Ukrainische Soldaten auf einem Panzer | dpa

Nach Abzug russischer Truppen Ukraine meldet weitere Geländegewinne

Stand: 11.09.2022 19:53 Uhr

Bestärkt durch den Abzug der Russen aus der Region Charkiw treiben die Ukrainer ihre Gegenoffensive im Nordosten voran. Auch aus dem südlichen Cherson werden Erfolge gemeldet. Von Kreml-Anhängern kommt Kritik an der russischen Militärführung.

Nach einem Rückzug der russischen Truppen aus der Region Charkiw haben die ukrainischen Truppen ihre Gegenoffensive im Nordosten sowie im Süden des Landes weiter vorangetrieben. Gouverneur Oleh Synjehubow teilte mit, mehr als 40 Orte in Charkiw seien wieder unter ukrainischer Kontrolle. Eine genaue Zahl könne er nicht nennen, weil die Operation noch laufe. Der ukrainische Militärchef Walerij Saluschnjy erklärte, seit Beginn der Gegenoffensive Anfang September seien etwa 3000 Quadratkilometer Land zurückerobert worden. Einige Verbände befänden sich noch etwa 50 Kilometer von der russischen Grenze entfernt.

Am Samstag hatte das russische Verteidigungsministerium bekannt gegeben, seine Streitkräfte aus Teilen der Region Charkiw weiter südlich in die Region Donezk "umzugruppieren". Sprecher Igor Konaschenkow sagte, die Soldaten würden von Balaklija und Isjum in den Donbass verlegt, "um die gesetzten Ziele der militärischen Spezialoperation zur Befreiung des Donbass zu erreichen". Beobachter werteten das aber als Versuch, trotz des überhasteten Rückzugs, bei dem auch viele Waffen und Munition zurückgelassen werden mussten, das Gesicht zu wahren.

Heute zeigte das russische Ministerium beim täglichen Briefing auf einer Karte den Umfang des Abzugs: Demnach kontrolliert die russische Armee nur noch einen kleinen Teil im Osten der Region östlich des Flusses Oskol kontrolliert. Beim Briefing am Vortag hatte die Karte noch ein weitaus größeres Gebiet als unter russischer Kontrolle stehend ausgewiesen.

Ukraine meldet weiter Geländegewinne

In Kiew wurde diese Nachricht mit Euphorie aufgenommen - und die Bereitschaft bekräftigt, sich nun auch weitere besetzte Gebiete zurückzuholen. Zwei Drittel der zurückeroberten Gebiete seien in sehr kurzer Zeit wieder eingenommen worden, sagte der Sprecher des ukrainischen Generalstabs, Oleksandr Schtupun. "Das Ende der Besatzung in der Ukraine geht weiter. Insgesamt haben wir in den letzten Tagen etwa 2000 Quadratkilometer ukrainisches Territorium von russischer Besatzung befreit. Unsere Einheiten sind nach Kupjansk vorgedrungen und sind dabei, Ortschaften in den Gegenden Kupjansk und Isjum des Gebiets Charkiw zu befreien."

Online kursieren massenhaft Fotos und Videos der Armee, auf denen ukrainische Soldaten zum Beispiel russische Symbole abnehmen, die blau-gelbe Fahne hissen oder vor Ortsschildern posieren. Ein Video zeigt Soldaten, die in Tschkalowske die ukrainische Flagge hissen. "Von Charkiw aus sind wir nicht nur Richtung Süden und Osten vorgerückt, sondern auch nach Norden", erklärte der ukrainische Militräschef Saluschnyj auf Telegram.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Russen sollen sich auch aus Cherson zurückziehen

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj pries den russischen Rückzug als Durchbruch in dem seit sechs Monaten andauernden russischen Angriffskrieg. "Ich glaube, dieser Winter ist der Wendepunkt, und er kann zur schnellen Befreiung der Ukraine führen", sagte Selenskyj am Samstagabend. "Wir sehen, wie sie in einige Richtungen fliehen", sagte der Präsident mit Blick auf die russischen Streitkräfte. "Wenn wir noch ein bisschen stärker mit Waffen wären, würden wir noch schneller vorankommen."

Nach ihrer Niederlage im ostukrainischen Gebiet Charkiw ziehen sich russische Truppen Angaben aus Kiew zufolge auch aus Teilen des südlichen Gebiets Cherson zurück. In einigen Orten hätten die Besatzer dort bereits ihre Positionen verlassen, teilte der ukrainische Generalstab mit. In der Stadt Nowa Kachowka hätten die russischen Soldaten ein Krankenhaus geräumt, um sich darin nun selbst zu verschanzen, hieß es weiter. Unabhängig überprüft werden konnten diese Angaben nicht.

Deutliche Kritik von russischem Verbündeten

Der dem Kreml treu ergebene tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow machte indes Fehler der russischen Militärführung für den Rückzug aus Charkiw verantwortlich: "Sie haben Fehler gemacht und ich glaube, sie werden die notwendigen Schlüsse ziehen", erklärte er auf Telegram mit Blick auf die Militärführung.

"Wenn sie keine Änderungen an der Strategie der militärischen Spezialoperation innerhalb der nächsten ein, zwei Tage vornehmen, werde ich gezwungen sein, die Führung des Verteidigungsministeriums und die Führung des Landes zu kontaktieren, um die tatsächliche Lage vor Ort zu erklären", schrieb Kadyrow weiter. Beobachter werteten seine Aussagen als Anzeichen möglicher Spannungen innerhalb der russischen Reihen.

Auch nationalistische russische Kommentatoren und Militärblogger sprachen von einer empfindlichen Niederlage und riefen den Kreml auf, die Kriegsanstrengungen zu erhöhen. Kritisiert wurde unter anderem auch, dass am Samstag trotz des militärischen Debakels in Moskau ein Stadtfeiertag gefeiert wurde, bei dem Präsident Wladimir Putin unter anderem ein neues Riesenrad einweihte. "Das Feuerwerk in Moskau an einem tragischen Tag einer russischen Militärniederlage wird ernsthafte politische Konsequenzen haben", schrieb der kremltreue Politologe Sergej Markow auf Telegram.

Mit Informationen von Andrea Beer, WDR, zzt. Kiew

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. September 2022 um 18:00 Uhr.