Mitglieder des Zivilschutzes gehen in Stellung, als sich ein Fahrzeug dem Kontrollpunkt in Gorenka außerhalb der ukrainischen Hauptstadt Kiew nähert. | dpa

Krieg in der Ukraine Weitere Angriffe auf Großstädte

Stand: 03.03.2022 05:51 Uhr

Russland hat die großen Städte der Ukraine weiter unter Beschuss genommen. In Kiew wurde der Luftalarm ausgelöst, Explosionen erschütterten die Metropole. Die russische Armee konnte die Großstadt Cherson einnehmen.

Russland hat seine Angriffe auf die großen Städte der Ukraine weiter fortgesetzt. In der Hauptstadt Kiew kam es zu mehreren schweren Explosionen. Der Agentur Unian zufolge wurde Luftalarm ausgelöst. Die Bewohner seien aufgerufen worden, sofort Schutz zu suchen, hieß es. Auf Videos, die in sozialen Netzwerken geteilt wurden, waren mächtige Detonationen zu sehen. Zunächst war unklar, ob es sich etwa um einen Luftangriff handelt und was die Ziele gewesen sein könnten.

Bereits zuvor war beim Einschlag eines Geschosses südlich des Hauptbahnhofs von Kiew mindestens ein Mensch verletzt worden. Ein Mann sei mit einer Schrapnellwunde am Bein ins Krankenhaus gebracht worden, teilten die örtlichen Behörden mit. Bis zu 15.000 Menschen würden sich zurzeit vor Angriffen in der U-Bahn verstecken, schrieb der Leiter der Kiewer Metro. Ein paar Quadratmeter und eine Decke seien für einige inzwischen zu ihrem einzigen Zuhause geworden.

Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko bat die Bewohner wieder einmal, sich ohne Not nicht durch die Stadt zu bewegen. In Kiew gebe es einen Stab, der Hilfsgüter an Bedürftige verteilt, sagte Klitschko.

Ukrainische Medien berichteten zudem über Kämpfe in Vororten der Millionenstadt. Dabei soll ein russisches Flugzeug abgeschossen worden sein. Die Angaben sind nicht unabhängig zu prüfen. Klitschko schrieb im Nachrichtenkanal Telegram: "Der Feind versucht, in die Hauptstadt durchzubrechen."

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Russen nehmen Cherson ein

Mittlerweile ist die erste Großstadt in der Hand Russlands. Die ukrainischen Behörden bestätigten, dass die russische Armee die Hafenstadt Cherson im Süden eingenommen hat. Regionalverwaltungschef Gennady Lakhuta schrieb im Mitteilungsdienst Telegram, russische "Besatzer" seien in allen Stadtteilen und "sehr gefährlich". Cherson ist die erste Großstadt, die Russland seit dem Einmarsch in die Ukraine vor einer Woche erobert hat. Die russische Armee hatte die Einnahme von Cherson bereits gestern gemeldet. 

Chersons Bürgermeister Igor Kolychajew schrieb auf Facebook, er habe den Russen "keine Versprechungen gemacht" und sie "aufgefordert, nicht auf Menschen zu schießen". Kolychajew rief eine Ausgangssperre aus und verhängte Beschränkungen über den Fahrzeugverkehr. Die Regierung in Kiew hatte zuvor Berichte zurückgewiesen, wonach die Stadt von der russischen Armee eingenommen worden sei. Die Kämpfe in der Hafenstadt würden weiter andauern, erklärte sie gestern.

Karte: Ukraine mit Kiew, Charkiw, Mariupol, Cherson, Schytomyr, AKW Saporischschja und Separatistengebiet

Stromversorgung bricht in Mariupol zusammen

Auch die Hafenstadt Berdjansk wurde bereits von russischen Truppen erobert, ein Angriff auf die strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol läuft. Die Stadt sei über 14 Stunden ununterbrochen angegriffen worden, sagte Bürgermeisters Wadym Boitschenko in einem auf Telegram veröffentlichten Video. "Heute wollen sie uns einfach alle vernichten". Auch Wohngebäude würden von der russischen Armee beschossen.

Nach den jüngsten Luftangriffen sei die Stadt mit rund 440.000 Einwohnern ohne Licht, ohne Wasser und ohne Heizung, schilderte er. "Unsere Stadtwerke werden darangehen, die kritische Infrastruktur wiederherzustellen." Den Behörden zufolge sind in Mariupol bei Luftangriffen mittlerweile mehr als 130 Menschen verletzt worden. Die Angaben ließen sich nicht von unabhängiger Seite überprüfen.

Neben dem Hafen wurden nach Angaben von Behördenvertretern auch zivile Ziele angegriffen, darunter eine Entbindungsstation und eine Schule. Es gebe Angriffe auf Gebiete, in denen es "keine militärische Infrastruktur" gebe, sagte der Chef der regionalen Militärverwaltung, Pawlo Kyrylenko. Boitschenko warf der russischen Armee vor, Zivilisten am Verlassen der Stadt hindern zu wollen.  Die russische Armee rückt derzeit von zwei Seiten entlang der Küste am Asowschen Meer vor - von der annektierten Halbinsel Krim und von der russischen Grenze aus. Die Einnahme von Mariupol würde einen Zusammenschluss der russischen Truppen erleichtern.

In Korosten nördlich der Stadt Schytomyr starben nach Angaben der Verwaltung zwei Menschen bei einem Luftangriff auf einen großen Kontrollpunkt. Fünf Menschen wurden verletzt.

Bitte um Feuerpause in Charkiw

Die ostukrainische Millionenstadt Charkiw erlebte ebenfalls erneut Angriffe. Dort schlugen demnach zwei Raketen in ein Verwaltungsgebäude ein. Dabei soll auch die Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale nicht näher beschriebene Schäden erlitten haben. Über Verletzte war zunächst nichts bekannt. Die Ukraine fordert Russland zu einer Feuerpause in den Regionen Charkiw und Sumy auf, um Zivilisten in Sicherheit bringen zu können.

Russland dementiert vehement, Zivilisten zu attackieren. Das Verteidigungsministerium habe einen "Koordinierungsstab" für humanitäre Maßnahmen eingerichtet, sagte Generaloberst Michail Misinzew einer Mitteilung vom Abend zufolge.

Sobald die ukrainische Seite zur Schaffung eines humanitären Korridors bereit sei, werde Russland "die hundertprozentige Verpflichtung zur Gewährleistung der Sicherheit für die Ausreise sowohl nach Russland als auch in andere Länder" gewährleisten, sagte Misinzew. Moskau sei zudem bereit, ausländische Flugzeuge, die ihre Bürger aus der Ukraine holen wollten, in Russland landen zu lassen.

Russische Kampfjets verletzen schwedischen Luftraum

Am Abend gab Schweden bekannt, dass vier russische Kampfflugzeuge den Luftraum des Landes verletzt hätten. Der kurzzeitige Vorfall habe sich am Mittwoch östlich der Ostsee-Insel Gotland über dem Meer ereignet, teilten die Streitkräfte mit. Kampfjets der schwedischen Luftwaffe hätten den Zwischenfall, an dem zwei russische SU-27- und zwei SU-24-Jets beteiligt gewesen seien, fotografisch dokumentiert. Angesichts der aktuellen Situation nehme man den Vorfall sehr ernst.

"Das ist ein unprofessionelles und unverantwortliches Vorgehen von russischer Seite", erklärte Luftwaffenchef Carl-Johan Edström. Schweden und das benachbarte Finnland sind beide keine NATO-Mitglieder, allerdings enge Partner des Militärbündnisses. Die beiden Länder hatten zuvor vor dem Hintergrund der deutlich verschlechterten Sicherheitslage im Zuge des Ukraine-Kriegs eine gemeinsame Militärübung in der Ostsee abgehalten. Daran waren nach schwedischen Angaben Kampfjets und Kriegsschiffe beteiligt gewesen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. März 2022 um 05:30 Uhr.