Anne Frank | picture-alliance / dpa

Nach Recherchen von Historiker-Team Kritik an neuer These zu Verrat an Anne Frank

Stand: 18.01.2022 17:52 Uhr

Ein Team von Historikern, Kriminologen und einem Ex-FBI-Agenten glaubt, herausgefunden zu haben, wer die Familie Frank an die Nazis verraten hat. Doch die neue These wird in Fachkreisen deutlich kritisiert.

Historiker haben eine neue Untersuchung über den Verrat des Verstecks von Anne Frank an die Nationalsozialisten nachdrücklich kritisiert. Die Beweislage sei sehr dünn, sagt etwa der Amsterdamer Professor für Holocaust- und Genozidstudien, Johannes Houwink ten Cate, im niederländischen "NRC Handelsblad".

Zu großen Beschuldigungen gehören große Beweise. Und die gibt es nicht.

Ein Brief als Indiz

Ein internationales Team hatte fünf Jahre lang in Archiven geforscht, wer 1944 das Versteck von insgesamt acht jüdischen Menschen in Amsterdam an die deutschen Nazis verraten hatte. Unter den Versteckten waren auch Anne Frank und ihre Familie. Frank (1929 - 1945) hatte dort ihr heute weltberühmtes Tagebuch geschrieben.

Am Ende der Recherchen stand ein Name: Der des jüdischen Notars Arnold van den Bergh. Er soll die Versteckten demnach verraten haben. Die Familie Frank wurde deportiert, alle Mitglieder bis auf den Vater Otto wurden ermordet. Van den Bergh habe versucht, durch den Verrat das Leben seiner Familie zu retten, so das Recherche-Team. Es beruft sich vor allem auf die Kopie eines anonymen Briefes, den Otto Frank nach dem Krieg erhalten hatte und in dem der Name des Notars genannt wird. Demnach soll van den Bergh den deutschen Besatzern "eine ganze Liste von Adressen" gegeben haben. Van den Bergh war Mitglied des Jüdischen Rates in Amsterdam.

Dünne Beweislage für große Beschuldigung

Mehrere Historiker äußerten Zweifel an den Schlussfolgerungen und sprachen von Fehlern und Ungenauigkeiten in der Untersuchung. Es gebe keinerlei Beweise, dass der Jüdische Rat im Zweiten Weltkrieg Listen mit Adressen von Verstecken von Juden aufgestellt habe, sagte Houwink ten Cate.

Der Historiker Ben Wallet sagte im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", es sei mehr als fragwürdig, jemanden auf der Basis eines anonymen Schreibens des Verrats an Anne Frank und ihrer Familie zu beschuldigen. Die Beweisführung des Rechercheteams sei so wacklig wie ein Kartenhaus. In der Nachkriegszeit habe es viele Gerüchte und Anschuldigungen gegeben, vor allem gegen Mitglieder des Jüdischen Rates. "Van den Bergh war bei Weitem nicht der einzige, den man wegen seiner Mitgliedschaft im 'Judenrat' der Kollaboration mit den Nationalsozialisten verdächtigte." Nach Kriegsende habe man auch gegen ihn ermittelt, "doch der Vorwurf, er habe versteckte Juden verraten, ist damals zu keinem Zeitpunkt erhoben worden", so Wallet weiter.

Eine Kopie von Anne Franks Tagebuch liegt in der Ausstellung «Alles über Anne» im Anne Frank Zentrum in Berlin. | dpa

Anne Frank wurde durch ihr Tagebuch weltweit bekannt. Bild: dpa

Auch sehen Historiker kein Motiv für den Verrat bei dem Notar. Dieser war einer Studie zufolge selbst bereits im Sommer 1944 mit seiner Familie wegen drohender Deportation untergetaucht. Mit einer Anzeige beim Sicherheitsdienst hätte der Notar wohl eher die Aufmerksamkeit der Nazis auf sich gelenkt.

Chance auf endgültige Antwort gering

Der Wissenschaftler Bart van der Boom von der Universität Leiden bezeichnet die neue These sogar als "verleumderischen Unsinn".

Eine Antwort auf die Frage, wer die Familie Frank verraten habe, werde es kaum geben, sagte David Barnouw, der jahrelang zum Thema geforscht hat. "Ich schätze, dass die Chance gering ist, dass man noch eine endgültige Antwort findet."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. Januar 2022 um 13:28 Uhr.