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Interview

UNHCR-Sprecherin zur Balkanroute "Die Lösung ist in Griechenland"

Stand: 21.10.2015 09:33 Uhr

Das UN-Flüchtlingshilfswerk fordert, Flüchtlinge in Griechenland zentral zu registrieren und von dort zu verteilen. Deutschland könne nicht die Lösung eines europäischen Problems sein, sagte UNHCR-Sprecherin Fleming im ARD-Morgenmagazin.

Morgenmagazin: Wenn Sie von den chaotischen Zuständen an der slowenischen Grenze hören - wie geht es Ihnen dabei? Fühlen Sie sich hilflos?

Melissa Fleming: Nein, nicht hilflos - wir haben Leute vor Ort. Es ist einfach so: Kein Land - besonders nicht diese kleinen Länder - ist vorbereitet auf so viele Leute, die über die Grenze kommen. Weil es keine gemeinsame Europa-Lösung gibt, macht es jedes Land anders. Diese Länder sind nicht vorbereitet für einen Ansturm von so vielen Leuten, die eigentlich sehr viel Hilfe brauchen.

Morgenmagazin: Wenn es jedes Land anders macht: Was müsste passieren in Europa, damit sich das ändert?

Fleming: Die Lösung ist in Griechenland. Natürlich ist die Lösung erstmal, den Krieg zu stoppen, und zweitens mehr Hilfe vor Ort zu leisten. Aber jetzt, in diesem Krisenzustand, muss endlich ein großes Zentrum für Flüchtlinge in Griechenland etabliert werden. Die Leute sollten dort registriert werden, sie sollten dort übernachten können, sie sollten dort ihren Antrag stellen und dann verteilt werden in die verschiedenen europäischen Länder, die mitmachen. Es gibt diesen Plan, aber er wird nicht implementiert.

UNHCR-Sprecherin Melissa Fleming
Zur Person

Melissa Fleming ist seit 2008 Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR.

Morgenmagazin: Wir haben gestern einen Bürgermeister aus Österreich hier in der Sendung gehört, der gesagt hat: Die Deutschen haben lautstark nach den Flüchtlingen gerufen und jetzt bringen wir sie ganz schnell mit Bussen von unserer Südgrenze durch Österreich nach Deutschland. Haben wir Deutschen eine Mitschuld daran, dass die Lage so eskaliert ist?

Fleming: Ich glaube, das ist natürlich etwas, das sich sehr, sehr schnell durch Facebook und das Fernsehen verbreitet hat. Die Flüchtlinge haben den Eindruck: Da gibt es endlich ein Land, wo wir willkommen sind. Deswegen kommen sie. Der Krieg in Syrien ist schlimmer geworden. Die Leute müssen raus. Sie denken: "Wenn ich nach Deutschland komme, da werde ich nicht nur sicher sein, sondern ich habe Hoffnung, dass meine Kinder in die Schule gehen können und ich einen neuen Start bekomme." Aber Deutschland darf und kann nicht die Lösung sein für ein europäisches Problem. Es gibt natürlich auch andere Länder, die sehr viel machen, Österreich und Schweden zum Beispiel. Aber es gibt europäische Länder, die gar nichts machen. Und das muss geändert werden.

Die Fragen stellte Sven Lorig.
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KOMMENTARE

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kleinster_Riese 21.10.2015 • 11:26 Uhr

Auch die Entscheidung vor Ort treffen

Den Vorschlag von Frau Fleming würde ich noch ergänzen. Die Leute sollten dort nicht nur registriert werden, dort übernachten können und ihren Antrag stellen können. Ihre Anträge sollte auch direkt dort geprüft und über sie entschieden werden. Anschließend bräuchte man auch nur die Menschen mit bewilligten Anträgen zu verteilen. Die anderen müsste man zurückschicken. Während dieser möglichst kurzen Entscheidungsphase sollten die Schutzsuchenden medizinisch und in sonstiger Weise versorgt werden. Dies würde meiner Ansicht nach auch zu einer erhöhten Akzeptanz einer Verteilung in den europäischen Staaten führen, da so sichergestellt wäre dass nur wirklich Schutzbedürftige aufgenommen werden „müssten“. Zudem müssten in den Aufnahmeländern auch Wohnraum und sonstige Ressourcen nur für die tatsächlich Asylberechtigten zur Verfügung gestellt werden, was die Situation etwas entspannen könnte.