Ein Kind sitzt auf einem Fischerboot, das zwischen Schaum am Ufer des verschmutzten Flusses Yamuna in Neu-Delhi zurückgelassen wurde. | Bildquelle: AFP

Kampf gegen Hunger Indiens Fortschritte in Gefahr

Stand: 12.10.2020 08:57 Uhr

Der Kampf gegen Hunger ist in Indien ein mühsamer. Ganz langsam ist es aber gelungen, die Zahl der Mangel- und Unterernährten zu senken. Doch dann kam Corona. Die Krise trifft das Land besonders hart.

Von Peter Gerhardt, ARD-Studio Neu-Delhi

"Viele Eltern denken, die Kinder werden schon alleine groß, ohne dass ich mich kümmern muss", sagt Arti Joshi. Sie arbeitet als Nachbarschaftsschwester in einem "Anganwadi". Seit 1975 gibt es solche Zentren auf dem Land in Indien. Hier erhalten arme Landarbeiterinnen Hilfe für ihre Kinder.

Viele der Kinder, die Joshi betreut, sind zu klein für ihr Alter, unterentwickelt - ein klares Zeichen für Mangel- oder Unternährung. "Viele Eltern sind zu arm, um genügend Nahrung zu kaufen", sagt Arti Joshi, "aber mindestens genauso oft ist es ein Bildungsproblem bei den Eltern". Häufig wissen die Eltern nicht einmal die einfachsten Dinge: Welches Gemüse ist gut für die Kinder? Wie oft sollen sie essen?

Essenausgabe für Hungernde in Gauhati/Indien | Bildquelle: AP
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Millionen Inder bleiben auf Unterstützung durch Hilfsorganisationen angewiesen.

Der Hunger geht zurück

Auch dank Einrichtungen wie den Anganwadis ist es Indien gelungen, die Zahl der Hungernden im Land deutlich zu senken. So hat sich das Land auch in diesem Jahr wieder auf dem Welthunger-Index verbessert: auf Rang 94 von 107.

Dennoch: Die Zahl der Kinder, die wegen mangelnder Nahrung zu kleingewachsen oder zu leicht sind, ist 2020 im Vergleich zur Jahrtausendwende sogar gestiegen, auf nunmehr rund 17 Prozent. Und diese Daten stammen sogar noch aus der Zeit vor der Corona-Krise.

Wie sich Corona auswirkt

Die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Krise treffen Indien besonders hart. Es begann schon in den ersten Wochen. Millionen Tagelöhner wanderten aus den Städten aus. Sie wollten zurück aufs Land, in ihre Heimatdörfer. Doch statt der erwarteten Hilfe und Unterstützung durch die Großfamilie wurden sie dort häufig nur als unwillkommene Mitesser gesehen. Zumal Lockdown und Ausgangssperre auch auf dem Land die Nachschubwege für Lebensmittel stark beeinträchtigt hatten.

Außerdem fehle den meisten Familien das Einkommen, das die Tagelöhner aus den Städten zuvor nach Hause geschickt hatten. "Hilfsorganisationen haben beobachtet, dass Familien auf dem Land etwa 60 Prozent weniger Lebensmittel kauften als vor Corona", sagt Nivedita Varshneya, die Landesdirektorin der Welthungerhilfe in Indien. Das bedeutet natürlich, dass die Menschen weniger auf dem Teller hatten und in vielen Fällen führte es direkt zu Hunger.

Erfolgreiche Ernte

Zum Glück fiel die diesjährige Ernte in Indien relativ gut aus. Der Monsun brachte genügend Wasser, und so war die Landwirtschaft im zweiten Quartal des Jahres der einzige Sektor der indischen Wirtschaft, der Wachstumsraten aufzuweisen hatte. "Wir beobachten, dass sich die Versorgungslage derzeit wieder stabilisiert“, sagt Nivedita Vershneya. Außerdem hätten die Ernährungsprogramme der Regierung geholfen, das Schlimmste zu verhindern.

Doch diese Programme leiden unter der indischen Bürokratie. Subventionierte Lebensmittel erhielten Bedürftige nur an ihrem gemeldeten Wohnort. Doch viele der Ärmsten sind jetzt bereits wieder auf der Reise, zurück in die Städte. Dort hoffen sie, bezahlte Arbeit zu finden.

Bürokratie erschwert Hilfe für die Ärmsten

Allerdings werden sie auch dort erst einmal auf Lebensmittelhilfen angewiesen sein. Die Regierung hat deshalb die Umsetzung des Planes "Eine Nation, eine Lebensmittelkarte" beschleunigt. Dieses Programm war bereits vor der Corona-Krise beschlossen worden und soll den Ärmsten überall im Land Zugang zu Lebensmittelhilfen verschaffen. Doch bürokratische Hemmnisse und eine unflexible Verwaltung erschweren das.

Und noch ein Problem droht die Ernährungssituation in Indien wieder zum schlechteren zu wenden: Geldmangel. Die Steuereinnahmen gehen aufgrund der Corona-Krise dramatisch zurück. Gleichzeitig muss der Staat aber mehr Geld ausgeben für medizinische Versorgung und die Ernährung der Bevölkerung.

Indien: Arbeitslose Wanderarbeiter stehen Schlange | Bildquelle: dpa
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Indien: Arbeitslose Wanderarbeiter stehen Schlange

Konkurrenz um knappere Gelder

Auch die Hilfsorganisationen bekommen das zu spüren. "Durch Corona ist eine Konkurrenzsituation entstanden", sagt Nivedita Vershneya von der Welthungerhilfe. Geld, das etwa in die Forschung nach einem Corona-Impfstoff gesteckt wird, fehlt bei der Bekämpfung des Hungers.

Die Weltgemeinschaft hat in der UN beschlossen, den Hunger bis 2030 weltweit auszurotten. Indien wird dabei eine Schlüsselrolle zukommen. Fast ein Drittel der hungernden Menschen weltweit lebt hier. Das ambitionierte Ziel "Null Hunger" will auch Nivedita Vershnaya nicht aus den Augen verlieren. "Corona ist ohne Zweifel ein Rückschlag dabei", sagt sie. "Aber wenn wir mit ganzer Kraft dafür kämpfen, können wir es erreichen."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. Oktober 2020 um 09:42 Uhr.

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