Panzersperren in der Innenstadt von Odessa (Archivbild: 05.04.2022) | AFP

Krieg gegen die Ukraine Tote bei Luftangriffen auf Odessa

Stand: 23.04.2022 21:56 Uhr

Bei Luftangriffen auf die südliche Hafenstadt Odessa sind laut Ukraine mindestens acht Menschen getötet worden. Auch aus dem Osten des Landes wurden weitere Kämpfe gemeldet. Eine Evakuierung von Zivilisten in Mariupol scheiterte erneut.

Bei russischen Luftangriffen auf die südukrainische Hafenstadt Odessa sind nach Angaben der Regierung in Kiew mindestens acht Menschen getötet und 18 bis 20 weitere verletzt worden. Unter den Todesopfern sei ein dreimonatiger Säugling, schrieb der Leiter der ukrainischen Präsidialverwaltung, Andrij Jermak, im Onlinedienst Telegram.

Nach seinen Angaben ist davon auszugehen, dass die Opferzahl letztlich noch höher sein wird. Bei den genannten Toten und Verletzten handle es sich lediglich um jene, die bislang gefunden worden seien.

Der russische Generalmajor Rustam Minnekajew hatte am Freitag angekündigt, Ziel der nun eingetretenen "zweiten Phase" des Kriegs in der Ukraine sei die Eroberung des Donbass und des Südens. Neben einer Landverbindung zur annektierten Krim-Halbinsel würde so auch eine bessere Unterstützung für prorussische Separatisten in Transnistrien in der Republik Moldau ermöglicht, erklärte er.

Diese von russischen Nachrichtenagenturen verbreiteten Äußerungen deuten darauf hin, dass Moskau neben der Einnahme der seit Wochen heftig umkämpften Hafenstadt Mariupol auch die Eroberung von Odessa anstrebt.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Heftiger Artilleriebeschuss

Auch im Osten des Landes wurde weiter gekämpft. Im ostukrainischen Gebiet Luhansk wurden in der Siedlung Solote zwei Menschen getötet und zwei weitere verletzt, wie Gouverneur Serhij Hajdaj per Telegram mitteilte. Die umkämpften Städte Popasna, Rubischne und Sjewjerodonezk wurden heftig mit Artillerie beschossen und aus der Luft bombardiert, hieß es. Ständig würden Leitungen beschädigt, wodurch die Versorgung der verbliebenen Bevölkerung vor allem mit Wasser fraglich sei. Aus den genannten Städten konnten mehr als 110 Menschen evakuiert werden.

Im benachbarten Gebiet Donezk wurden der Gebietsverwaltung zufolge am Freitag drei Menschen getötet und sieben verletzt. Im Charkiwer Gebiet hat Gouverneur Oleh Synjehubow am Morgen über zwei Tote und 19 Verletzte infolge von 56 Angriffen innerhalb der vergangenen 24 Stunden informiert.

Laut ukrainischen Angaben nahmen russische Truppen auch die Angriffe auf das Stahlwerk Azovstal in der Hafenstadt Mariupol wieder auf. "Der Feind versucht, den letzten Widerstand der Verteidiger von Mariupol zu ersticken", sagte Präsidentenberater Olexij Arestowytsch in einer Videobotschaft. Eingesetzt würden Artillerie und Luftwaffe. Die ukrainischen Soldaten würden jedoch ihre Positionen halten und "sogar Gegenangriffe starten". Die Angaben sind nicht überprüfbar.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/22.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/22.04.2022

Evakuierung gescheitert

Um 12.00 Uhr Ortszeit (11.00 Uhr MESZ) hätte eine Waffenruhe für die Evakuierung von verbliebenen Zivilisten aus der weitgehend zerstörten Stadt mit einst 440.000 Einwohnern einsetzen sollen.

Dieser neuerliche Versuch ist offenbar gescheitert. Laut einem Berater des Bürgermeisters von Mariupol hätten sich etwa 200 Bewohner für eine Evakuierung versammelt. Sei seien aber vom russischen Militär aufgefordert worden, sich zu zerstreuen. Das russische Militär habe vor einem möglichen Beschuss gewarnt, so der Berater.

"Wir wollen frische Luft atmen"

Ein vom Asow-Regiment der ukrainischen Nationalgarde veröffentlichtes Video soll Frauen und Kinder zeigen, die in unterirdischen Räumlichkeiten im Azovstal-Stahlwerk in Mariupol Schutz suchen. Das von Nationalisten dominierte Regiment gehört zu jenen, die in dem Stahlwerk eingeschlossen und von einer russischen Blockade betroffen sind.

Einige Menschen befinden sich seit bis zu zwei Monaten in den Tunneln unter dem Stahlwerk. "Wir wollen einen friedlichen Himmel sehen, wir wollen frische Luft atmen", sagt eine Frau in dem Video, das heute veröffentlicht wurde. "Sie haben einfach keine Ahnung, was es für uns bedeutet, einfach zu essen, etwas gesüßten Tee zu trinken. Für uns ist das schon Glück", sagte sie.

Der stellvertretende Kommandeur des Asow-Regiments, Swjatoslaw Palamar, sagte der Nachrichtenagentur AP, das Video sei am Donnerstag aufgenommen worden. Die Inhalte konnten nicht unabhängig verifiziert werden. Nach ukrainischen Angaben sind etwa 1000 Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, auf dem Gelände des Azovstal-Werks zusammen mit den dort befindlichen ukrainischen Truppen eingeschlossen.

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte am Donnerstag angeordnet, keinen Sturm der aus dem Kalten Krieg stammenden Bunkeranlagen vorzunehmen. Damit sollten eigene Verluste vermieden werden. Zuvor war die Hafenstadt am Asowschen Meer als erobert deklariert worden. Mariupol war kurz nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges vor zwei Monaten von russischen Truppen komplett eingeschlossen worden. Kiew schätzt, dass infolge der Kämpfe mehr als 20.000 Menschen getötet wurden.

Hinweise auf ein neues Massengrab?

Unweit von Mariupol deuten Satellitenbilder auf ein mögliches weiteres Massengrab hin. "Dieses Mal im linksufrigen Stadtbezirk beim Friedhof von Wynohradne", teilte der Stadtratsabgeordnete Petro Andrjuschtschenko im Nachrichtendienst Telegram mit. Die Besatzungskräfte würden so versuchen, Kriegsverbrechen zu verschleiern.

Die vom US-Satellitenfotodienst Maxar verbreiteten Aufnahmen aus dem Zeitraum vom 22. März bis 15. April sollen einen Friedhof bei Wynohradne vor, während und nach einer Erweiterung der Gräber zeigen. Wynohradne befindet sich am Ostrand der Hafenstadt am Asowschen Meer.

Am Vortag hatten ukrainische Behördenvertreter, gestützt auf Satellitenbilder, bereits ein mögliches Massengrab in Manhusch circa 15 Kilometer westlich des Stadtrands vermutet. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. April 2022 um 16:00 Uhr.