Rauch steigt über der Stadt Sjewjerodonezk  in den Himmel. (Archivbild: 18. Juni 2022) | REUTERS

Osten der Ukraine "Schwierige Lage" an der Front

Stand: 21.06.2022 09:17 Uhr

Die Region rund um Sjewjerodonezk steht laut Gouverneur Hajdaj unter ständigem Beschuss. Auch im Süden drohen schwere Kämpfe. Vize-Regierungschefin Wereschtschuk forderte die Menschen aus dem besetzten Cherson zur Flucht auf.

Seit vier Monaten verteidigt sich die Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg. Heftig umkämpft bleibt die strategisch wichtige Stadt Sjewjerodonezk im Osten des Landes. Der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Hajdaj, sagte, die Lage entlang der Front sei "extrem schwierig". Die russische Armee habe einige Gebiete eingenommen und genügend Reserven für eine neue Großoffensive gesammelt. Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, es gebe schwierige Kämpfe in Luhansk um die Städte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk.

In Sjewjerodonezk drangen russische Truppen ukrainischen Angaben zufolge in das Industriegebiet vor, wo das eigene Militär nur noch das Chemiewerk Azot kontrolliere. Auch umliegende Ortschaften stünden unter ständigem Beschuss, sagte Gouverneur Hajdaj. Die russischen Truppen konzentrieren sich seit einiger Zeit auf die Einnahme des Verwaltungszentrums Sjewjerodonezk in Luhansk. Auch in anderen Gebieten im Osten und zentralen Regionen des Landes gab es in der Nacht Luftalarm.

Hunderte Zivilisten im Chemiewerk Azot

Im Chemiewerk Azot hielten sich nach Angaben der ukrainischen Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk zuletzt noch etwa 300 Zivilisten auf. Die Lage ändere sich allerdings ständig, sagte sie nach Angaben der ukrainischen Agentur Ukrinform. Sollten die dort Schutz suchenden Zivilisten evakuiert werden wollen, werde man versuchen, einen Fluchtkorridor einzurichten. Am Samstag hatte Hajdaj gesagt, die Zivilisten wollten nicht evakuiert werden, es gebe jedoch ständigen Kontakt.

Nach Angaben der russischen Agentur Interfax konnten etwa 20 ukrainische Zivilisten das Chemiewerk am Montag verlassen. Sie hätten einen nicht von ukrainischen Truppen kontrollierten Durchgang genutzt und seien nun "in Sicherheit", sagte der Separatistenvertreter Rodion Miroschnik demnach. Er warf der Ukraine vor, durch "ständigen Beschuss" die Evakuierung der Zivilisten aus der Region zu behindern.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Ukraine beklagt weitere Tote und Verletzte

Im Osten des Landes wurden nach Angaben ukrainischer Behörden im Gebiet Donezk und in Charkiw durch russischen Beschuss jeweils drei Zivilisten getötet und zwei weitere verletzt. In der Region Sumy soll ein Zivilist getötet und ein weiterer verletzt worden sein. Die Angaben waren nicht unabhängig zu überprüfen.

Nach einer Zählung der Vereinten Nationen wurden seit Kriegsbeginn mindestens 4569 Zivilisten getötet und 5691 weitere verletzt, wobei die tatsächliche Zahl auch nach UN-Schätzungen deutlich höher liegen dürfte.

Vize-Regierungschefin rät zu Flucht aus Cherson

Unübersichtlich bleibt die Lage auch in der schwer umkämpften Küstenregion im Süden der Ukraine. Vize-Regierungschefin Wereschtschuk rief die Einwohner des von russischen Truppen besetzten Gebiets Cherson auf, die Region zu verlassen, bevor die ukrainische Armee eine größer angelegte Gegenoffensive starte. Insbesondere Familien mit Kindern sollten ausreisen. "Bitte gehen Sie, denn unsere Armee wird dieses Land definitiv räumen", appellierte Wereschtschuk. Sie erwarte dort schwere Kämpfe, und dann werde es schwierig, Fluchtkorridore einzurichten.

Wereschtschuk empfahl den Menschen sogar - wenn nötig - eine Flucht auf die von Russland annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim, die an Cherson grenzt. Normalerweise ist für Reisen dorthin eine Erlaubnis der ukrainischen Behörden notwendig - für fliehende Menschen aber sei ein vorübergehender Aufenthalt auf der Krim straffrei, betonte Wereschtschuk.

Cherson wurde bereits Ende Februar von der russischen Armee eingenommen. Vor anderthalb Wochen begannen die Besatzer dort mit der Ausgabe russischer Pässe, als Zahlungsmittel wurde zudem der Rubel eingeführt. Die Besatzer teilten nun mit, dass in Cherson nun überall russische statt ukrainische Fernsehprogramme ausgestrahlt würden. Auch der letzte noch verbliebene ukrainische Sender sei "neu konfiguriert" worden, meldete das Verteidigungsministerium in Moskau.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/20.06.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/20.06.2022

Selenskyj: Aufmerksamkeit darf nicht nachlassen

In seiner nächtlichen Videoansprache bekräftigte der ukrainische Präsident, dass die Ukraine seiner Meinung nach zu Europa gehöre und den Status als Beitrittskandidat verdient habe. Die Bestrebungen der Ukraine, der EU beizutreten, machten Russland sehr nervös, meinte Selenskyj.

Die EU-Kommission hatte am Freitag empfohlen, die Ukraine und Moldau zu Kandidaten für den Beitritt zur Europäischen Union zu ernennen. Die Entscheidung darüber müssen nun die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Länder bei ihrem Gipfel ab Donnerstag treffen.

Bei der Verteidigung gegen die russischen Invasoren geht es laut Selenskyj auch darum, auf das Leid der Ukrainer aufmerksam zu machen und so internationale Hilfe zu mobilisieren. Doch je länger der Krieg dauere, desto schwieriger werde es, "um die Aufmerksamkeit von Hunderten Millionen Menschen in verschiedenen Ländern zu konkurrieren". Er werde dennoch "alles tun, damit die Aufmerksamkeit für die Ukraine nicht nachlässt".

Kreml: Gefangene US-Kämpfer sollen bestraft werden

Die Regierung in Moskau äußerte sich erstmals zur Gefangennahme von zwei US-Kämpfern in der Ukraine und forderte ihre Bestrafung. Die beiden früheren US-Soldaten Alexander Drueke und Andy Huynh seien Söldner und "an illegalen Aktivitäten auf dem Territorium der Ukraine beteiligt" gewesen, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow in einem auf Englisch geführten Interview mit dem US-Fernsehsender NBC News, von dem am Montag Auszüge veröffentlicht wurden.

Drueke und Huynh hätten das Leben von Russen "bedroht". "Sie sollten für diese Verbrechen, die sie begangen haben, zur Verantwortung gezogen werden", forderte der Kreml-Sprecher. Auf Nachfrage, welcher Vergehen genau Drueke und Huynh sich schuldig gemacht hätten, sagte Peskow, dies sei noch nicht klar. Zugleich versicherte er, dass sie nicht unter die Genfer Konventionen fielen. Die beiden US-Kämpfer gehörten nicht zur ukrainischen Armee, "also fallen sie nicht unter die Genfer Konventionen", sagte Peskow. Auf die Frage, ob ihnen die Todesstrafe drohe, antwortete er auf NBC: "Das kommt auf die Ermittlungen an."

"Wir werden dem Westen nie wieder vertrauen"

Die Beziehungen zum Westen sieht Peskow langfristig beschädigt. "Ja, es wird eine lange Krise werden. Wir werden dem Westen nie wieder vertrauen." Russland erhebt seit Beginn seines Kriegs gegen die Ukraine immer wieder Vorwürfe gegen westliche Staaten - etwa wegen der militärischen Unterstützung für das angegriffene Land.

Über dieses Thema berichtete das ARD Morgenmagazin am 21. Juni 2022 um 06:11 Uhr.