblick über das Verhältnis zu den vier direkten Anrainern.

Ägypten

Ägypten war der erste arabische Staat, der Israel offiziell anerkannt hat. Zuvor hatten sich beide Länder nach der Staatsgründung Israels 1948 jahrzehntelang im Kriegszustand befunden und in mehreren arabisch-israelischen Kriegen gegeneinander gekämpft: 1979 unterzeichneten Israel und Ägypten einen Friedensvertrag, der unter anderem eine Rückgabe der Sinai-Halbinsel an Ägypten und das Durchfahrtsrecht israelischer Schiffe durch die internationalen Gewässer um die Halbinsel regelt. Zehn Jahre lang musste Ägypten dafür den Ausschluss aus der Arabischen Liga hinnehmen - und in Umfragen ist die Anerkennung Israels als Staat in der ägyptischen Bevölkerung noch heute unpopulär.

Während der Regierungszeit der Muslimbrüder in Ägypten, deren Tochterorganisation die palästinensische Hamas ist, verschlechterten sich die Beziehungen deutlich: Kairo unterlief die israelische Blockade des Gazastreifens, 2011 wurde die israelische Botschaft in Ägypten von Demonstranten überfallen.

Nach dem Militärputsch und der Machtübernahme Generals Abdel Fattah al-Sisi 2013 näherten sich die Nachbarn wieder an: Unter anderem kooperierten sie bei der Zerschlagung des islamistischen Sinai-Aufstands nach dem Sturz von Ägyptens Präsident Mubarak. 2015 votierte Ägypten erstmals bei den Vereinten Nationen zu Israels Gunsten - für einen Sitz in der UN-Weltraumbehörde UNOOSA. Während der US-Präsidentschaft Donald Trumps sprach sich Ägypten gegenüber den Palästinensern und Jordanien dafür aus, US-Bemühungen um Frieden in der Region zu unterstützen. 2021 und 2022 reiste Israels Premier Naftali Bennett zu diplomatischen Gesprächen nach Ägypten.

Drei Tage vor dem Überfall der Hamas warnte Ägypten laut US-Angaben Israel vor einem Angriff aus Gaza, möglicherweise auf niedriger Ebene. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bestreitet dies, Kairo äußert sich nicht dazu.

Aktuell scheint die durchaus erprobte Kooperation der Nachbarn schleppend zu verlaufen: Am Grenzübergang des von Ägypten kontrollierten Grenzübergangs in den Gazastreifen in Rafah stehen nach ägyptischen Angaben Hilfsgüter bereit, auf der anderen Seite der Grenze warten Zivilisten auf die Ausreise - doch die israelische Regierung kooperiere nicht, heißt es. Sowohl Israel als auch die Hamas-Terroristen dementieren, dass über eine Öffnung des Übergangs überhaupt verhandelt werde.

Jordanien

Ein bedeutender Teil der jordanischen Bevölkerung ist palästinensischer Herkunft - dabei handelt es sich sowohl um eingewanderte und inzwischen eingebürgerte Palästinenser und deren Nachkommen als auch um Flüchtlinge. Zugleich ist Jordanien offiziell als Hüter der islamischen heiligen Stätten in Jerusalem eingesetzt - so finanziert das Land etwa die Wafq-Behörde, die den Tempelberg verwaltet. 1994 schlossen das Königreich und Israel Frieden - eine echte Annäherung blieb in den folgenden knapp drei Jahrzehnten allerdings aus.

2019 sprach Jordaniens König Abdullah von einem "Allzeittief" in den Beziehungen - zwischen ihm und Netanyahu soll es ausgeprägte Animositäten geben. 2021 kam es zu Spannungen, als Israel Kronprinz Hussein die Einreise verweigerte: Dieser hatte für einen geplanten Besuch des Tempelbergs in Jerusalem mehr Sicherheitsleute als vereinbart mitbringen wollen. Jordanien revanchierte sich tags darauf, indem es die Überflugrechte einer Maschine Richtung Abu Dhabi so lange verweigerte, bis Netanyahu sich gezwungen sah, die geplante Reise abzusagen.

2022 wiederum reiste mit Isaac Herzog erstmals ein israelischer Präsident zu Gesprächen nach Amman - doch schon im Herbst verschlechterte sich die Stimmung wieder: Man sei gut vorbereitet auf einen Konfliktfall über die Heiligtümer in Jerusalem, sagte König Abdullah in einem CNN-Interview.

Durch das Vorgehen Israels gegen die Hamas-Terroristen befürchtet König Abdullah nun einen weiteren Zuzug von palästinensischen Geflüchteten in sein Land, wie er nach einem Gespräch mit US-Außenminister Antony Blinken deutlich machte. Er warne vor einer "gewaltsamen Vertreibung von Palästinensern aus allen palästinensischen Territorien" und einem "Überschwappen" der Krise auf die Nachbarländer, hieß es in einer Stellungnahme des Königshofs.

Libanon

Offiziell sind Israel und der Libanon bis heute verfeindet und unterhalten keine diplomatischen Beziehungen. Ende 2022 erst einigten sich beide Länder darüber, wo ihre gemeinsame Seegrenze im Mittelmeer verläuft. Ein Überflugs- und Landeverbot für israelische Flugzeuge hat weiterhin Bestand.

Zwar war der Libanon weder am Sechstagekrieg noch am Jom-Kippur-Krieg beteiligt, doch mit der Aufnahme palästinensischer Flüchtlinge in mehreren Konfliktwellen kamen auch deren Organisationen ins Land: 1971 ließ sich die aus Jordanien vertriebene Fatah im Libanon nieder, die Dachorganisation PLO konnte sich nur bis 1982 halten.

Heute leben Hunderttausende Palästinenser im Libanon, die dort von den meisten Berufen und Bürgerrechten ausgeschlossen sind und nicht die libanesische Staatsbürgerschaft annehmen können. Sie wohnen meist in Flüchtlingslagern, in denen verschiedene Organisationen um die Vorherrschaft kämpfen. Nach dem Angriff der Hamas auf Israel waren in mehreren Lagern Jubelszenen zu sehen.

Die schiitische Hisbollah, die in den frühen Achtzigerjahren gegen Israel kämpfte, kontrolliert den Libanon bis heute wie ein Staat im Staat. Die von der iranischen Regierung unterstützte Miliz spricht Israel seine Staatlichkeit und sein Existenzrecht ab, verübt regelmäßig Anschläge auf die israelische Armee und bezeichnet die Hamas-Invasion und ihre Gräueltaten als "heroisch". Mehrfach kam es zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen der Hisbollah und Israel, etwa im Libanonkrieg 2006.

Die Schiiten-Miliz beschießt Israel seit dem Hamas-Angriff erneut mit Raketen und Mörsergranaten, Israel attackiert mit Fluigzeugen und Kampfhubschraubern Ziele im Südlibanon, auch an der Grenze kommt es zu Feuergefechten. Beobachter befürchten nun, dass Israel in einen Zwei-Fronten-Konflikt mit der Hamas und der wesentlich besser ausgerüsteten Hisbollah geraten könnte.

Syrien

Wie der Libanon hat Syrien mit Israel bis heute offiziell nur ein Waffenstillstandsabkommen. 1981 hat Israel die seit dem Sechstagekrieg 1967 von ihm besetzten Golanhöhen annektiert - auch wenn es bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien immer wieder Geheimverhandlungen über eine Rückgabe gab, hat sich daran nichts geändert. Die libanesische Hisbollah, die Israel das Existenzrecht abspricht, kämpft seit 2013 an der Seite von Syriens Machthaber Baschar al-Assad; Israel seinerseits unterstützte bis 2018 mehrere Rebellengruppen mit Waffenlieferungen. 2021 flog die israelische Luftwaffe zudem einen Angriff auf iranische Stellungen in Syrien.

Nach dem schweren Erdbeben Anfang des Jahres gab es Berichte, denen zufolge Israel humanitäre Hilfe in das Nachbarland schicken wollte - ob auf Bitten aus Damaskus oder russische Vermittlung hin, blieb unklar. Seit sich Israel gegen den Angriff der Hamas zur Wehr setzt, attackiert das Militär auch Ziele in Syrien.

Assad und sein Verbündeter, Russlands Präsident Wladimir Putin, dessen militärische Unterstützung ihm den Verbleib an der Macht sicherte, fordern ein Ende der Angriffe auf den Gazastreifen. Außerdem sollten die Vertreibung von Palästinensern gestoppt und Hilfslieferungen nach Gaza ermöglicht werden, hieß es aus Damaskus.