Russische Soldaten bewachen einen Journalistenbesuch in Cherson (Mai 2022) | AP

Krieg gegen die Ukraine Russland ordnet Rückzug aus Cherson an

Stand: 09.11.2022 17:50 Uhr

Die Gegenoffensive der Ukraine in der Region Cherson hat offenbar Erfolg: Russland will seine Truppen aus einem Teil des annektierten Gebietes zurückziehen. Die Soldaten sollen nun das Ostufer des Dnipro halten.

Russland hat den Rückzug seiner Truppen westlich des ukrainischen Flusses Dnipro um die Stadt Cherson im Süden des Landes angeordnet. Das teilte Verteidigungsminister Sergej Schoigu mit und deutete damit eine der bislang schwersten Niederlagen der russischen Streitkräfte in dem Angriffskrieg an. "Das Leben und die Gesundheit der Soldaten der Russischen Föderation waren immer eine Priorität", begründete er seine Anordnung, die im russischen Staatsfernsehen gezeigt wurde.

Der neue Kommandeur der russischen Truppen in der Ukraine, Sergej Surowikin, berichtete zuvor bei einem Treffen mit Schoigu von heftigem Beschuss der Ukrainer auf die Stadt Cherson und umliegende Ortschaften. Es sei nicht mehr möglich, die Gebiete mit Nachschub zu versorgen. "Wir werden die Leben unserer Soldaten und die Kampfkraft unserer Einheiten sichern", sagte Surowikin in einer im Fernsehen übertragenen Rede.

Schoigu und Surowikin planen nun, dass die Streitkräfte am Ostufer des Dnipros Verteidigungspositionen einnehmen sollen. Es bestehe die Gefahr, dass das Gebiet am Westufer überschwemmt werde und die russischen Truppen dort eingekesselt würden, teilte Surowikin mit.

Kiew bleibt misstrauisch

Die Ukraine reagierte verhalten auf die Ankündigung aus Moskau. Es sei zu früh, von einem Abzug zu sprechen, sagt Präsidentenberater Mychailo Podoljak der Nachrichtenagentur Reuters. Es verblieben einige russische Truppen in der Stadt, zudem würden zusätzliche Kräfte in die Region beordert.

Die Ankündigungen aus Moskau und die Handlungen vor Ort seien mitunter höchst unterschiedlich. Solange nicht die ukrainische Flagge über Cherson wehe, könne von einem russischen Rückzug nicht gesprochen werden. Die ukrainischen Streitkräfte hielten sich an die Vorgabe, sich auf Aufklärung, Risikoabwägung und effektive Gegenangriffe zu konzentrieren.

In der Region konnten ukrainische Truppen in den vergangenen Wochen kontinuierlich vorrücken. Eine der Hauptbrücken, die aus Cherson über einen Seitenarm des Flusses Dnipro führt, wurde zuvor offenbar gesprengt, wie im Internet veröffentlichte Bilder am Mittwoch zeigten. Reuters konnte den Ort der Aufnahmen verifizieren, nicht aber unabhängig feststellen, warum die Brücke einstürzte. Auf ukrainischer Seite gab es Spekulationen, dass russische Truppen das Bauwerk gesprengt haben, um ihren Abzug aus der Stadt Cherson vorzubereiten.

Rückzug deutete sich seit Oktober an

Der Rückzug aus Cherson ist ein weiterer enormer Rückschlag für das russische Militär. Cherson war die einzige Provinzhauptstadt, die Russland in seinem Angriffskrieg in der Ukraine erobert hatte. Im September annektierte Moskau völkerrechtswidrig die Region. Ungeachtet dessen kündigte die Ukraine immer wieder an, Stadt und Gebiet Cherson auch mithilfe westlicher Waffen befreien zu wollen. In den vergangenen Wochen gab es andauernde heftige Kämpfe.

Mehrfach berichteten die Ukrainer von großen Zerstörungen und hohen Verlusten auf russischer Seite. Unabhängig konnte das oft zwar nicht überprüft werden. Zuletzt rechneten aber auch russische Militärblogger mit einem baldigen Rückzug der eigenen Truppen aus der Stadt Cherson. Auch Kommandeur Surowikin kündigte bereits im Oktober "schwierige Entscheidungen" in Cherson an, was von Beobachtern als Indiz für einen geplanten Abzug gedeutet wurde.

Gefahr für Nachschubwege

Russland hatte vor mehreren Wochen mit der "Evakuierung" von Zivilisten aus Cherson begonnen. Surowikin zufolge wurden rund 115.000 Menschen auf die andere Seite des Flusses Dnipro gebracht. Kiew verurteilte den Schritt als "Deportationen".

Sollten sich die russischen Streitkräfte komplett aus dem Gebiet zurückziehen müssen, wäre eine direkte Verbindung von der Krim zum ukrainischen Festland gekappt, was Folgen für die russischen Nachschubwege hätte. Zudem würden die ukrainischen Stellungen wieder sehr viel näher an die Krim rücken, die seit Beginn des Krieges bereits mehrfach Ziel von Angriffen war.

Besatzer Chersons melden Tod Stremoussows

Die von Russland eingesetzte Besatzungsverwaltung im südukrainischen Gebiet Cherson gab am Mittwochabend bekannt, ihr Vizechef Kirill Stremoussow sei bei einem Verkehrsunfall gestorben. Ukrainische Journalisten äußerten Zweifel an seinem Tod, den russische Nachrichtenmedien jedoch ebenfalls vermeldeten.

Stremoussow war in russischen Medien stets präsenter gewesen als der lokale Besatzungsverwalter Wladimir Saldo, der Stremoussows Tod in einer Videobotschaft verkündete. Stremoussow hatte bis zuletzt in Interviews und Ansprachen behauptet, die Region Cherson gehöre nun unverbrüchlich zu Russland und man werde sich daraus nicht zurückziehen - mindestens eines dieser Videos hatte er aber erkennbar in der russischen Stadt Woronesch aufgenommen.

Der 45-Jährige war in den Jahren vor der russischen Invasion als Blogger über Corona-Verschwörungslegenden in Erscheinung getreten und hatte als prorussischer Kandidat mehrmals erfolglos für lokale Politikerposten kandidiert. Die EU und die USA führen ihn seit dem Sommer 2022 auf ihren Sanktionslisten.