Ai Weiwei
Interview

Ai Weiwei im ARD-Interview "Keiner sagte mir, warum ich wirklich verhaftet wurde"

Stand: 20.06.2012 17:37 Uhr

Er war 81 Tage in Haft, steht seither unter Beobachtung und soll Millionen an Steuern nachzahlen. Der chinesische Künstler Ai Weiwei fühlt sich auch nach seiner Freilassung wie in einem Gefängnis. Im ARD-Interview erzählt er von seiner Haft und beklagt, dass er nicht einmal seine Unschuld beweisen dürfe.

ARD: Sie, beziehungsweise die Firma FAKE, bei der sie beschäftigt sind, sollen Steuern hinterzogen haben? Wie glaubwürdig ist dieser Vorwurf?

Ai Weiwei: Am 3. April 2011 wurde ich heimlich festgenommen und von der Pekinger Polizei gefangen gehalten. Sie haben mir "Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt" vorgeworfen. Als ich am 22. Juni nach 81 Tagen Haft wieder freigelassen wurde, hieß es plötzlich, gegen die Firma FAKE, bei der ich mitarbeite, werde wegen Steuerhinterziehung ermittelt. 15,22 Millionen Yuan Steuern (etwa 1,9 Millionen Euro, Anm. d. Red.) soll ich bezahlen. Das ist eine unglaubliche Zahl. Ich habe noch nie von jemandem gehört, der so viele Steuern bezahlen musste. Und wir sind eine kleine Designfirma.

"Als Kläger darf ich nicht zu meinem eigenen Prozess"

ARD: Die Steuerbehörde wirft ihnen Steuervergehen vor. Sie haben daraufhin gegen die Steuerbehörde geklagt. Heute ist der Tag der Anhörung. Werden sie zu Gericht gehen?

Ai Weiwei: Ich wollte natürlich hingehen. Aber schon gestern rief mich die Polizei mehrere Male an und drohte mir: "Du darfst nicht hingehen. Du darfst dein Haus nicht verlassen." Ich bin der Kläger, aber ich darf noch nicht einmal zu meinem eigenen Prozess. Das ist absurd. Sie haben die Klage zugelassen und die Anhörung anberaumt. Aber dann lassen sie mich nicht hingehen.

ARD: Glauben Sie, Sie haben vor Gericht eine faire Chance?

Ai Weiwei: Die chinesische Regierung kann Satelliten in den Weltraum schicken. Aber sie ist nicht in der Lage, in unserem Land für Gerechtigkeit zu sorgen. Man bekommt noch nicht einmal die Chance, seine Unschuld zu beweisen. Die Polizei, die Steuerbehörden und die Gerichte stecken alle unter einer Decke und arbeiten zusammen beim Betrug. Was sind denn die Aufgaben einer Regierung? Soll sie sich für ein starkes und reiches Land einsetzen? Oder für die Sicherheit ihrer Bevölkerung? Sollte die Regierung nicht dafür sorgen, dass jeder Mensch nicht nur das Recht auf Leben hat, sondern auch das Recht hat, seine Unschuld zu beweisen?

Ai Weiwei
Zur Person

Der Künstler Ai Weiwei wuchs in der Mandschurei und in Xinjiang auf, da sein Vater 20 Jahre lang verbannt war. Ai besuchte die Pekinger Filmakademie und war zwölf Jahre in den USA. Nun lebt er in Peking. Als Kritiker der Regierung steht er unter ständiger Beobachtung und wurde 2011 monatelang inhaftiert.

ARD: Vor einem Jahr wurden Sie verschleppt und für 81 Tage gefangen gehalten. Das muss schrecklich gewesen sein.

Ai Weiwei: Die Erfahrung war so furchtbar, dass ich keinem wünsche, je so etwas erleben zu müssen. Was sie mir angetan haben, war Folter. Es war sehr schrecklich. Nicht nur körperliches Leiden, sondern seelische Schmerzen. Ich habe quasi am eigenen Leib erfahren, dass es keine Rechtsstaatlichkeit gibt in diesem Land. Sie sagen es dir sogar offen ins Gesicht: "Hier gilt kein Recht und Gesetz." Dennoch bereue ich nichts. Was ich getan habe, war meine Pflicht als Künstler und als Mensch. Ich habe nicht viel getan. Ich habe das Gefühl, dass ich sehr wenig getan habe, viel weniger als ich eigentlich tun sollte.

ARD: Wissen Sie heute eigentlich genau, warum Sie verschleppt wurden?

Ai Weiwei: Mir hat nie jemand gesagt, warum ich wirklich verhaftet wurde. Genauso wenig weiß ich, warum sie mich wieder freigelassen haben. Ich weiß nur, dass sie mich - während sie mich festhielten - immer wieder verhört haben und mir vorwarfen, dass ich zur Untergrabung der Staatsgewalt angestiftet hätte. Sie haben mich nach meinen Kontakten zu anderen Ländern und zu westlichen Medien befragt und ob ich aus dem Ausland unterstützt werde.

"Die Bedrohung ist überall"

ARD: Wie hat sich Ihr Leben seit der Freilassung verändert?

Ai Weiwei: Seit meiner Freilassung lebe ich einfach nur in einem größeren Gefängnis. Mein Telefon wird abgehört, ich werde ständig überwacht. Rund um mein Haus sind 14 Überwachungskameras angebracht. Ich muss bei der Polizei Bescheid sagen, wenn ich mein Haus verlassen möchte. Peking selbst darf ich nicht verlassen. Wenn ich in den Park gehe, dann verstecken sich Bewacher hinter Bäumen und fotografieren heimlich mich, mein Kind und meine Freunde. Die Bedrohung ist einfach überall.

ARD: Eine Zeit lang haben Sie in ihrem Haus selbst Kameras angebracht, sich gefilmt und alle Aufnahmen online gestellt. Warum?

Ai Weiwei: Während meiner Haft waren in dem Raum, in dem ich gefangen gehalten wurde, zwei bewaffnete Polizisten, die mich ununterbrochen 24 Stunden rund um die Uhr bewacht haben. Selbst als ich schlief oder wenn ich mich gewaschen habe. Zusätzlich gab es drei Kameras. Ich wurde ununterbrochen gefilmt, selbst wenn ich auf die Toilette ging.

Die Machthaber haben ein solches Verlangen, in die Privatsphäre der Menschen einzudringen und sie zu beherrschen. Menschen wie ich sind ständig in ihrem Blick. Aber wir haben keine Geheimnisse. Ich habe meinen Bewachern immer wieder gesagt: "Ihr könnt in mein Studio kommen und hier eure Arbeit machen. Ihr könnt auch mit mir reisen. Ich kann euch jeden vorstellen, den ich kenne." Also habe ich selbst Kameras in meinem Schlafzimmer und meinem Büro installiert, um ihnen zu zeigen: Was ihr könnt, kann ich auch.

Ich traue mich, alles offen zu legen, aber trauen sie sich auch all ihre Informationen zu veröffentlichen? Seit Jahren frage ich sie schon nach den Listen der Schüler, die beim Erdbeben in Sichuan ums Leben gekommen sind. Ich wollte nur die Namen. Bis heute haben sie mir die Namen nicht gegeben. Aber ich suche weiter nach den Namen und will die Wahrheit herausfinden.

ARD: Wie mächtig ist die Polizei in China?

Ai Weiwei: In China gibt es Hunderttausende von Polizisten. Und die Armee. Und zig Millionen Parteimitglieder. Sie alle leben von Staatsressourcen. Sie kontrollieren die Gefängnisse. Sie müssen keinem Gesetz gehorchen, denn das Gesetz liegt in ihren Händen, den Händen der Polizei. So wie mein Steuerfall. Es geht um eine riesige Summe. Aber keine chinesisches Zeitung wird darüber berichten. Ist das nicht seltsam? Das ist ein Polizeistaat hier.

"Meine Geschichte ist eine von Tausenden"

ARD: In deutschen Kinos läuft zurzeit der Film "Never sorry". Ein Film, der sich mit Ihrer Geschichte beschäftigt. Was kann man in diesem Film über China erfahren?

Ai Weiwei: Meine Geschichte ist nur eine kleine Geschichte. Eine von vielen Tausenden. Eine kleine Geschichte gemessen an den Geschichten der anderen Verfolgten und Geschundenen, die seit Jahrzehnten hier in China um ihr Recht kämpfen. Viele sind dabei gestorben, andere sind im Gefängnis, und sehr viele hatten nie die Chance, ihre Geschichte zu erzählen.

ARD: In dem Film fragen Sie die Polizei nach den Namen der ums Leben gekommenen Kindern vom Erdbeben in Sichuan und der Polizist fragt sie daraufhin: "Bist Du ein ausländischer Spion?" Ist das nicht absurd?

Ai Weiwei: Die Verantwortlichen in Politik, Justiz und Polizei gehen auch heute noch davon aus, dass hinter allem und jedem eine Verschwörung steckt. Und dass das Ausland China gegenüber immer nur feindlich gesinnt ist. Das trichtern sie den Menschen ein und diese Art der Gehirnwäsche ist besonders bei der Polizei und der Armee immer noch sehr weit verbreitet.

ARD: 2012 ist das chinesische Kulturjahr in Deutschland. Was halten sie von dieser Art des Austausches der Kulturen?

Ai Weiwei: Ich denke, dass Austausch immer gut ist. Aber ich bezweifle, dass es hier tatsächlich um Austausch der Kulturen geht. Wenn sich ein Austausch nicht mit fundamentalen Werten beschäftigt und sich nicht um die wahren Belange des Volkes kümmert, dann ist es abstoßend und beschämend. Deutschland sollte sich darüber im Klaren sein. Deutschland sollte, wie jedes andere Land, sein Möglichstes tun, die Werte des Menschen zu schützen. Ansonsten hat man kein Recht, über Kultur zu reden

"Es wird Veränderungen geben"

ARD: Sind die optimistisch, was die Zukunft Chinas angeht?

Ai Weiwei: Ich glaube, dass die Jugend eine Wahl treffen wird. Und bei dieser Wahl geht es um Freiheit, Freude und Glück. Ich denke, es wird Veränderungen geben. Aber es ist schwer zu sagen, wann es sich ändern wird.

ARD: Wird die neue Führung, die beim 18. Parteikongress im Herbst ins Amt kommt, etwas verändern?

Ai Weiwei: Ich habe keine Veränderungen nach dem 16. Parteikongress gesehen, und auch nicht nach dem 17. Ich glaube nicht, dass es nach dem 18. und 19. irgendwelche Veränderungen geben wird.

ARD: Was planen Sie? Sehen Sie sich in Zukunft eher als Aktivist oder als Künstler?

Ai Weiwei: Ich bin nur ein Mann, der Kunst liebt und es liebt, nach der Wahrheit zu fragen. Und ich will diese Gesellschaft verstehen und anderen helfen.

ARD: Wie geht es mit Ihnen weiter? Haben Sie Signale von der Polizei, dass Sie ihren Pass zurückbekommen und sich wieder frei bewegen können?

Ai Weiwei: Nichts ist vorhersehbar. Alles ist möglich. Sie können tun und lassen, was sie wollen.

Das Interview führte Christine Adelhardt, ARD-Studio Peking.

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KOMMENTARE

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Shantuma 21.06.2012 • 01:05 Uhr

Wirklich was neues?

Was der Herr Ai Weiwei dort berichtet ist doch nichts neues. Theoretisch hätte die Tagesschau das gleiche Interview auch mit mir führen können. Ich lebe zwar nicht in China, aber alles was gesagt wurde ist längst bekannt. Und was nun? Wir exportieren weiter nach China, haben weiterhin wunderbare wirtschaftliche Beziehungen usw. Warum wird nicht alle 14 Tage über die abertausende Menschen berichtet die jeden Tag sterben? Weil es einem nicht passt. Es ist langsam auffällig das man in der letzten Zeit sehr oft von den vielen Fehlern in Russland und China hört. Warum wohl? Warum hört man nichts von Kasachstan? Oder ... anderen zentralasiatische Ländern, oder wie wäre es mit Bahrain? Nichts! Russland und China ... es würde mich nicht verwundern wenn dort mehr hinter steckt als einfache Informationspolitik.