Viktor Orbán und Wladimir Putin auf einem Plakat der ungarischen Opposition. | ARD-Studio Wien
Europamagazin

Wahlkampf in Ungarn Mit Putin arrangieren - oder nicht?

Stand: 26.03.2022 16:06 Uhr

Eine Woche vor der Parlamentswahl in Ungarn ist Russlands Krieg in der Ukraine das große Thema: Während die Opposition die Kremlnähe der Regierung anprangert, will Fidesz genau damit punkten.

Von Nikolaus Neumaier, ARD-Studio Wien

In Dorf Zsámbéck im Umland von Budapest leben gut 5500 Einwohner, es gibt eine Kirche, Bauernhöfe und ein Schloss. Am Markttag verkaufen Bauern Gemüse oder Honig, geräucherten Speck und Osterschinken. Ein Kilo kostet umgerechnet etwa zehn Euro - das ist verhältnismäßig teuer. Der Grund ist die grassierende Inflation. "Man muss gut wirtschaften in diesen Tagen", meint Ilona, eine Rentnerin.

Nikolaus Neumaier ARD-Studio Wien

Doch viel mehr Sorgen als die steigenden Preise macht ihr der Krieg in der Ukraine. Bei der alten Dame kommen Erinnerungen hoch: "Das hat mich erschüttert", sagt sie. Mit neun Jahren habe sie den Zweiten Weltkrieg in Mány erlebt. "Der Vater war nicht da, weil er mitgenommen wurde. Meine Mutter musste mit drei Kindern fliehen."

Diese Angst vor dem Krieg will sich die ungarische Opposition zunutze machen. Auf dem Markt wirbt Bernadett Szél um Unterstützung. Sie ist die örtliche Kandidatin der liberalen Momentum-Bewegung und Teil des Oppositionsbündnisses aus insgesamt sechs Parteien.

Im Land hängen Plakate der Opposition, die den ungarischen Regierungschef Viktor Orbán mit Russlands Präsident Wladimir Putin zeigen; dazu der Slogan: "Wir brauchen keinen ungarischen Putin". Ein Hinweis, dass Orbán in Putin lange ein Vorbild sah und ihn mehrmals im Kreml traf.

Nähe zu Putin: "Teil der Vergangenheit"?

Doch die Opposition hat es im Wahlkampf schwer: Ihr Spitzenkandidat durfte nur fünf Minuten im Staatsfernsehen reden, die restlichen Kandidatinnen und Kandidaten werden ignoriert. "Wir haben ein schönes und sehr teures öffentliches Fernsehen, aber das ist ein Propaganda-Fernsehen. Wir kommen da nicht vor", beschreibt Szél die Wettbewerbslage.

Kandidaten der Regierungspartei Fidesz haben solche Probleme nicht. In einer bürgerlichen Wohngegend von Budapest warten Honoratioren auf den wichtigsten Mann: Zsolt Németh, den Fidesz-Abgeordneten in diesem Wahlkreis. Die Frage, ob er oder Fidesz nervös sind, mag er nicht beantworten. "Nervös" sei kein gutes Wort, meint er.

Aber Németh ahnt, dass es eng werden könnte und äußert sich darum auch öffentlich kritisch über die bis vor kurzem sehr engen Beziehungen zwischen Orban und Putin: "Orbán hat das sehr klar gemacht, dass der Krieg eine neue Situation geschaffen hat. Was zuvor war, ist die eine Sache und was wir jetzt haben, ist eine andere. Das ist Teil der Vergangenheit", sagt er.

Freude über niedrige Spritpreise

Wahlkampf wird auch an der Tankstelle gemacht. Die Regierung hat die Preise eingefroren: Der Liter Super oder Diesel kosten knapp 480 Forint - umgerechnet rund 1,30 Euro. Der Tankstellenbesitzer Lászlo Gépész findet das Preisdiktat gar nicht gut: "Für die Tankstellenbsitzer ist es eine Katastrophe", schimpft er.

Die Kunden aber freuen sich über die niedrigen Spritpreise - und weil die Regierungspartei überall im Land in der Nähe von Tankstellen ihren Spitzenmann Orbán plakatiert, wissen die Kunden auch, wem sie das zu verdanken haben. "Natürlich ist es eine gute Regierung. Warum sollte es schlimm sein, wenn sie solche Maßnahmen einführen", sagt Jozsef, Kunde an einer Tankstelle. Gyla, der gerade seinen Transporter vollgetankt und meint: "Wir freuen uns. Und es ist absolut der Regierung zu verdanken".

Stabilität - nur ein schöner Schein?

Fidesz-Kandidat Németh nimmt in einem Musikclub in Budapest an einer Podiumsdiskussion teil. Als Unterstützung hat er Kanzleramtsminister Gulyás Gergely mitgebracht. Und der formuliert wegen des Krieges ungewohnt europafreundliche Sätze. "Ich denke", sagt der Minister, "wir müssen auch darüber sprechen, wie Europa eine Fähigkeit ausarbeiten könnte, die auch eine militärische Zusammenarbeit bedeutet. Natürlich - die NATO ist auch wichtig, aber in der europäischen Ebene müssen wir in diesem Bereich etwas gemeinsam machen."

Seine Zuhörer sind aber absolute Orbán-Fans. Clara und ihr Ehemann Denis haben überhaupt kein Problem mit Orbáns Nähe zu Putin. "Gute Beziehungen zu Russland sind wichtig", meint Clara. Denis sieht die Schuld am Krieg überhaupt nicht bei Russland. Seine Meinung: "Wer hat den Krieg zwischen Russland und Ukraine verursacht? Amerika".

Bernadett Szél vom Oppositionsbündnis wird an der Seepromenade der hübschen Kleinstadt Tata von Anhängern erwartet. Sie wirft der Orbán-Regierung Manipulation vor. Die Stabilität, die die Regierung verspreche, gebe es nicht: "Das ist wie Gehirnwäsche. Tatsächlich gibt es in der Nachbarschaft einen Krieg. Orbáns bester Freund hat ihn begonnen gegen ein souveränes Land. Menschen fliehen zu uns", sagt sie. "Wir versuchen ihnen zu helfen. In den Geschäften können wir uns nicht dieselbe Menge Lebensmittel leisten wie vergangene Woche. Das ist nicht mehr Stabilität".

Am Ende profitiert Fidesz, fürchten Jungwähler

Die Opposition bekommt vor allem von Jüngeren Zuspruch. Zur Veranstaltung in Tata sind auch Balazs und sein Freund Peter gekommen. Beide wünschen sich einen Wandel, machen sich aber nichts vor. "Leider habe ich den Eindruck oder das Gefühl, dass von dieser ukrainischen Krise die Regierung profitieren wird", meint Balazs.

Peter sieht es ähnlich: "Die Oppositionswähler finden die Beziehung zu Putin ungeheuerlich, aber ich denke, es stört die Fidesz-Wähler überhaupt nicht, weil die Regierung diese Leute überzeugen konnte, dass diese Beziehungen gut für uns seien. Ich denke, es wird das Wahlergebnis nicht wirklich beeinflussen."

Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag, 27.03.2022 um 12.45 Uhr im "Europamagazin".

Über dieses Thema berichtete das Europamagazin am 27. März 2022 um 12:45 Uhr.