Der ukrainische Präsident Selenskyj | dpa

Ukraine-Krieg Selenskyjs Sorge um den Donbass

Stand: 30.04.2022 09:16 Uhr

Der ukrainische Präsident Selenskyj hat Russland vorgeworfen, den Donbass zerstören zu wollen. Er sprach von einem "Kampf um das Leben". Nach Angaben aus Moskau wurden mehr als eine Million Ukrainer nach Russland gebracht.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Russland vorgeworfen, den Donbass und alle dort lebenden Menschen zerstören zu wollen. Die ständigen brutalen Bombardierungen, die Angriffe auf Infrastruktur und Wohngebiete zeigten, dass Russland das Gebiet vollständig räumen wolle, sagte der Präsident in seiner nächtlichen Videobotschaft.

"Deshalb ist die Verteidigung unseres Landes, die Verteidigung unseres Volkes, buchstäblich ein Kampf um das Leben", erklärte Selenskyj. Die Städte und Gemeinden des Donbass könnten nur überleben, wenn die Ukraine standhaft bleibe. "Wenn die russischen Invasoren ihre Pläne auch nur teilweise verwirklichen können, dann haben sie genug Artillerie und Flugzeuge, um den gesamten Donbass in Steine zu verwandeln. So wie sie es mit Mariupol getan haben." Die Hafenstadt sei nur noch ein russisches Konzentrationslager inmitten von Ruinen.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/28.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/28.04.2022

Eisenbahnbrücke in Donezk gesprengt

Die Lage in Charkiw im Norden der Ukraine beschrieb der Präsident als brutal. Ukrainische Truppen und Geheimdienstagenten hätten dort aber wichtige taktische Erfolge, sagte Selenskyj, ohne Details zu nennen. In der Hauptstadt Kiew durchsuchten Rettungskräfte nach den Raketeneinschlägen vom Donnerstag seinen Angaben zufolge immer noch die Trümmer.

Medienberichten zufolge sprengte die ukrainisch Armee eine Eisenbahnbrücke im Gebiet Donezk. Dabei sei ein russischer Güterzug getroffen worden, wie die Onlinezeitung "Ukrajinska Prawda" schrieb. Nach Angaben des Onlineportals "Hromadske" war unklar, ob es sich um Güterwaggons oder Kesselwagen handelte. Bei der zerstörten Brücke handelte es sich nach Angaben der Zeitungen um eine Verbindung über den Fluss Siwerskyj Donez zwischen den Orten Lyman und Rajhorodok im Osten der Ukraine. Die Eisenbahnverbindung nach Lyman, das im Epizentrum der Kämpfe in der Ostukraine liege, sei damit zerstört.

Lawrow: Mehr als eine Million Ukrainer in Russland

Mehr als eine Million Menschen sind seit Kriegsbeginn nach Einschätzungen des russischen Außenministers Sergej Lawrow aus der Ukraine nach Russland "in Sicherheit" gebracht worden. Wie Lawrow in einer Erklärung mitteilt, stammen davon allein 120.000 Menschen aus den Regionen Donezk und Luhansk.

Der Minister erklärt außerdem gegenüber der Nachrichtenagentur Xinhua und auf der Website des russischen Außenministeriums, dass die lautstarke Unterstützung der NATO für die Ukraine einer politischen Einigung zur Beendigung des Konflikts im Wege stehe.

Weiterhin drohe Russland nicht mit Atomwaffen, westliche Medien übertrieben bei diesem Thema. "Wir 'spielen' nicht mit einem Atomkrieg", so Lawrow. Zuvor hatte er vor einer realen Gefahr eines Dritten Weltkriegs gewarnt. Russland hatte außerdem Ende Februar Abschreckungswaffen in Alarmbereitschaft versetzen lassen, was weltweit als Drohung mit dem atomaren Arsenal verstanden worden war.

"Zivile Opfer vermeiden"

Der russische Außenminister sagte außerdem, dass Russland die Routen kenne, über die der Westen Waffen an die Ukraine liefern wolle. Die gelieferten Waffen sollen ihm zufolge zum Ziel der von offizieller Seite so bezeichneten "Spezialoperation" werden, "sobald sie das Territorium der Ukraine erreichen".

Lawrow behauptete weiterhin, das russische Militär tue "alles in seiner Macht Stehende, um zivile Opfer zu vermeiden". Die Ukraine hingegen meldet täglich zivile Opfer. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte gab die Zahl getöteter Zivilisten zuletzt mit 2899 an, die tatsächlichen Zahlen sollen allerdings erheblich höher sein.

Sergej Lawrow | dpa

Russland sei nicht im Krieg mit der NATO, sagte der russische Außenminister Lawrow in einem Interview. Bild: dpa

Die Verhandlungen mit Kiew über den Entwurf eines möglichen Abkommens zur Beendigung des Kriegs laufen nach Lawrows Darstellung nicht gut.

Selenskyj hatte nach Angaben der "Ukrajinska Prawda" gesagt, es bestehe ein hohes Risiko, dass Kiew die Verhandlungen mit Moskau abbreche. Er forderte erneut direkte Verhandlungen mit Kremlchef Wladimir Putin.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

US-Militär: Ukrainischer Widerstand hält Offensive auf

Nach Angaben aus dem US-Verteidigungsministerium geht die russische Offensive in der Ukraine deutlich langsamer voran als geplant. Dazu trage der Widerstand der Ukrainer bei, hieß es aus dem Ministerium. Das US-Militär gehe davon aus, dass Russland bei seinem Vorgehen im Donbass in der Ostukraine seinen eigenen Zeitplan nicht einhalte.

Es gebe eine Verzögerung von vermutlich "mindestens mehreren Tagen". Die russischen Truppen kämen nicht gleichmäßig voran beim Versuch, nach Norden aus Mariupol vorzurücken, um sich den ukrainischen Soldaten von Süden her zu nähern.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30. April 2022 um 09:00 Uhr und 10:00 Uhr.