Belagertes Stahlwerk in Mariupol | AP

Kampf um Asow-Stahlwerk "Wir werden kämpfen, solange wir leben"

Stand: 08.05.2022 15:09 Uhr

Die verbliebenen ukrainischen Soldaten im belagerten Asow-Stahlwerk wollen eigenen Angaben zufolge nicht aufgeben. Im Gebiet Luhansk musste die Ukraine einen Verlust hinnehmen, die Angriffe auf die Schlangeninsel wurden fortgeführt.

Die im belagerten Stahlwerk Asowstal eingeschlossenen ukrainischen Kämpfer wollen ihren Widerstand notfalls bis zum bitteren Ende fortsetzen. "Solange wir leben, werden wir weiter kämpfen, um die russischen Besatzer abzuwehren", sagte Hauptmann Sviatoslav Palamar, stellvertretender Kommandeur des ukrainischen Asow-Regiments, auf einer Online-Konferenz.

"Wir haben nicht viel Zeit, wir stehen unter starkem Beschuss", sagte er und bat die internationale Gemeinschaft um Hilfe bei der Evakuierung verwundeter Soldaten aus der Anlage in der südöstlichen Hafenstadt. Palamar sagte zudem, er könne nicht bestätigen, dass bereits alle Zivilisten das Stahlwerk verlassen hätten.

Ukraine setzt Angriffe auf Schlangeninsel fort

Derweil griff die Ukraine offenbar erneut die von russischen Truppen zu Beginn der Invasion eroberte Schlangeninsel an. Von der Nachrichtenagentur AP analysierte Satelliten-Aufnahmen zeigten Rauch über zwei Stellen der Schwarzmeerinsel. Auch ein Brand war zu erkennen.

Das ukrainische Militär veröffentlichte ein Video, das einen Angriff auf einen russischen Hubschrauber zeigen soll, der zur Schlangeninsel flog - möglicherweise um Soldaten Hilfe zu bringen, die bei Angriffen tags zuvor verletzt worden sind. Satellitenbilder des Unternehmens Planet Labs zeigten gestern, dass die meisten Gebäude auf der Insel von ukrainischen Drohnen zerstört waren.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Russland meldet Abschuss von Flugzeugen

Das russische Militär schoss eigenen Angaben zufolge in der Nacht mehrere Flugzeuge und Hubschrauber über der Insel ab. "Während der Nacht haben russische Luftabwehreinheiten über der Schlangeninsel zwei weitere ukrainische Bomber vom Typ Su-24 und einen Hubschrauber vom Typ Mi-24 vernichtet und vor der Stadt Odessa eine Bayraktar-Drohne abgeschossen", teilte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, mit. Darüber hinaus sei eine ukrainische Korvette versenkt worden.

Die nur wenige Hektar große Schlangeninsel liegt in etwa auf der Höhe der Grenze zwischen Rumänien und der Ukraine im Schwarzen Meer und war Ende Februar von russischen Truppen besetzt worden. Dabei wurde sie zu einem Symbol ukrainischen Widerstands, weil die Verteidiger die Kapitulationsaufforderung der Russen mit einem Kraftausdruck abgelehnt haben sollen. Nach ukrainischen Angaben wurden sie getötet. Später stellte sich jedoch heraus, dass sie überlebt hatten und in Gefangenschaft geraten waren. Bei einem Gefangenenaustausch kamen sie frei.

Russische Truppen nehmen Popasna ein

Nach wochenlangen Kämpfen nahmen russische Truppen laut ukrainischen Angaben die in Ruinen liegende Kleinstadt Popasna ein. "Leider haben sich unsere Truppen tatsächlich etwas aus Popasna zurückgezogen, weil die Stadt mehr als zwei Monate lange beschossen wurde", sagte der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Hajdaj, laut der Nachrichtenagentur Unian in einem Fernsehinterview. Die Ukrainer seien auf zuvor vorbereitete Stellungen etwas außerhalb der Stadt ausgewichen, fügte er hinzu.

In Popasna ist Hajdajs Angaben nach "alles bis auf die Grundmauern zerstört". Zugleich sprach der Gouverneur von schweren Kämpfen um die Ortschaft Wojewodiwka, einem Vorort der Großstadt Sjewjerodonezk. Alle Ortschaften im Gebiet Luhansk seien derzeit schwer umkämpft, doch die russischen Pläne, "das Luhansker Gebiet bis zum 9. Mai vollständig einzunehmen", seien unerreichbar, sagte er. Derzeit kontrollieren prorussische Truppen rund 90 Prozent des Gebiets.

Popasna wurde seit Wochen von prorussischen Separatisten und moskautreuen Truppen gestürmt, die dabei Luftwaffen- und Artillerieunterstützung bekommen. Erstmals marschierten die russischen Einheiten vor genau zwei Monaten am 8. März in die Stadt ein, die die Ukrainer zuvor zur Festung ausgebaut hatten. Vor Kriegsausbruch sollen in Popasna etwa 20.000 Menschen gelebt haben.

Wohl viele Tote nach Beschuss einer Schule

Bei der Bombardierung einer Schule durch russische Truppen in Bilohoriwka im Gebiet Luhansk wurden gestern nach Angaben von Hajdaj wahrscheinlich 60 Menschen getötet. Im Keller der Schule hätten etwa 90 Menschen Schutz gesucht. Rettungstrupps hätten 30 Menschen gerettet und bislang zwei Leichen gefunden.

Ukraine meldet Mobilmachung in Transnistrien

In der moldauischen Separatistenregion Transnistrien bereiten sich nach ukrainischen Angaben bewaffnete Gruppen und russische Truppen auf den Kampf vor. Die russischen Streitkräfte in dem Gebiet befänden sich "inmitten der Vorbereitungen für den Kampf", erklärte der ukrainische Generalstab. Die Befürchtung, dass der Konflikt in der Ukraine auf das Nachbarland Moldau übergreifen könnte, war in den vergangenen Wochen gewachsen. 

Die Behörden der prorussischen Separatistenregion hatten am Donnerstag erneut Explosionen in Grenznähe zur Ukraine gemeldet. Kiew wirft Moskau vor, eine Destabilisierung in der Region anzustreben, um auf diese Weise einen Vorwand für eine militärische Intervention zu schaffen. Ein russischer General hatte im April erklärt, zu den Zielen der russischen Offensive in der Ukraine gehöre es, eine Landverbindung durch die Südukraine bis nach Transnistrien zu schaffen.

Transnistrien hatte sich im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion von der Republik Moldau abgespalten. International wird die selbsternannte Republik nicht anerkannt. Auf dem an die Ukraine grenzenden Gebiet sind rund 1500 russische Soldaten stationiert.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. Mai 2022 um 16:00 Uhr.