Rauch steigt über einem Stahlwerk in Mariupol auf, Bild vom 20.04.22 | REUTERS

Krieg gegen die Ukraine Neue Angriffe auf Stahlwerk in Mariupol

Stand: 23.04.2022 16:27 Uhr

Eine Waffenruhe hätte es ermöglichen sollen, Zivilisten aus Mariupol zu befreien. Doch dies ist offenbar erneut gescheitert. Laut ukrainischen Angaben nahmen die russischen Truppen die Angriffe auf das Stahlwerk Azovstal wieder auf.

Russische Truppen haben die Angriffe auf das Stahlwerk Azovstal in der Hafenstadt Mariupol nach ukrainischen Angaben wieder aufgenommen. "Der Feind versucht, den letzten Widerstand der Verteidiger von Mariupol zu ersticken", sagte Präsidentenberater Olexij Arestowytsch in einer Videobotschaft. Eingesetzt würden Artillerie und Luftwaffe. Die ukrainischen Soldaten würden jedoch ihre Positionen halten und "sogar Gegenangriffe starten". Die Angaben sind nicht überprüfbar.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Evakuierung gescheitert?

Um 12.00 Uhr Ortszeit (11.00 Uhr MESZ) sollte eine Waffenruhe für die Evakuierung von verbliebenen Zivilisten aus der weitgehend zerstörten Stadt mit einst 440.000 Einwohnern einsetzen. Dieser neuerliche Versuch ist offenbar gescheitert. Laut einem Berater des Bürgermeisters von Mariupol hätten sich etwa 200 Bewohner für eine Evakuierung versammelt. Sei seien aber vom russischen Militär aufgefordert worden, sich zu zerstreuen. Das russische Militär habe vor einem möglichen Beschuss gewarnt, so der Berater.

Laut Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk war ursprünglich geplant, dass die Evakuierungsaktion in Richtung Saporischschja gegen Mittag beginnen sollte. In der Vergangenheit waren mehrere Versuche, Fluchtkorridore für Zivilisten aus Mariupol zu öffnen, gescheitert. Moskau und Kiew gaben sich hierfür gegenseitig die Schuld.

Ein vom Asow-Regiment der ukrainischen Nationalgarde veröffentlichtes Video soll Frauen und Kinder zeigen, die in unterirdischen Räumlichkeiten im Azovstal-Stahlwerk in Mariupol Schutz suchen. Das von Nationalisten dominierte Regiment gehört zu jenen, die in dem Stahlwerk eingeschlossen und von einer russischen Blockade betroffen sind.

"Wir wollen frische Luft atmen"

Einige Menschen befinden sich seit bis zu zwei Monaten in den Tunneln unter dem Stahlwerk. "Wir wollen einen friedlichen Himmel sehen, wir wollen frische Luft atmen", sagt eine Frau in dem Video, das heute veröffentlicht wurde. "Sie haben einfach keine Ahnung, was es für uns bedeutet, einfach zu essen, etwas gesüßten Tee zu trinken. Für uns ist das schon Glück", sagte sie.

Der stellvertretende Kommandeur des Asow-Regiments, Swjatoslaw Palamar, sagte der Nachrichtenagentur AP, das Video sei am Donnerstag aufgenommen worden. Die Inhalte konnten nicht unabhängig verifiziert werden. Nach ukrainischen Angaben sind etwa 1000 Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, auf dem Gelände des Azovstal-Werks zusammen mit den dort befindlichen ukrainischen Truppen eingeschlossen.

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte am Donnerstag angeordnet, keinen Sturm der aus dem Kalten Krieg stammenden Bunkeranlagen vorzunehmen. Damit sollten eigene Verluste vermieden werden. Zuvor war die Hafenstadt am Asowschen Meer als erobert deklariert worden. Mariupol war kurz nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges vor zwei Monaten von russischen Truppen komplett eingeschlossen worden. Kiew schätzt, dass infolge der Kämpfe mehr als 20.000 Menschen getötet wurden.

Hinweise auf ein neues Massengrab?

Unweit von Mariupol deuten Satellitenbilder auf ein mögliches weiteres Massengrab hin. "Dieses Mal im linksufrigen Stadtbezirk beim Friedhof von Wynohradne", teilte der Stadtratsabgeordnete Petro Andrjuschtschenko im Nachrichtendienst Telegram mit. Die Besatzungskräfte würden so versuchen, Kriegsverbrechen zu verschleiern.

Die vom US-Satellitenfotodienst Maxar verbreiteten Aufnahmen aus dem Zeitraum vom 22. März bis 15. April sollen einen Friedhof bei Wynohradne vor, während und nach einer Erweiterung der Gräber zeigen. Wynohradne befindet sich am Ostrand der Hafenstadt am Asowschen Meer.

Am Vortag hatten ukrainische Behördenvertreter, gestützt auf Satellitenbilder, bereits ein mögliches Massengrab in Manhusch circa 15 Kilometer westlich des Stadtrands vermutet. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/22.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/22.04.2022

Angriffe im Donbass

Die russischen Truppen führen ihre Angriffe im Donbass-Gebiet laut ukrainischen Angaben unvermindert fort. "In Richtung Donezk führt der Feind Angriffshandlungen entlang der gesamten Frontlinie durch", teilte der ukrainische Generalstab in seinem Lagebericht am Morgen mit. Die stärksten russischen Angriffe zielen demnach auf die Großstadt Sjewjerodonezk im Gebiet Luhansk. Daneben berichtet der Generalstab von anhaltenden Sturmversuchen in Rubischne, Popasna und Marjinka. Die Angriffe seien abgewehrt worden. Nördlich davon versuchten die russischen Truppen bei der Stadt Isjum im Gebiet Charkiw weiter nach Süden vorzustoßen, um die ukrainischen Truppen einzukesseln.

Nach ukrainischen Angaben ist an den Angriffen auch die russische 64. motorisierte Schützenbrigade beteiligt, die in der Kiewer Vorstadt Butscha im Einsatz war. Bilder von Hunderten getöteten Zivilisten dort hatten weltweit Entsetzen ausgelöst. Kiew hatte den russischen Soldaten daher Kriegsverbrechen vorgeworfen, Moskau bestreitet, etwas mit den Gräueltaten zu tun zu haben. Russlands Präsident Putin zeichnete die Brigade aus.

An den südlichen Frontabschnitten verstärken die Russen demnach ebenfalls den Druck. Während es in Mariupol keine Lageveränderungen gibt, sollen die russischen Truppen im Gebiet Saporischja um Kämpfer der Söldnereinheit Wagner verstärkt worden sein. Kiew spricht von etwa 200 Wagner-Kämpfern. Unabhängig konnten die Berichte nicht überprüft werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in den Nachrichten am 23. April 2022 um 15:00 Uhr.