Eine Quarantäne-Station in Delhi | AP

Coronavirus Indien meldet fast 315.000 Neuinfektionen

Stand: 22.04.2021 14:47 Uhr

Es ist ein trauriger Weltrekord: Noch nie wurden in einem Land so viele Corona-Neuinfektionen binnen 24 Stunden verzeichnet wie in Indien. Vielerorts fehlen Betten und medizinischer Sauerstoff.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Südasien

Seit dem Morgen um sieben Uhr gebe es keinen Sauerstoff mehr, erzählt ein Arzt aus einem Krankenhaus im südwestlichen Bundesstaat Maharaschtra dem Fernsehsender NDTV. Am Abend zuvor seien die Patienten informiert worden, dass die Vorräte um neun Uhr ausgingen.

Peter Hornung

"Wenn Nachschub an Sauerstoff kommt, bekommen ihn die Patienten. Wenn nicht, dann können die Familien versuchen, ihre Angehörigen in ein Krankenhaus zu bringen, wo es welchen gibt", so der Arzt. Seit geraumer Zeit sei Sauerstoff Mangelware. "Unser Bedarf ist hoch, aber wir bekommen nur 'Peanuts'."

Wettrennen um die wenigen Ressourcen

So sieht es in vielen Städten und Regionen Indiens aus: Ein Wettrennen um medizinische Ressourcen ist im Gange: Intensivbetten mit Beatmungsgeräten, Sauerstofflaschen, aber auch Medikamente wie das antivirale Remdesivir. Viele brauchen dringend Hilfe für erkrankte Angehörige, andere hamstern für den Ernstfall, weil sie kein Vertrauen in das indische Gesundheitssystem haben.

Dr. Trupti Gilada, Infektionsmedizinerin aus Mumbai, verbreitet einen dramatischen Appell auf Youtube: "Bitte überlasst Krankenhausbetten denjenigen, die sie tatsächlich brauchen. Die mit Lungenentzündung, die Sauerstoff brauchen, und die stark auf medizinische Hilfe angewiesen sind." Die Situation sei aussichtslos, so die Ärztin. Jeder solle jetzt auf sich aufpassen, denn Corona sei überall.

Tatsächlich hat noch nie ein Land so viele Infektionen an einem Tag erfasst wie Indien - fast 315.000 innerhalb von 24 Stunden, 2000 Menschen sind gestorben.

Dramatische Szenen in den Krankenhäusern

Die Ressourcen sind in den am meisten betroffenen Städten und Regionen praktisch erschöpft - allen voran in der Hauptstadt Delhi. In der 20-Millionen-Stadt gibt es derzeit noch 16 freie Intensivbetten. Das Gesundheitssystem ist praktisch zusammengebrochen, sehr viele Menschen können nicht mehr ausreichend versorgt werden. Die Medien sprechen von einer Sauerstoffkrise.

Auch vor Krankenhäusern in Delhi spielen sich dramatische Szenen ab. "Meine Frau wird sterben", sagt ein Mann verzweifelt. Er sitzt auf einem kleinen Motorrad. An seiner Schulter hängt schlaff seine Frau, mit Atemnot.

Ein hohes Gericht in der Hauptstadt forderte am Mittwoch, die Zentralregierung solle Sauerstoff in der Industrie beschlagnahmen: "Bettelt, borgt oder stehlt", so das Gericht wörtlich.

Hoffnung ruht auf Impfkampagne

Hoffnung gibt die Impfkampagne, doch bisher ist nur ein Zehntel der 1,3 Milliarden Inderinnen und Inder geimpft. Von übermorgen an sollen alle Erwachsenen eine Impfung bekommen können.

Das sei auch dringend notwendig, so die Ärztin Gilada in ihrem Youtube-Appell. "Der Impfstoff hilft auf jeden Fall. Passt auf, nehmt es nicht auf die leichte Schulter. Betet für die Menschen in den Krankenhäusern, für deren Familien, und für diejenigen, die die Menschen in den Krankenhäusern versorgen", mahnt sie.

Die Ursachen für die explodierenden Zahlen werden noch diskutiert: Vielleicht sind es neue Varianten des Coronavirus, vielleicht aber auch die Sorglosigkeit, die in den vergangenen Wochen in Indien herrschte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. April 2021 um 12:00 Uhr.