Aus Mariupol und nahe gelegenen Städten geflüchtete Menschen kommen in Saporischschja an. | dpa

UN-Weltflüchtlingsbericht So viele Vertriebene wie nie zuvor

Stand: 16.06.2022 03:25 Uhr

Die Zahl der Vertriebenen hat sich weltweit innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelt - auf einen Höchststand. Die Vertreibung schreite schneller voran, als Lösungen für Flüchtlinge gefunden werden, heißt es im neuen Bericht des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR.

Von Kathrin Hondl, ARD-Studio Genf

Knapp 90 Millionen Menschen waren Ende 2021 auf der Flucht - so viele wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen, heißt es im neuen Weltflüchtlingsbericht der Vereinten Nationen. In den vergangenen 10 Jahren hat sich die Zahl der Vertriebenen verdoppelt, und sie steigt weiter an: Das UNHCR geht von mittlerweile 100 Millionen Geflüchteten aus.

Kathrin Hondl ARD-Studio Genf

In vielen Ländern, in denen seit Jahren Krieg, Gewalt und Verfolgung herrschen, ist die Lage in den letzten Monaten nochmals schlimmer geworden - dazu kommt der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Er sei nicht optimistisch und befürchte einen sehr langen Konflikt, sagt Flüchtlingshochkommissar Filippo Grandi. Zudem wirke sich der Ukraine-Krieg auch negativ auf die humanitäre Hilfe in anderen Ländern aus.

Ich appelliere an die Geberländer, bitte gebt uns wenigstens die Mittel, um den humanitären Bedarf zu decken. Was wir bisher gesehen haben, sind leider keine zusätzlichen, sondern die gleichen Mittel, was bedeutet, dass die Ukraine sehr viel Hilfe bekommt und andere Krisen benachteiligt werden.

Aufnahmeländer ebenfalls strapaziert

Ukraine, Syrien, Afghanistan, Jemen, Äthiopien, Venezuela, Südsudan: Die Liste der Konfliktländer, in denen Menschen Hilfe brauchen, ist schier endlos. Hinzu kommen die sogenannten Host Countries - Länder, die die geflüchteten Menschen aufnehmen - meist Nachbarländer mit ebenfalls geringen Ressourcen. Auch diese Länder benötigen finanzielle Unterstützung. Allein in der Türkei, in Kolumbien, Uganda und Pakistan befanden sich Ende 2021 über acht Millionen Geflüchtete aus anderen Ländern. 

Geschwindigkeit und Ausmaß der Vertreibung sind größer als die Möglichkeit, Lösungen für die Vertriebenen zu finden, also etwa Rückkehr, Härtefallaufnahme oder lokale Integration, heißt es im Bericht des UN-Flüchtlingshilfswerks. Die einzige Lösung für die Flüchtlingskrise könne internationale Zusammenarbeit sein, aber genau da hat sich, so UN-Hochkommissar Grandi, die Situation ebenfalls massiv verschlechtert.

Wenn die Länder nicht zusammenarbeiten, werden sie nicht in der Lage sein, die negative Entwicklung zu stoppen. Es ist also eine echte Lose-Lose-Situation. Aber ich bin besorgt, weil der russische Angriff auf die Ukraine allen Bemühungen um eine Zusammenarbeit auch auf politischer Ebene einen schweren Schlag versetzt hat. Hoffen wir also, dass sich dieser Trend umkehrt, denn wenn nicht, werden die Flüchtlingszahlen in den kommenden Jahren weiter steigen.

Es gibt auch Hoffnungsschimmer

Einige Hoffnungsschimmer gibt es im Weltflüchtlingsbericht aber: So sei etwa die Zahl der Binnenvertriebenen, die in ihr Zuhause zurückkehren konnten, 2021 deutlich gestiegen und habe wieder das Vor-Pandemie-Niveau erreicht. Zudem, so Hochkommissar Grandi, zeige der Ukraine-Krieg auf, wie große Flüchtlingswellen bewältigen werden könnten, wenn die Regierungen, gerade die europäischen, denn wollten.

Seit vielen Jahren sagen uns Politiker in Europa, dass wir es nicht schaffen. Aber ich erinnere mich, dass Ihre frühere Bundeskanzlerin darauf geantwortet hat, dass das nicht stimmt: 'Wir schaffen das!', hat sie gesagt. Ich glaube, das war der wichtigste Satz, der in den letzten Jahren zur Flüchtlingskrise gesagt worden ist. Und was Europa mit der Aufnahme von sechs, sieben Millionen Ukrainern getan hat - wenn das für so viele Millionen Ukrainer möglich war, dann kann das sicher auch anderswo oder für andere Menschen möglich sein. Wir müssen also schnell die Lehren daraus ziehen und sie auch auf andere Situationen anwenden.