Der Frachter "Razoni" verlässt den Hafen von Odessa. | picture alliance / AA

Nach monatelanger Blockade Erstes Getreideschiff verlässt die Ukraine

Stand: 01.08.2022 19:48 Uhr

Zum ersten Mal seit Monaten hat ein Schiff mit Getreide den Hafen von Odessa verlassen. Die Ukraine hofft auf hohe Einnahmen durch den Getreidehandel. Der Frachter soll in der Nacht zu Mittwoch in Istanbul eintreffen - später als erwartet.

Erstmals seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine hat wieder ein Schiff mit Getreide den Hafen von Odessa verlassen. Das mit Mais beladene Frachtschiff "Razoni" sei in Richtung Libanon aufgebrochen, teilte das türkische Verteidigungsministerium mit. Weitere Schiffe sollen folgen. Das Frachtschiff "Razoni" fährt unter der Flagge des westafrikanischen Staates Sierra Leone.

"Heute unternimmt die Ukraine zusammen mit ihren Partnern einen weiteren Schritt, um Hunger in der Welt zu verhindern", teilte der ukrainische Infrastrukturminister Oleksandr Kubrakow mit. Nach Angaben einer von den Vereinten Nationen geleiteten internationalen Koordinationsgruppe hat das Schiff mehr als 26.000 Tonnen Mais geladen.

Es soll nach Angaben des türkischen Verteidigungsministeriums in der Nacht zu Mittwoch in Istanbul ankommen, wo es inspiziert werden soll. Ursprünglich war mit der Ankunft bereits am Dienstagnachmittag gerechnet worden. Warum sich das Schiff verspätet, teilten die türkischen Behörden nicht mit.

Internationales Aufatmen

"Das ist ein Hoffnungsschimmer", sagte ein Sprecher des Bundesaußenministeriums in Berlin zu dem ersten Getreide-Export aus der Ukraine per Schiff seit Kriegsbeginn. Dies sei zu begrüßen. Nun sei es wichtig, dass weitere Schiffe aus ukrainischen Schwarzmeer-Häfen auslaufen könnten. Außerdem müsse an alternativen Routen gearbeitet werden, um den Getreide-Stau aufzulösen.

Auch Russland begrüßte den Start des ersten Frachtschiffes mit ukrainischem Getreide aus dem Schwarzmeer-Hafen Odessa. "Das ist ziemlich positiv", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Außerdem sagte Peskow:

Wir wollen hoffen, dass die Vereinbarungen von allen Seiten erfüllt werden und dass die Mechanismen wirksam arbeiten.

Die Vereinten Nationen zeigten sich ebenfalls erfreut über die Entwicklung. Generalsekretär António Guterres sprach von einem "Meilenstein" und einer "enormen kollektiven Leistung des gemeinsamen Koordinierungszentrums". Viele weitere Handelsschiffe müssten folgen. Er kündigte außerdem an, dass die UN mit einem geliehenen Schiff selbst Getreide aus dem Land bringen wollten. Der Krieg müsse enden, fügte Guterres hinzu. Er hoffe, dass "die heutigen Nachrichten ein Schritt in Richtung dieses Ziels sein können."

Ukraine will weiter verhandeln

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter, es sei ein "Tag der Erleichterung für die Welt, vor allem für unsere Freunde im Nahen Osten, in Asien und Afrika". Die Ukraine sei "stets ein verlässlicher Partner" gewesen und werde es auch bleiben, "sofern Russland seinen Teil des Abkommens einhält".

Infrastrukturminister Kubrakow kündigte unterdessen an, wenn das Getreideabkommen mit Russland halte, wolle die Ukraine Verhandlungen aufnehmen und versuchen, auch den Hafen Mykolajiw für die Ausfuhr von Getreide per Schiff zu öffnen.

Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar zeigte sich vorsichtig optimistisch, dass das Abkommen länger hält als die im Vertrag zunächst vorgesehenen 120 Tage. "Sollte es keine Einwände von einer der Parteien geben, wird es automatisch verlängert", sagte er. "Auch in unseren Gesprächen mit den Vertretern der beteiligten Parteien sind wir uns darin einig geworden, dass die Festlegung auf eine bestimmte Zeit nur symbolisch ist und es das Wichtigste ist, die globale Versorgung sicherzustellen. Deswegen wird diese Aktion solange laufen, wie sie laufen muss."

Wichtige Einnahmequelle für die Ukraine

Die Ukraine und Russland hatten unter Vermittlung der Vereinten Nationen jeweils getrennt mit der Türkei ein Abkommen in Istanbul unterzeichnet, um von drei Häfen Getreideausfuhren aus der Ukraine zu ermöglichen. Von der Vorjahresernte warten ukrainischen Angaben zufolge noch über 20 Millionen Tonnen Getreide auf die Ausfuhr. Die Silos müssen wegen der neuen Ernte dringend freigemacht werden.

Die Ukraine zählte vor dem russischen Angriffskrieg zu den wichtigsten Getreideexporteuren der Welt. Für sie geht es um Milliardeneinnahmen aus dem Verkauf unter anderem von Weizen und Mais. Durch die Wiederinbetriebnahme der drei Häfen könne die Wirtschaft der Ukraine mindestens eine Milliarde US-Dollar (rund 980 Millionen Euro) einnehmen und Planungen im Agrarsektor ermöglichen, sagte Kubrakow. 16 weitere Schiffe warteten bereits in den Häfen am Schwarzen Meer auf ihre Abfahrt.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Kontrollzentrum in Istanbul

Die Exporte werden von einem Kontrollzentrum in Istanbul überwacht, das mit Vertretern Russlands, der Ukraine, der Vereinten Nationen und der Türkei besetzt ist. Die durch Istanbul verlaufende Meerenge Bosporus ist der einzige Seeweg vom Schwarzen Meer zum Mittelmeer. Die Türkei hat die Hoheit über den Bosporus.

Schiffe sollen bei der Ein- und Ausfahrt ins Schwarze Meer inspiziert werden. So soll auf Verlangen Russlands sichergestellt werden, dass die Schiffe keine Waffen oder Ähnliches an Bord haben. Russland befürchtet, dass die Ukraine aus dem Erlös des Getreideverkaufs Waffen beschafft.

Das Frachtschiff "Razoni" werde am Nachmittag vor der Küste der Meerenge Bosporus in Istanbul sein, sagte der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu. Nach dem Ankern werde die gemeinsame Delegation es kontrollieren. "Auch die nachfolgenden Schiffe werden auf ähnliche Weise problemlos weiterfahren."

Das Abkommen umfasst die ukrainischen Häfen Odessa, Tschornomorsk und Juschny (Piwdennyj). Nur einen Tag nach der Vereinbarung hatte Russland den Hafen von Odessa beschossen und damit zwischenzeitlich die Besorgnis ausgelöst, dass der Getreidedeal platzen könne.

Nahrungsmittel werden dringend benötigt

Die Nahrungsmittel aus der Ukraine werden auf dem Weltmarkt - vor allem in Asien und Afrika - dringend benötigt. Die Vereinten Nationen warnten zuletzt schon vor der größten Hungersnot seit Jahrzehnten. Die UN und die Türkei hatten bei der Unterzeichnung des Abkommens mit Russland und der Ukraine von einem Zeichen der Hoffnung in Kriegszeiten gesprochen.

Der Hafenbetrieb in der Ukraine war nach der russischen Invasion Ende Februar aus Sicherheitsgründen eingestellt worden. Moskau wurde eine Blockade der ukrainischen Getreideausfuhren vorgeworfen. Russland sicherte in dem Abkommen nun zu, Schiffe über einen Seekorridor fahren zu lassen und diese sowie beteiligte Häfen nicht anzugreifen.

Mit Informationen von Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Odessa

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. August 2022 um 08:40 Uhr.