Ukrainische Truppen feuern ein Mehrfachraketenwerfer-Artilleriesystem (MLRS) auf russische Stellungen ab. | AFP

Russischer Angriffskrieg Weitere schwere Waffen für die Ukraine

Stand: 15.06.2022 19:14 Uhr

Mehrere Staaten haben der Ukraine weitere Lieferungen schwerer Waffen in Aussicht gestellt. Auch Deutschland beteiligt sich und will nach Angaben von Verteidigungsministerin Lambrecht drei Mehrfachraketenwerfer liefern.

Die USA haben bei einem Treffen der sogenannten Ukraine-Kontaktgruppe weitere westliche Waffenlieferungen an das Land in Aussicht gestellt. "Wir werden unsere Unterstützung für die ukrainischen Streitkräfte vergrößern", sagte US-Verteidigungsminister Lloyd Austin bei einem Treffen von mehr als 45 Ländern im NATO-Hauptquartier. Neben den USA wollen auch Deutschland und Großbritannien Mehrfachraketenwerfer liefern.

Die Ukraine stehe "vor einem entscheidenden Moment auf dem Schlachtfeld", sagte Austin angesichts der heftigen Kämpfe im Donbass. Dafür hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj nach Angaben eines Beraters zuvor unter anderem 500 Panzer, 2000 gepanzerte Fahrzeuge, 1000 Haubitzen und 300 Mehrfachraketenwerfer vom US-Typ Multiple Launch Rocket System (MLRS) verlangt.

Austin wirbt für mehr Hilfe für Ukraine

Austin rief Verbündete zu zusätzlicher militärischer Unterstützung für die Ukraine auf. Russland versuche, die ukrainischen Stellungen mit Waffen großer Reichweite auszuschalten und bombardiere weiter wahllos ukrainisches Territorium, sagte er. Deshalb müsse man die gemeinsamen Anstrengungen für die ukrainische Selbstverteidigung intensivieren. "Wir müssen uns selbst noch stärker antreiben", sagte Austin. Man könne es sich nicht erlauben, Schwung zu verlieren.

Die USA wollen der Regierung in Kiew nach Angaben aus dem US-Verteidigungsministerium vier Mehrfachraketenwerfer überlassen sowie weitere 1000 Javelin-Panzerabwehrraketen und vier Mi-17-Hubschrauber.

Lambrecht will drei Mars-II-Raketenwerfer anbieten

Deutschland will darüber hinaus drei Mehrfachraketenwerfer vom Typ Mars II anbieten. Das teilte Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht nach den Gesprächen mit. Einem Bericht des Portals "Business Insider" zufolge kann Deutschland unter anderem wegen fehlender Munition offenbar nur drei statt wie bisher erwartet vier Systeme liefern.

Die deutschen Raketenwerfer aus Bundeswehr-Beständen sollen demnach im August oder September an die Ukraine gegeben werden können. Zuvor sollen ukrainische Soldaten noch an dem System ausgebildet werden, berichtete "Business Insider".

Die Ukraine könnte Mars II nutzen, um damit Artillerie-Stellungen der russischen Armee anzugreifen. Im Juni sollen zudem noch sieben Panzerhaubitzen in die Ukraine geliefert werden, ab Juli sollen schrittweise 30 Gepard-Flugabwehrpanzer folgen.

Großbritannien verspricht Lieferung von Raketenwerfern

Großbritannien wird der Ukraine nach eigenen Angaben ebenfalls bald Mehrfachraketenwerfer liefern. "Ich denke, die Lieferung steht kurz bevor", sagte der britische Verteidigungsminister Ben Wallace am Rande eines Treffens der multinationalen Truppe Joint Expeditionary Force (JEF) in Oslo. 

Großbritannien hatte bereits Anfang Juni die Lieferung des Mehrfachraketenwerfer-Systems MLRS angekündigt. Mit bis zu 80 Kilometern ist seine Reichweite Fachleuten zufolge etwas größer als die vergleichbarer russischer Systeme. Somit könnten die ukrainischen Truppe feindliche Artillerie treffen, ohne in deren Reichweite zu geraten.

Großbritannien erwägt laut Wallace neben den MLRS-Raketenwerfern auch die Lieferung von Anti-Schiffs-Raketen des Typs Harpoon, die Dänemark und die Niederlande der Ukraine ebenfalls versprochen hätten. Der norwegische Verteidigungsminister Björn Arild Gram sagte nach dem Treffen mit Wallace, sein Land ziehe ebenfalls weitere Waffenlieferungen an die Ukraine in Betracht.

NATO will Ukraine stärker unterstützen

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg bekräftigte die Wichtigkeit zusätzlicher Waffenlieferungen an die Ukraine. "Die Ukraine ist in einer kritischen Lage, und es gibt dringenden Bedarf, mehr zu tun", sagte er. Die Lieferung komplexer Luftabwehrsysteme werde aber wegen der nötigen Ausbildung der ukrainischen Kräfte einige Zeit dauern.

Zudem wolle die Militärallianz die Ukraine stärker beim Umstieg von sowjetischen auf westliche Waffensysteme unterstützen. Stoltenberg sagte, er erwarte, dass sich die Alliierten beim Gipfeltreffen Ende Juni in Madrid auf ein umfassendes Unterstützungspaket einigen. "Wir müssen sehen, dass wir mehr moderne Luftverteidigung liefern, mehr moderne schwere Waffen und insgesamt mehr Waffenmodelle westlicher Bauart", sagte der NATO-Chef.

Pläne für Ausbau der NATO-Ostflanke werden konkreter

Außerdem soll die Ostflanke des Militärbündnisses angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine nochmals gestärkt werden. Nach Angaben von Stoltenberg soll beim Gipfel in Madrid beschlossen werden, die bereits existierenden multinationalen Gefechtsverbände durch weitere Kampfeinheiten zu verstärken und die Luft-, See-, und Cyberabwehr auszubauen.

Auch ist geplant, Strukturen aufzubauen, die im Fall einer konkreten Bedrohung eine noch schnellere Verstärkung der vor Ort befindlichen Kräfte ermöglichen. Dazu ist sei vorgesehen, das Bereitschaftsniveau von Truppen zu erhöhen und bestimmte Streitkräfte speziell auf die Verteidigung einzelner Länder vorzubereiten, so Stoltenberg.

Kampfbereite Brigade der Bundeswehr in Litauen

In Litauen etwa will die Bundesregierung zusätzlich zu der dort schon stationierten Kampftruppe mit etwa 500 Bundeswehrsoldaten eine kampfbereite Brigade bereit stellen. Das könnten bis zu 3000 Soldaten sein, die im Ernstfall schnell nach Litauen verlegt werden können.

Bundeskanzler Olaf Scholz hatte bereits in der vergangenen Woche angekündigt, dass Deutschland seine Truppenpräsenz in Litauen weiter ausbauen werde.

Mit Informationen von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. Juni 2022 um 17:00 Uhr.