Freiwillige und Menschen, die humanitäre Hilfe brauchen, warten im Regen
reportage

Nach Dammbruch Jetzt auch noch Regen in Cherson

Stand: 11.06.2023 19:24 Uhr

Die durch den Bruch des Kachowka-Staudamms überflutete Stadt Cherson wird von schweren Regenfällen heimgesucht. Aber die freiwilligen Helfer lassen sich davon nicht entmutigen.

Von Andrea Beer, ARD Kiew

Als wäre nicht alles schon schlimm genug, ist der Himmel grau und es regnet in Strömen in Cherson. Ein kleiner blauer Lieferwagen aus Kiew lädt gerade humanitäre Hilfe aus, unter anderem Bettlaken und Handtücher.

Freiwillige tragen alles in die Kellerräume eines Hauses im Zentrum. Am Eingang steht ein alter Mann und raucht. Müde und gestresst mit tiefen Ringen unter den Augen steht Wolodja im Regen. Das sei nun auch egal, meint er. Denn am Ortseingang von Biloserka im Westen von Cherson sei das Wasser zwei Meter hoch gewesen.

Wolodja aus Biloserka in Cherson

"Der Regen ist mir nun auch egal" - Wolodja aus Biloserka musste sein Haus verlassen.

Trotz des Regens geht das Wasser zurück

Laut dem ukrainischen Innenministerium sind in der Region noch mehr als 40 Ortschaften überflutet, 14 davon auf der russisch besetzten linken Uferseite. Auf dem rechten, ukrainisch kontrollierten Ufer seien rund 2700 Menschen evakuiert worden, darunter 190 Kinder. Fünf Menschen seien ums Leben gekommen, und unter den 35 Vermissten seien sieben Kinder.

Keller mit Helfern und Hilfsgütern

Im Keller werden die Hilfsgüter gelagert.

Nach Angaben der regionalen Militärverwaltung von Cherson sinkt der Wasserstand weiter. Von knapp 140 Quadratkilometern seien noch fast 78 überflutet. Am frühen Nachmittag war das Wasser im Schnitt vier Meter hoch, und auch in Biloserka gehe das Wasser inzwischen wieder zurück, meint Wolodja. Wichtig, aber für den Moment ein schwacher Trost. Seine Frau und Enkel sind im Ausland, und er muss nun mit seiner Tochter schauen, wie es weitergeht.

"Das ist ein großer Schmerz"

Unten im Keller steht Oksana Pohomi zwischen großen Stapeln von Säcken und Kartons - darin Sauerkrautkonserven, Nudeln, Damenbinden, bunte Stofftiere, Trinkwasserflaschen und Gummistiefel.

Oksana Pohimi mit Hilfsgütern

"Wir haben die russische Besatzung nicht überlebt, um jetzt die Hände in den Schoß zu legen", sagt Oksana Pohomi. .

Die resolute Dame mit den grellrot gefärbten Haaren trägt bequeme schwarze Baumwollkleidung. Sie dirigiert die Freiwilligen, die die humanitäre Hilfe nach oben schleppen. "Wir haben die russische Besatzung nicht überlebt, um jetzt die Hände in den Schoß zu legen", sagt sie überzeugt. "Ein Priester hat uns sein ganzes Mehl für unsere Bäckerei gebracht, und wir haben das Brot geteilt. Wir können den Menschen helfen, die hier sind. Am meisten mache ich mir Sorgen um die am linken, russisch besetzten Ufer. Das ist ein großer Schmerz, weil dort Freunde sind."

Oksana Pohomi ist Freiwillige und regionale Abgeordnete der "Europäischen Solidarität", der Partei des früheren Präsidenten Petro Poroschenko. Viele Menschen hätten ihr Leben lang an ihrem Haus gebaut und nun alles verloren. Viele hätten nur, was sie am Leib tragen würden, aber Hunde und Katzen mitgenommen. "Wir müssen jetzt über psychologische Hilfe nachdenken", sagt sie.

Im Kachowka-Stausee sinkt unterdessen der Wasserspiegel, was für die Trinkwasserversorgung und das Kühlen des Atomkraftwerks Saporischschja negative Auswirkungen hat. Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde Grossi will das russisch besetzte AKW kommende Woche besuchen.

Derweil bestätigte die ukrainische Armee ein Vorrücken im Osten des Landes. Die Armee veröffentlichte ein Video, in dem ukrainische Soldaten die blau-gelbe Fahne in dem Dorf Blahodatne im Gebiet Donezk im Donbas hissen.

Sohn nach Russland verschleppt

Unter den Freiwilligen in Cherson hilft auch ein Serhii Offizerov beim Tragen. Während der russischen Besatzung der Gegend wurde sein Sohn gemeinsam mit anderen nach Russland verschleppt, erzählt er, und wegen "Terrorismus" verurteilt. Reine Willkür und blanker Unsinn, so der sorgenvolle Vater.

"Seit Oktober ist mein Sohn im Moskauer Lefortowo-Gefängnis des russischen Geheimdienstes FSB", sagt er leise. Dann trägt er weiter Kartons nach oben, wo es nach wie vor heftig regnet. Als wäre nicht alles schon schlimm genug.

Karte Ukraine, schraffiert: von Russland besetzte Gebiete

Schraffiert: von Russland besetzte Gebiete

Dieses Thema im Programm: Dieser Beitrag lief bei MDR aktuell am 11. Juni 2023 um 18:09 Uhr.